Lwiw - Mario Gomez kam, sah - und wurde gleich zum Matchwinner: Der Angreifer des FC Bayern München, den Bundestrainer Joachim Löw kurz vor Spielbeginn unerwartet anstelle von Miroslav Klose aus dem Hut gezaubert hatte, hat der deutschen Nationalmannschaft einen EM-Start nach Maß beschert. Der Titelanwärter mühte sich gegen Portugal lange vergeblich, gewann aber dank eines späten Kopfballtreffers des Stürmers (72.) etwas schmeichelhaft mit 1:0 (0: 0). Torwart Manuel Neuer rettete in der Schlussphase den Zittersieg.

"Das war ein weiter Weg bis hierhin. Ich bin froh, dass der Trainer mir das Vertrauen geschenkt hat. Es war von vornherein klar, dass der Miro noch reinkommt", meinte Gomez. Sein erster Treffer bei einem großen Turnier, erzielt auf Vorlage von Sami Khedira, und Neuers Glanzparaden verschafften dem Vize-Europameister eine glänzende Ausgangsposition. Da der vermeintliche Titelkandidat Niederlande gegen Dänemark sensationell 0:1 verloren hat, kann die DFB-Auswahl am Mittwoch in Charkow den Einzug ins Viertelfinale perfekt machen und dem Erzrivalen den K.o.-Schlag versetzen.

Überzeugend war der deutsche Auftritt vor 32.990 Zuschauern in Lwiw insgesamt nicht. Zwar legte der EM-Zweite von 2008 den portugiesischen Superstar Cristiano Ronaldo weitgehend an die Kette - doch in der Offensive spielte die junge deutsche Elf selbst zu selten entfesselt. Mehrmals half hinten auch das Glück: Pepe, einer der portugiesischen Innenverteidiger, schoss an die Unterkante der Latte - von dort prallte der Ball genau auf die Linie (45.). Eindeutig kein Tor.

Nani an die Latte



"Wichtig ist, dass wir heute gewonnen haben. Es gehört harte Arbeit dazu. Es war wie in der Sauna hier. Es geht nur über die Mannschaft", erklärte Kapitän Philipp Lahm nach dem Schlusspfiff.

In der 84. Minute rutschte Nani bei der portugiesischen Schlussoffensive eine Flanke ab, der Ball flog erneut gegen die Latte. Zwei Minuten vor Schluss rettete Neuer spektakulär gegen Silvestre Varela.

Überraschung in der Startelf



Löw hatte im Gegensatz zu seinen sonstigen Gewohnheiten neben Gomez eine weitere Überraschung parat: Dass Jerome Boateng auf rechts verteidigen durfte, war noch absehbar gewesen. Aber plötzlich stand da in der Innenverteidigung neben Holger Badstuber der Dortmunder Mats Hummels, nicht Per Mertesacker. Ein Coup, ein Risiko, das nicht bestraft wurde. Hummels wirkte etwas nervös, aber solide, er harmonierte ordentlich mit Badstuber.

Boateng und Gomez führten sich im kleinsten Stadion dieser EM gleich gut ein. Der Sekundenzeiger hatte gerade mal eine Runde absolviert, da flankte der Abwehrspieler auf den Angreifer - und bei dessen Kopfball aus etwa zehn Metern musste sich der portugiesische Torhüter Rui Patricio gewaltig strecken. Es blieb zunächst der einzige Höhepunkt, bis Lukas Podolski, der in seinem 98. Länderspiel mit Michael Ballack gleichzog, aus 18 Metern halblinker Position einfach mal draufhielt (9.).

Portugal steht kompakt



Die deutsche Mannschaft war von Beginn an bemüht, konstruktiv und schnell nach vorne zu spielen - die Portugiesen allerdings hatten etwas dagegen. Sie waren gut postiert, verschoben geschickt, boten kaum Räume oder Lücken an. Wenn doch, wie ab und an in der zweiten Halbzeit, rutschten die Portugiesen teils im halben Dutzend in die Hereingaben, um ein Gegentor zu verhindern.

Zwar versuchte Bastian Schweinsteiger, den Strategen zu geben, zündende Einfälle aber kamen ihm kaum. Auch von Mesut Özil war wenig zu sehen, über Podolski und Thomas Müller auf den Außenbahnen ging ebenfalls wenig. Das Tor der Portugiesen war zunächst selten in Gefahr.

Ronaldo abgemeldet



Hummels, der in der zweiten Halbzeit an Sicherheit gewann, war früh in Erscheinung getreten - mit einem zu kurzen Rückpass auf Neuer. Helder Postiga rutschte mit offener Sohle heran - streifte den deutschen Torhüter aber nur am Schienbein, nicht auszudenken, hätte er ihn voll getroffen. Schiedsrichter Stephane Lannoy beließ es bei Gelb, Neuer konnte weiterspielen.

Der einsamste Mann auf dem Spielfeld war zunächst Ronaldo. Der Torjäger von Real Madrid sah den Ball meist nur aus der Ferne, die Deutschen griffen die Mitspieler des portugiesischen Mannschaftskapitäns derart resolut an, dass diese Mühe hatten, das Spielgerät zu verarbeiten und danach zu ihrem Anführer weiterzuleiten. Nach 18 Minuten allerdings ließ Ronaldo mit einem vierfachen Übersteiger Boateng erstmals alt aussehen, passte nach innen - und prompt war Gefahr da.

Löw fordert Steigerung



Fast schien es jedoch, als seien die deutschen Spieler zu sehr damit beschäftigt, die Kreise des früheren Weltfußballers einzuengen - Platz für Kreativität blieb wenig. Gomez rieb sich auf, kämpfte, dem Bayern-Stürmer war kein Vorwurf zu machen; er bekam wie Ronaldo zu selten Zuspiele.

"Beide Mannschaften haben die Räume eng gemacht. Wir waren aufsässig und hatten unsere Möglichkeiten. Das Tor von Mario war gut für die Mannschaft. Wir haben 1:0 gewonnen, das ist das allerwichtigste", analysierte Löw, befand aber auch: "Wir müssen uns weiter verbessern, das Turnier hat jetzt begonnen. Wir müssen uns noch mehr Torchancen erarbeiten."


Deutschland: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger, Khedira - Müller (90.+4 Bender), Özil (87. Kroos), Podolski - Gomez (80. Klose) - Trainer: Löw

Portugal: Rui Patricio - Joao Pereira, Pepe, Bruno Alves, Fabio Coentrao - Miguel Veloso - Joao Moutinho, Raul Meireles (81. Varela) - Nani, Helder Postiga (70. Oliveira), Cristiano Ronaldo - Trainer: Bento

Schiedsrichter: Stephane Lannoy (Frankreich)

Tor: 1:0 Gomez (72.)

Zuschauer: 32.990

Gelbe Karten: Badstuber - Helder Postiga, Fabio Coentrao