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Köln - Mit 153 Treffern, davon zwischen 1978 und 1982 satte 131 für Hannover 96, ist Dieter Schatzschneider bis heute der Rekordtorschütze der 2. Bundesliga. Im Interview mit bundesliga.de spricht Schatzschneider, der heute in verschiedenen Funktionen für 96 tätig ist, über das Stürmer-Dasein in der Bundesliga und 2. Bundesliga, über die Entwicklung des Fußballs in den vergangenen Jahrzehnten und über den Fußball als Schule fürs Leben.

bundesliga.de: Herr Schatzschneider, Sie sind mit 153 Treffern noch immer Rekordtorschütze und damit für die 2. Bundesliga das, was Gerd Müller für die Bundesliga ist. War Müller damals für Sie ein Vorbild?

Dieter Schatzschneider: Gerd Müller ist heute noch ein Vorbild für mich. Schon als Kind wollte ich immer so sein wie er. Und obwohl Miroslav Klose Müllers Nationalmannschaftsrekord gebrochen hat, halte ich Gerd nach wie vor für den Inbegriff eines Strafraumspielers. Was meinen Rekord betrifft: Da glaube ich, dass der noch lange Bestand haben wird. Denn wenn heute einer in der 2. Bundesliga zwanzig Tore macht, spielt er in der kommenden Saison schon Bundesliga.

bundesliga.de: Sie selbst haben später in der Bundesliga getroffen, für den Hamburger SV, für Schalke 04 und für Hannover 96. Viele andere berühmte Zweitliga-Torjäger wie Uwe Tschiskale, Gerd-Volker Schock, Volker Graul, Nico Frommer oder nicht zuletzt der heutige Weltmeister-Trainer Joachim Löw hatten größere Schwierigkeiten, ihre Leistung eine Klasse höher zu bestätigen. War das Leistungsgefälle zwischen den Bundesligen damals größer als heute?

Schatzschneider: Ob das Gefälle damals so viel größer war als heute, weiß ich nicht. Fakt ist, dass man damals - nicht anders als heute - als Bundesliga-Stürmer komplett sein musste, wenn man sich durchsetzen wollte. Du brauchtest gutes Kopfballspiel, gutes Kombinationsspiel, gute Ballbehauptung etc. Wer das nicht bieten konnte, hatte es auch damals schon schwer in der Bundesliga. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass den Stürmern auch in der 2. Bundesliga nichts geschenkt wurde und wird. Damals, als noch Mann gegen Mann gespielt wurde, schon gar nicht. Ich glaube sogar, dass es heute einfacher ist Stürmer zu sein, als während meiner aktiven Zeit.

bundesliga.de: Egal ob Bundesliga oder 2. Bundesliga?

Schatzschneider: Völlig egal, heute ist es einfacher! Was soll mir als Stürmer heute schon großartig passieren?! Wenn ich etwa merke, dass ich dem Innenverteidiger auf der halbrechten Seite nicht weglaufen kann und nicht an ihm vorbei komme, dann biege ich eben ab auf halblinks. Und der Trainer und die Kritiker loben mich später sogar noch dafür, dass ich mich so geschickt bewege. Früher aber hast Du es mit Typen wie Karl-Heinz Förster zu tun bekommen. Da gab es kein Jammern, sondern nur Augen zu und durch. Und ich denke, dass das eine sehr gute Lehrzeit war.

bundesliga.de: Wie hat sich der Fußball sonst noch verändert in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten?

Schatzschneider: Der Fußball ist schneller und athletischer geworden. Wichtig war vor allem, dass viele ausländische Trainer im taktischen Bereich immer wieder neue Philosophien entwickelt haben, wie etwa die Viererkette, um nur eine der bedeutendsten Innovationen zu nennen. Aber auch im Umfeld hat sich sehr viel getan. Mittlerweile gibt es ja beinahe für jede Position einen Trainer, der einem etwas beibringen soll.

bundesliga.de: Auch die Anforderungen haben sich verändert...

Schatzschneider: Stimmt. Was mir daran nicht gefällt ist, dass ein Stürmer beispielsweise heute auch bereit sein muss, Abwehraufgaben zu übernehmen. Hätte man mir das gesagt, hätte ich geantwortet "Pass auf, wenn du einen willst, der Abwehraufgaben erledigt, dann wechsel doch einen Abwehrspieler ein!" (lacht). Das heißt aber nicht, dass ich einen Miro Klose nicht bewundern würde. Es ist großartig, wie Miro den ersten Abwehrspieler gibt und 90 Minuten für die Mannschaft arbeitet. Wenn man zudem berücksichtigt, dass er bereits 36 ist, kann man das gar nicht genug loben. Zu meiner Zeit konnten sich Stürmer schon mal eine Verschnaufpause gönnen, das geht heute nicht mehr.

bundesliga.de: Was denken Sie, wenn heute von der "falschen 9" die Rede ist?

Schatzschneider: "Alles Quatsch", denke ich dann. Im Übrigen hat das auch die WM gezeigt. Wir sind mit einem echten Mittelstürmer Weltmeister geworden. Meine Liebe gehört dem Spiel mit zwei oder sogar drei Stürmern, es sollten nie zu wenige Stürmer auf dem Rasen sein. Und den Bundesligatrainern würde ich gerne mit auf den Weg geben: "Macht euch mal Gedanken darüber, ob ein Mittelstürmer wirklich gleichzeitig auch ein Abwehrspieler sein muss." Ich halte einfach nichts davon, dass der Mittelstürmer keulen muss, damit die anderen neun hinter ihm ein bisschen ausruhen können. Der Stürmer muss auch mal durchschnaufen dürfen, um die Kraft zu haben, immer wieder aufs Neue Torgefahr zu entwickeln. Das ist für mich immer noch die Hauptaufgabe eines Mittelstürmers.

bundesliga.de: Früher waren Stürmer die unumstrittenen Helden, heute kann auch ein Sechser oder ein Außenverteidiger der Star der Mannschaft sein. Sind Defensivspieler heute grundsätzlich bessere Fußballer als zu Ihrer Zeit?

Schatzschneider: Absolut! Je mehr du früher gekloppt hast, desto schneller bist du Nationalspieler geworden. Heute musst du als Defensivspieler vom Zweikampfverhalten bis zum Spielaufbau alles beherrschen, sonst hast du keine Chance in der Bundesliga. Diese kompletten Spieler sind heute ganz besonders gefragt. Deshalb sind wir alle auch so bemüht, die Ausbildung immer weiter zu perfektionieren.

bundesliga.de: Wer braucht die stabilere Psyche, der Stürmer oder der Defensivspieler?

Schatzschneider: Immer der Stürmer. Wenn ein Messi oder ein Ronaldo ein Jahr lang nicht mehr treffen würde, wäre es vorbei mit der Liebe der Fans. Ein Stürmer braucht unheimlich viel Selbstvertrauen, wenn er auch einmal schlechtere Phasen überstehen will. Für einen Abwehrspieler ist es dagegen ein bisschen leichter, sich dieses Vertrauen zu holen. Im Zweifel reicht es schon, wenn er einen guten Mann mit einem Tackling stoppen oder am Torschuss hindern kann. Ich selbst hatte auch einige schwächere Phasen, da war bei mir bestimmt nicht immer alles rosarot. Dagegen anzugehen und sich immer wieder nach oben zu arbeiten - das hat mir nicht nur für den Fußball, sondern auch für das Leben per se wirklich etwas gebracht.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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