ANZEIGE

Madrid - Er ist eine lebende Real-Legende: Manuel Sanchís. Nach Raúl (731) hat er mit 710 die zweitmeisten Pflichtspiele in der 112-jährigen Geschichte Reals absolviert. Der 48-Jährige, der zusammen mit Fernando Hierro die Innenverteidigung der Königlichen bildete, wurde unter anderem zwei Mal Champions-League-Sieger und acht Mal spanischer Meister, zudem holte er 1985 und 1986 den UEFA-Pokal. Heute arbeitet Sanchís als Experte beim Staatsfernsehen TVE.

Am Dienstag ist er live dabei in München beim Rückspiel gegen Real (Dienstag, ab 20:30 Uhr im Live-Ticker). Sanchís spricht im bundesliga.de-Interview über seine Eindrücke vom Halbfinalhinspiel, die Taktikspielchen beider Trainer und über seine persönlichen Erfahrungen mit Bayerns Startrainer Pep Guardiola.

bundesliga.de: Señor Sanchís, Sie waren beim Heimspiel Reals gegen Bayern (Spielbericht) live im Stadion. Wie sieht Ihr persönliches Fazit aus? War es für Sie auch, so wie einige Zeitungen hier in Spanien schreiben, eine taktische Meisterleistung von Real Madrid?

Manuel Sanchís: Real Madrid hatte in den ersten 45 Minuten sehr viele Probleme aufgrund des mutigen und forschen Auftretens der Bayern. Die Münchner dominierten zwar, allerdings ohne große Chancen herauszuspielen. Aufgefallen ist mir trotzdem, dass Real, wenn es mal in Ballbesitz kam, durchaus gefallen konnte und zu Torchancen kam. In der zweiten Halbzeit hatte Real etwas mehr Ballbesitz, was den Bayern gar nicht gefallen konnte. Eigentlich ist es schon sehr kurios: Eine Mannschaft dominiert und geht trotzdem leer aus, der Gegner hingegen, der defensiv agierte und sich hinten reinstellte hatte die besseren Torchancen und gewinnt das Spiel auch noch. Jetzt kann man hinterher sagen, dass Real vieles richtig gemacht hat.

bundesliga.de: Waren Sie enttäuscht vom Auftritt der Bayern? Glauben Sie, dass es im Nachhinein ein Fehler war, Lahm nicht als rechten Verteidiger spielen zu lassen? Hätte Pep Guardiola vielleicht neben Mandzukic auch den einsatzfreudigen Müller von Anfang an spielen lassen sollen?

Sanchís: Nach einem Spiel ist es immer sehr einfach zu kritisieren und auf den einen oder anderen einzuschlagen. Pep Guardiola hat zum ersten Mal als Trainer bei Real Madrid verloren, aber seine taktische Vorgabe war exzellent. Trotzdem gab es zwei Szenarien, die ihm nicht entgegenkamen: Seine Mannschaft hatte immer wieder Probleme, das Konterspiel Reals zu neutralisieren. Zudem hat ihr die schlechte Form Ribérys geschadet, das war der Hauptgrund, warum Bayern auf den letzten 20 Metern kaum Durchsetzungsvermögen hatte. Ob Bayern mit einer anderen Aufstellung mehr Erfolg gehabt hätte? Schwer zu sagen. Real hat normalerweise genügend Qualität, um sich auf Modifizierungen einzustellen. Bayern hat einfach auf den letzten 20 bis 30 Metern mehr Aggressivität gefehlt, um das Tor von Casillas zu gefährden.

bundesliga.de: Viele haben nach der Partie die Spielphilosophie der Bayern kritisiert. Es wurde von langem Ballgeschiebe ohne Effektivität gesprochen. Wie beurteilen Sie als Ex-Profi die Spielanlage der Münchner beim Hinspiel?

Sanchís: Vorab muss ich sagen, dass es sehr opportunistisch ist, jetzt die Spielweise der Bayern kaputtzureden. Bayern ist mit dieser Spielkultur Meister geworden und das in historischer Rekordzeit. Ich finde es nicht korrekt, dass die Mannschaft jetzt wegen eines einzigen Spiels von einigen was auf die Schnauze bekommt. Die Taktik Guardiolas hat ein Gütesiegel und das sollte man auch respektieren. Natürlich gibt es manchmal Spiele, bei denen man mit so einer Spielanlage keine Früchte erntet. Ich denke, dass wir mit einem Ribéry in Topform das große Bayern gesehen hätten, welches wir so oft gesehen haben.  

bundesliga.de: Sie haben auch die 0:2-Niederlage Reals in Dortmund gesehen. Was kann Real von dort gelernt haben? Inwieweit besteht die Gefahr, dass Real in München die gleichen Fehler begeht?

Sanchís: Es gibt auch im Fußball eine Grundsatzregel: Die Fehler begeht man, weil niemand perfekt ist. Zunächst mal ist das Hinspielergebnis ein ganz anderes als das gegen Dortmund. Natürlich könnte es passieren, dass mancher bei Real denkt, man müsse das Resultat verteidigen, dabei gehört es gar nicht zur DNA Reals, Ergebnisse zu verteidigen. Es gab einen interessanten Schachzug von Ancelotti in Dortmund, als er mit zwei Einwechselungen in der zweiten Halbzeit das Angriffsspiel der Borussen ganz gut in den Griff bekam. Real darf sich in München nicht hinten reinstellen, Real muss ebenfalls die Offensive suchen. (FCB-Legende Paul Breitner im Interview)

bundesliga.de: Reals Trainer Carlo Ancelotti hat ja im Hinblick auf die Duelle gegen Bayern sogar seinen damaligen Meistertrainer Arrigo Sacchi konsultiert. Ist das auch ein Zeichen dafür, wie schwer es ist, gegen den aktuellen Champions-League-Sieger zu gewinnen? 

Sanchís: Ich habe davon auch gehört und es ist klar, dass Real gegen den Champions-League-Sieger spielt, der auch zwei weitere Titel gewonnen hat und über 16, 17 Weltklassespieler verfügt. Da muss man natürlich alle Register ziehen. Bayern hat zudem einen Trainer, dessen Spielphilosophie nicht nur im Verein sondern auch in der Nationalmannschaft angewendet wurde. Bayern ist sehr schwer zu spielen, deswegen muss sich Ancelotti natürlich etwas Spezielles ausdenken, um dem entgegen zu wirken.

bundesliga.de: Spielt Real so, weil es Ancelottis Spielphilosophie ist oder weil Real schon seit Jahren, davor schon mit José Mourinho, ähnlich aufgestellt war?

Sanchís: Es stimmt schon, dass Real auch unter Mourinho sehr auf das Konterspiel gesetzt hat. Trotzdem hat Ancelotti interessanterweise immer wieder neue Varianten ausprobiert, was immer wieder vom Gegner abhängt. Ancelotti wusste im Hinspiel, dass er gegen die Spielanlage der Bayern nur so spielen lassen konnte und genauso haben es seine Spieler auch umgesetzt. Real hat nun mal sehr schnelle, konterstarke Spieler und diesen Pluspunkt versucht er selbstverständlich auszunutzen.

bundesliga.de: Inwieweit sind Bale und Ronaldo in Topform wichtig für das Rückspiel?

Sanchís: Es wäre enorm wichtig, wenn beide beim Rückspiel von Beginn an dabei sein könnten. Beide sind Spieler, die man gerade in solchen eminent wichtigen Spielen braucht. Beide sind während der ganzen Saison nicht nur als Torschützen, sondern auch als Vorlagengeber aufgefallen. Beide haben mit die meisten Tore bei Real erzielt. Zudem denke ich, dass eine Präsenz beider Spieler den Bayern Sorgenfalten auf die Stirn treiben würde. Aus diesen Gründen wäre es für Real wie ein Ass in der Hinterhand, wenn Bale und Ronaldo dabei wären.

bundesliga.de: Sie sind am Dienstag als Experte für TVE in der Allianz Arena im Einsatz. Glauben Sie, dass Real Madrid taktisch im Rückspiel genauso auftreten wird, vielleicht sogar noch etwas defensiver?

Sanchís: Zunächst darf man nicht vergessen, dass 90 Minuten sehr lang sein können, erst recht bei so einer knappen Führung gegen ein absolutes Weltklasseteam wie Bayern München. Real darf bloß nicht vergessen, dass man in München treffen muss. Real darf nicht die ganze Zeit verteidigen, denn dann kann es sehr schnell passieren, dass alles in die Hose geht. 

bundesliga.de: Real hat in München nie gewonnen. Immer wieder kommt diese Geschichte von der "Schwarzen Bestie" auf. Ist das psychologisch eine Belastung für Real, gerade mit dieser knappen Führung jetzt?

Sanchís: Es stimmt, dass Deutschland generell schon fast immer verbotenes Land war, auch wenn man im Achtelfinale Schalke ausschaltete und dann eine Runde weiter Borussia Dortmund. Aber die Geschichten sind auch dazu da, damit sie irgendwann mal zu Ende gehen. München war immer das schwerste Pflaster für Real, sollte man gegen die Bayern ins Endspiel kommen, würde das die Legende von der "Schwarzen Bestie" stark abschwächen. Wie auch immer: Wir reden bei Real von Top-Profis, die mit Druck umgehen können. Ich glaube nicht, dass diese Geschichte eine Belastung für die Spieler ist.

bundesliga.de: Sie waren 18 Jahre lang Profi bei Real, hatten es in der Zeit auch immer wieder mit Bayern zu tun. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Duelle gegen den FCB?

Sanchís: Erinnern Sie mich bloß nicht daran (lächelt). Es waren immer Duelle gegen große Bayern-Mannschaften mit tollen Kadern, die aber damals sehr "deutsch" gespielt haben, also mit sehr viel Körpereinsatz und einer scheinbar unendlichen Kondition. Sie haben uns mehrmals geschlagen, aber auch wir haben damals gegen sie gewonnen. Wenn man in Europa von dem Klassiker spricht, dann steht ganz oben Real Madrid gegen Bayern München.

bundesliga.de: Gab es unter diesen Duellen ein ganz spezielles?

Sanchís: Ich erinnere mich ganz speziell an das Halbfinalduell gegen Bayern in der Saison 1999/2000. Wir hatten das Hinspiel 2:0 gewonnen, im Rückspiel rettete uns bei der 2:1 Niederlage in München das Kopfballtor von Nicolas Anelka. Es war ein Spiel auf Messers Schneide, wir konnten das Ergebnis über die Zeit retten. Eine ganz enge Kiste. So kamen wir dann ins Finale gegen den FC Valencia, den wir relativ deutlich mit 3:0 schlugen. 

bundesliga.de: Pep Guardiola war über viele Jahre ihr Rivale und gleichzeitig Kollege in der Nationalmannschaft. Was können Sie uns von der damaligen Zeit mit Pep erzählen? Was haben Sie Besonderes mit ihm erlebt?

Sanchís: Er war von Beginn an eine Führungspersönlichkeit auf dem Platz, er wollte ein Leader sein, kam aus der berühmten Barca-Schule "La Masía" so wie zum Beispiel auch Guillermo Amor, Xavi oder auch der aktuelle Bayernspieler Thiago. Er hat dem Spiel seinen Stempel aufgedrückt, im Verein und in der Nationalmannschaft. Er hat sich nie im Erfolg gesonnt, wollte immer weiter und weiter machen. Nur so kann man über viele Jahre erfolgreich im Leistungssport sein. Diesen Ehrgeiz hat er auf seine Trainertätigkeit übertragen. (Guardiolas härteste Prüfung)

bundesliga.de: Viele Ex-Spieler sagen, Guardiola hatte als Spieler schon das Trainergen. Er hätte nach Spielen vieles hinterfragt und analysiert. Wie haben Sie ihn erlebt?

Sanchís: Man konnte damals schon erkennen, dass er irgendwie schon wie ein Trainer gedacht hat, er hat sich mit den Mannschaftskollegen über die verschiedenen Spielsituationen Gedanken gemacht. Viele andere Spieler sind nicht so, erfüllen einfach nur ihren Job. Er war da ganz anders.

bundesliga.de: Sie haben selber zwei Mal die Champions League mit Real gewonnen, einmal mit Jupp Heynckes und das zweite Mal mit Vicente del Bosque. Real sehnt sich nach "la décima", dem zehnten Champions-League-Titel. Der Druck von außen ist enorm. In wieweit ist diese Sehnsucht eher kontraproduktiv für Real? Seit zwölf Jahren hat man die Fans immer wieder schwer enttäuscht...

Sanchís: Es ist schon zwölf Jahre her, dass der neunte und letzte Champions-League-Titel gewonnen wurde. Jeder Spieler, der neu dazukommt, spürt den Druck, diesen ersehnten Titel zu holen. Sie haben wahrscheinlich das Transparent beim Hinspiel gesehen auf dem stand: "Könige von Europa". Das ist der Anspruch Reals. Wir sind bei Real aber auch realistisch. Es gibt andere Topteams, die das gleiche Ziel verfolgen, so wie eben Bayern München. Real will und muss versuchen, jede Saison alle Titel zu holen. Natürlich ist der Druck da - auch was die anderen Wettbewerbe betrifft. Wenn man Bayern ausschalten sollte, wäre man der "décima" ein weites Stück nähergekommen.

bundesliga.de: Bayern München wird im Rückspiel alles daran setzen, das Spiel zu drehen. Wie groß wäre die Enttäuschung über ein Ausscheiden bei Real, das jetzt zum vierten Mal in Folge im Halbfinale steht?

Sanchís: Natürlich wäre man enttäuscht, wenn man auf der Zielgeraden stolpert. In den letzten drei Halbfinals hatte Real auch immer wieder etwas Pech, man verpasste die Finalteilnahmen denkbar knapp. Für das Halbfinale kann man sich nichts kaufen. Es zählt nur der Titel. Die Mannschaft weiß, dass sie jetzt die wichtigsten 90 Spielminuten der Saison vor der Brust hat. Wenn man die Champions League gewinnen will, muss man auch die ganz Großen schlagen. Die Mannschaft weiß das und wird sicherlich alles Menschenmögliche versuchen, um in der Allianz Arena zu bestehen.

Das Gespräch führte Miguel Gutiérrez

Countdown: Alle News zum Rückspiel im Überblick