Mönchengladbach - Andre Schubert, Trainer von Borussia Mönchengladbach, im großen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de darüber, wie sich Druck und Erwartungshaltung auf einen Trainer auswirken, er analysiert Heimstärke und Auswärtsschwäche der Fohlen

bundesliga.de: Herr Schubert, Sie haben kürzlich ein lesenswertes, weil sehr offenes Interview gegeben für eine Branche, in der es nicht zu den beliebtesten Eigenschaften zählt, auch einmal Verletzlichkeit zu zeigen...

André Schubert: Sie beziehen sich auf das Interview, in dem ich gesagt habe, dass man auch schon mal das eine oder andere Tränchen verdrückt hat, wenn man einstecken musste. Das ist aber nicht so zu interpretieren, dass ich flennend zuhause gesessen hätte (lacht)...

bundesliga.de: ...das hat ganz sicher auch niemand so verstanden.

Schubert: Ich musste einige Erfahrungen sammeln und die haben manchmal auch weh getan, daraus lernt man aber oft am meisten. Dennoch musst Du versuchen, nicht alles so nah an Dich herankommen zu lassen und die Ruhe zu bewahren in diesem manchmal stürmischen Beruf. Ich finde zum Beispiel, dass Bruno Labbadia überragend mit der Situation beim Hamburger SV umgegangen ist. Er hat sich von der Emotionalität der Situation nicht anstecken lassen, hat die Ruhe bewahrt und war immer kontrolliert.

bundesliga.de: Angesichts des Drucks und der Erwartungshaltung ist das häufig wohl nicht immer leicht?

Schubert: Man muss lernen, damit umzugehen. Wenn etwas Negatives passiert, muss man sich seine Gedanken machen und sich selbstkritisch reflektieren. Trotzdem sollte man berücksichtigen, dass Fußball ein sehr emotionaler Sport ist. Einerseits wird von einem Trainer zurecht erwartet, dass er direkt nach dem Schlusspfiff cool, gelassen und fachlich top das Spiel analysiert. Andererseits sieht man aber auch gerne, wenn Trainer oder Spieler Emotionen zeigen.

bundesliga.de: Und nachher wird sich darüber beschwert.

Schubert: Gefühlt geht jede zweite Frage auf die Emotionen aus, "Wie haben Sie diese oder jene Situation empfunden?", "Wie fühlen Sie sich nun?" und so weiter. Und ich halte es für völlig normal, wenn man in einer angespannten Situation auch mal einfach nur Mensch ist. Nichtsdestotrotz muss das in einem gewissen Rahmen bleiben, nach dem Spiel und gerade auch während des Spiels. Denn die Mannschaft braucht ihren Trainer manchmal emotional und muss angetrieben werden. Dennoch muss der Trainer auch kühlen Kopf bewahren, um entscheiden zu können, was vielleicht taktisch verändert werden muss. Diese Balance ist nicht immer leicht. Aber das ist nun mal die Aufgabe.

bundesliga.de: Sie sind etwas mehr als ein Jahr und, wie es aktuell aussieht, mindestens noch einmal doppelt so lange Trainer von Borussia Mönchengladbach. Waren Sie überrascht vom frühen Zeitpunkt der Vertragsverlängerung?

Schubert: Normalerweise hätte man das wohl eher für die Winterpause erwartet. Nun ist es eben zwei Monate früher passiert. Heute sind die Herangehensweisen unterschiedlich. Die einen wollen sich nur noch für ein Jahr binden, die anderen eher längerfristig, um zu dokumentieren, dass man gemeinsam einen gewissen Weg gehen möchte. Letztlich aber ist und bleibt es Profifußball, und da geht es um Erfolg. Wir haben bei Borussia jetzt ein komplettes Jahr zusammengearbeitet und haben uns gut kennengelernt. Und neben den Erfolgen, die wir erzielt haben, ist sowohl den Verantwortlichen als auch mir die Art und Weise wichtig, in der wir zusammenarbeiten. Hier haben beide Seiten großes Vertrauen zueinander. Da kann es mit der Verlängerung dann schneller gehen als von außen erwartet.

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bundesliga.de: Ein Jahr Borussia, war das für Sie Anlass für ein Zwischenfazit?

Schubert: Von Zwischenfazits bin ich kein allzu großer Freund – was selbstverständlich nicht bedeutet, dass ich unsere Entwicklung nicht stetig analysieren und mich nicht intensiv etwa mit unserer Auswärtsbilanz beschäftigen würde.

bundesliga.de: Stichwort Auswärtsbilanz: Ihre Mannschaft spielt auswärts zwar einen ähnlich dominanten Fußball wie zuhause und hat dort sogar mehr Ballbesitz als im Borussia Park, belohnt sich dafür aber nicht. Wo sehen Sie die Ursache?

Schubert: Das Mehr an Ballbesitz auswärts ist zwar nicht exorbitant, aber es stimmt, dass wir auswärts ähnlich selbstbewusst auftreten wollen wie zuhause und häufig den besseren Spielaufbau haben als der Gegner. Aber wir sind zuhause im letzten Drittel, was den Abschluss anbetrifft, entschlossener und spielen mutiger. Dagegen haben wir auswärts weniger Torabschlüsse und schießen entsprechend auch weniger Tore.

bundesliga.de: Also ist es eine Frage der Psychologie?

Schubert: Natürlich hat das auch damit zu tun. Zuhause spielen wir sehr mutig, mit viel Tempo und viel Zug zum Tor. Wir suchen im Strafraum das Eins-gegen-Eins, oder den Torschuss, während wir auswärts eher noch einmal abbrechen oder den Ball quer legen. Fußball findet nun mal auch im Kopf statt. Bloß sind das die weichen Faktoren, die sich nur schwer greifen lassen. Selbstvertrauen lässt sich schwer auf einer Skala bewerten. Und wenn nach vorne das Selbstvertrauen und damit die Konsequenz etwas fehlt, ist man vielleicht hinten auch einen Tick anfälliger. Daran müssen wir arbeiten, dürfen dabei aber nicht vergessen, dass es sich bei unserem Team um eine relativ junge Mannschaft handelt, gerade in der Defensive, wo mit Andreas Christensen und Nico Elvedi zwei 20-jährige stehen. Mahmoud Dahoud im zentralen Mittelfeld ist ebenfalls erst 20. Und auch die meisten anderen sind noch längst keine alten Hasen. Entwicklungen brauchen Geduld und die haben wir mit den Jungs.

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bundesliga.de: Fehlt nach dem Weggang von Granit Xhaka aktuell jemand, der – im positiven Sinne – auch schon mal dazwischenhaut?

Schubert: Natürlich ist Granit Xhaka ein außergewöhnlicher Spieler und er war mit seiner besonderen Art ein wichtiger Leader der Mannschaft. Aber nun ist er bei Arsenal und wir bauen wieder neu auf, denn mit Havard Nordtveit ist ein zweiter wichtiger, auch aggressiver und zweikampfstarker Stammspieler der letzten Saison nicht mehr bei uns. Jede Mannschaft hat Stärken und Schwächen. Wir haben eine besondere Stärke in der Offensive, müssen aber lernen, auch als Kollektiv in jedem Spiel zu verteidigen. Gegen Barcelona waren alle voll des Lobes über unsere spielerische Qualität, aber auch über unsere hervorragende Defensivarbeit. Und dann verliert man auf Schalke in der zweiten Hälfte ein Spiel und gleich kochen bei einigen die Emotionen extrem hoch. Bei einer klaren Niederlage kann ich das natürlich verstehen, aber wir müssen sachlich analysieren wie nach jedem anderen Spiel auch.

bundesliga.de: Hat die Niederlage gegen den FC Schalke 04 dennoch zu einem Umdenken in Bezug auf Borussias grundsätzliche taktische Ausrichtung geführt?

Schubert: Wir haben schon in einigen Spielen der noch jungen Saison etwas defensiver bzw. zweikampforientierter begonnen wie in Bern oder auch gegen Bayer Leverkusen zuhause. Das hängt auch von Aufgabe, Gegner und anderen Faktoren ab. Auch auf Schalke haben wir etwas defensiver orientiert begonnen. Und das ist sicherlich auch zukünftig ein Ansatz, insbesondere auswärts, wo wir uns für unsere spielerische Überlegenheit nicht so belohnen wie zuhause.

bundesliga.de: Gehen Sie mit der Dreierkette vielleicht auch taktisch viel Risiko?

Schubert: Wir sind grundsätzlich offensiv ausgerichtet, wollen unsere Qualitäten dort natürlich auch ausnutzen. Aber wie offensiv oder defensiv wir agieren, hängt weniger von Systemen oder Ketten ab, sondern eher mit der Anzahl defensiv bzw. offensivorientierter Spieler und dem taktischen Plan. Wir haben im Spielaufbau als Basis eine Dreierkette wie viele anderen Teams auch. Gegen den Ball kommt es letztlich darauf an, mit wie vielen Offensiven der Gegner agiert. Bei Ballverlust lässt sich einer der beiden Sechser oder ein Außenbahnspieler in die Kette zurückfallen und komplettiert zur Vierer- oder gar Fünferkette. Diese Variabilität ist sicher für viele ungewohnt.

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bundesliga.de: Fußballerisch spielt Ihre Mannschaft dabei vielleicht sogar den attraktivsten Fußball der Liga ...

Schubert: Das ist ein schönes Kompliment, das ich gerne an die Mannschaft weitergebe. Dass mittlerweile viele Teams hoffen, gegen uns vielleicht eines der Spiele des Jahres machen zu können und dass uns heute auch Mannschaften wie der FC Barcelona oder Manchester City ernst nehmen, haben wir uns mit unseren guten Leistungen selbst eingebrockt. (lacht) Auch damit müssen wir uns auseinandersetzen, weil unsere jungen Spieler das noch nicht gewohnt sind. Denn bei aller Freude über Komplimente ist es natürlich falsch, wenn uns der eine oder andere schon als europäische Spitzenmannschaft sieht. Das ist Quatsch! Zählt man die internationalen Spiele zusammen, die unsere Spieler bestritten haben, und vergleicht das mit denen unserer Gegner wie Barca oder Man City, sind wir noch weit davon entfernt, eine europäische Spitzenmannschaft zu sein. Wir sind eine gute Bundesliga-Mannschaft. Und wenn wir alles abrufen, was wir können, auch eine sehr gute, die jeden Gegner ärgern kann. Aber wir können in dieser starken Liga auch gegen jeden Gegner verlieren.

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bundesliga.de: In den kommenden drei Wochen warten nun sieben Spiele auf Ihr Team. Eine enorme physische und psychische Belastung für die Spieler. Wie groß ist diese Belastung für einen Trainer?

Schubert: Das bedeutet sehr viel Arbeit und kostet sehr viel Zeit. Man muss immer wieder das eigene Spiel, aber auch das des jeweils nächsten Gegners analysieren. Das heißt, dass man sich sehr genau Gedanken macht, wie man den Gegner bespielen kann, und das im Training auch ausprobieren muss. Bloß bleiben in diesen Wochen wegen des Drei-Tage-Rhythmus’ nicht allzu viele Trainingseinheiten. Und für Dinge wie Gespräche mit den Spielern, für die man bei Spielen im Wochenrhythmus fünf Tage Zeit hat, bleiben jetzt nur anderthalb oder zwei Tage. Da muss für Trainingsplanung etc. schon mal die eine oder andere Nachtschicht eingelegt werden.

Das Gespräch führte Andreas Kötter