Lilleström - Alexander Rosen, 36, spielte in seiner Laufbahn als aktiver Fußballer auch zwei Jahre in Norwegen und lernte bei Follo FK nebenbei wie ein Verein geleitet wird. Nun ist Rosen bereits seit zweieinhalb Jahren Direktor Profifußball der TSG 1899 Hoffenheim in der Bundesliga. Derzeit befinden sich die Hoffenheimer in Norwegen im Trainingslager. Die Badener sind der erste Bundesligist, der sich in Norwegen auf eine Saison vorbereitet, sie wollen durch ihre Präsenz in Skandinavien für sich und die Bundesliga werben.

Im Interview mit bundesliga.de erklärt Rosen, was die TSG aus der schwachen Rückrunde der vergangenen Saison gelernt hat, warum der Weggang von Firmino eine Chance ist und die Bundesliga keine Angst vor dem Geld der Premier League haben muss.

 "Vorrunde gespielt, die von mehr träumen ließ"

bundesliga.de: Herr Rosen, am Anfang ihres Wirkens vor zweieinhalb Jahren galt die Rettung im Abstiegskampf als oberstes Ziel, dann ging es um die "Rückkehr auf den Hoffenheimer Weg", und im letzten Saison um eine "stabile Weiterentwicklung" der Mannschaft. Wie lautet Ihre Überschrift der TSG für die kommende Runde?

Rosen: Die neue Saison muss sicher mit dem Wort Umbruch in Verbindung gebracht werden. Kapitän Andreas Beck ist zu Besiktas Istanbul gewechselt, Sejad Salihovic ging nach China. Die beiden letzten Spieler aus der Mannschaft, die 2008 Herbstmeister wurde, sind nicht mehr bei der TSG. Das ist natürlich für Verein und Fans etwas Besonderes. Zudem wechselte der Spitzenspieler der vergangenen beiden Jahre, Roberto Firmino, nach Liverpool. Solche Prozesse in der Kaderentwicklung kommen irgendwann, davor ist kein Club gefeit. Nun haben wir aber wieder einen jungen, spannenden Kader, der viel Vorfreude macht. Aber natürlich schwingt auch eine gewisse Unsicherheit mit. Die Antennen sind auch angesichts unseres schweren Auftaktprogramms von Beginn an ausgefahren.

bundesliga.de: Zumal die Rückrunde der vergangen Saison nicht optimal verlaufen ist, oder?

Rosen: In der Rückschau wird man dem Saisonverlauf nur gerecht, wenn man differenziert analysiert. Wir haben eine Vorrunde gespielt, die von mehr träumen ließ. In der Rückrunde sind wir aber immer wieder an der Hürde gescheitert, die die Mannschaft hätte überspringen müssen, um besser abzuschneiden. Am Ende stand mit Rang Acht aber immer noch die zweitbeste Platzierung unserer Bundesliga-Historie. Dennoch wäre es nun die falsche Herangehensweise, ein Saisonziel Platz 7+ auszurufen.

"Stagnation muss man mal aushalten können"

bundesliga.de: Trotzdem ist die Erwartungshaltung gestiegen, die Enttäuschung bei den Fans war groß.

Rosen: Die Enttäuschung war vor allem bei uns selbst, den Spielern und den Verantwortlichen, da. Wir haben viele ehrgeizige Spieler, die noch nie in so einer Situation waren – was auch daran lag, dass wir in der letzten Saison das viertjüngste Team der Bundesliga stellten. Wir haben unser Ziel, mehr Balance zwischen Offensive und Defensive zu bekommen, erreicht und weniger Gegentore kassiert. Man hat uns aber unterstellt, dafür an Offensivstärke eingebüßt zu haben. Das ist falsch: In der Statistik waren wir nämlich bei den herausgespielten Großchancen unter den besten drei Teams der Bundesliga – im Auslassen dieser Chancen aber leider auch unter den Top 3. Das muss man in der Aufarbeitung einer Runde auch bedenken. Aber klar: Im letzten halben Jahr ging es nicht so kontinuierlich aufwärts wie in den Jahren zuvor. Eine Stagnation muss man auch mal aushalten können. Die Ansprüche von außen ehren uns zwar und sind auch eine Bestätigung der geleisteten Arbeit, aber wir lassen uns nicht dazu drängen zu sagen, wir müssen Sechster werden. Das ist durch keine Fakten zu belegen.

bundesliga.de: Warum?

Rosen: Die ersten sechs Vereine der Tabelle sind allen anderen in Bezug auf Umsatz und Etat meilenweit davongeeilt. Dahinter gibt es eine große Anzahl von Mannschaften, die gerne da vorne reinstoßen würden. Wenn wir wieder die Chance bekommen, über die Hürde zu springen, wollen wir das dann natürlich schaffen – aber das ist nicht vor Saisonbeginn unser Anspruch. Und dass es in einem Wettbewerb wie der Bundesliga für einen Verein wie uns nicht immer nur bergauf gehen kann, ist normal. Diese Erfahrung machen auch andere Vereine. Wir wollen krasse Ausschläge wie in der Vergangenheit vermeiden, unser Grundniveau konstant halten. Und wenn es die Möglichkeit gibt, wollen wir natürlich auch versuchen, immer wieder oben reinzustechen.

bundesliga.de: Aber Zugänge wie Fabian Schär vom Schweizer Serienmeister FC Basel, Offensivkraft Jonathan Schmid vom SC Freiburg oder Stürmer Mark Uth vom SC Heerenveen sind ja nach Hoffenheim gekommen, um hier den nächsten Schritt in ihrer Karriere zu machen.

Rosen: Wir werden natürlich niemanden bremsen, alle sollen sich hohe individuelle und kollektive Vorgaben setzen. Aber wir dürfen als Verantwortliche der Mannschaft keine unrealistischen Ziele überstülpen. Die von mir hochgeschätzten Gladbacher setzen sich als Champions-League-Teilnehmer das Ziel, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen. Gladbachs Trainer Lucien Favre sagt, die Abgänge von Kramer und Kruse müsse man erst mal verkraften. Und die Spiele in der Bundesliga seien einfach wahnsinnig eng. Was für die eine Stufe über uns stehenden Gladbacher gilt, nehmen wir für uns erst recht in Anspruch.

"Der Verlust von Firmino ist eine Chance"

bundesliga.de: Warum wirkte das Spiel in der vergangenen Rückrunde so holprig?

Rosen: Der beste Pass ist schnell, flach und präzise. Das haben wir in der Rückrunde nicht mehr so gespielt, wie wir uns das gewünscht hätten. Wir sind außerdem auf mehr Gegner getroffen, die Respekt vor unserem Pressing und Gegenpressing hatten und den ersten Ball über unser Mittelfeld hoch nach vorne gespielt haben. Dann haben wir den Ball wieder schnell nach vorne gespielt - und so entstand oft ein ungeordnetes Hin und Her. Wir müssen wieder den richtigen Moment finden, den tiefen Ball zu spielen. Und mit mehr Ballbesitz brauchen wir im Spielaufbau wieder präzisere Pässe.

bundesliga.de: Deshalb wurde der Schweizer Nationalverteidiger Fabian Schär verpflichtet?

Rosen: In Spielen, in denen die Gegner hinten drin stehen, werden Abwehrspieler zu Spielmachern. Wir wollen flache Bälle von hinten raus, und da liegen die Stärken von Fabian Schär. Aber wir wollen, dass sich alle unsere Abwehrspieler in diese Richtung entwickeln.

bundesliga.de: Wie verändert sich das Spiel der TSG durch den Weggang von Firmino, auf den das Spiel in der Offensive zugeschnitten war?

Rosen: An der Grundausrichtung wird sich nichts ändern. Es können sich aber Veränderungen in der Grundordnung und der Ausrichtungen auf den Gegner hin ergeben. Wir haben in Andi Beck und Roberto zwei Spieler verloren, die Verantwortung auf dem Platz übernommen haben. Jetzt müssen andere in diese Rolle hineinwachsen - und wir haben Spieler, die das können: Pirmin Schwegler war Kapitän in Frankfurt, Kevin Volland ist Spielführer in der U 21, Oli Baumann war in Freiburg Kapitän, Eugen Polanski hat Führungsqualitäten. Wenn man einen Spieler wie Firmino mit dieser Top-Qualität verliert, ist dieser Verlust nicht 1:1 zu ersetzen. Wir begreifen den Verlust aber auch als Chance, sowohl was die individuelle Entwicklung der Spieler aber auch die Entwicklung der Mannschaft und der Hierarchie angeht

Im zweiten Teil des Interviews spricht Alexander Rosen über die Ablöse für Roberto Firmino und die TSG in Indien.

Das Interview führte Tobias Schächter