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Pünktlich vor dem großen Duell mit dem FC Bayern in der Champions League (Mittwoch, ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) ist die Euphorie bei Girondins Bordeaux verflogen.

0:1 unterlag Girondins am Wochenende bei AJ Auxerre, es war bereits die zweite Pleite in Folge. Zuvor hatte das Team von Trainer Laurent Blanc mit sieben Spielen ohne Niederlage in Folge (sechs Siege) einen formidablen Saisonstart hingelegt.

Trendwende als Primärziel

"Bordeaux ist unerbittlich", hatte die Sportzeitung "L'Equipe" Mitte September noch getitelt. Das Team sei vergleichbar mit gutem Wein, der mit der Zeit immer besser werde.

Das wohlgesonnene Rauschen im Blätterwald hat sich nach den jüngsten Pleiten schnell zu rauem Herbstwind gewandelt. "Rien ne va plus" - nichts geht mehr, schrieb das Fachmagazin "France Football" nach der Niederlage am Wochenende.

Für den amtierenden französischen Meister geht es gegen den FC Bayern nun um die Trendwende - und um den wohl vorentscheidenden Schritt in Richtung Achtelfinale.

"Das siebte Weltwunder"

In Bordeaux trifft der FC Bayern auf einen alten Bekannten, der bereits Erfahrung mit dem deutschen Fußball hat. Alou Diarra, inzwischen 28 Jahre alt, stand von 2000 bis 2002 beim Rekordmeister unter Vertrag, kam aber nie über die zweite Mannschaft hinaus. Inzwischen ist er einer der Schlüsselspieler beim französischen Landesmeister und fester Bestandteil der "Equipe Tricolore". "Das ist das siebte Weltwunder. Ich hätte ein Vermögen dagegen gewettet", sagt Bayerns Manager Uli Hoeneß heute nicht ohne Respekt.

41 Spiele bestritt Diarra für die zweite Mannschaft des FC Bayern, erzielte dabei fünf Tore. Philipp Lahm, der damals noch mit ihm zusammenspielte, spricht ebenfalls respektvoll von dem 1,90 Meter großen Mittelfeld-Hünen. "Alou war sehr zweikampf- und kopfballstark. Ich glaube sogar, ich habe noch nie so einen kopfballstarken Spieler wie ihn gesehen", sagt Lahm. Hermann Gerland, damals Diarras Trainer bei den Amateuren, äußert sich ähnlich: "Er war in der Luft kaum zu bezwingen und mit seinen langen Beinen sehr zweikampfstark, aber damals auch sehr verletzungsanfällig."

"Zusammen eine echte Waffe"

Für die erste Mannschaft konnte sich Diarra damals trotz seiner Fähigkeiten nicht nachhaltig empfehlen. 2002 wagte er den nächsten Schritt in seiner Karriere: Liverpool hieß die nächste Station. Doch auch bei den "Reds" verpasste er den Durchbruch, bestritt kein Spiel für den englischen Rekordmeister. Über Le Havre, Bastia, Lens und Lyon führte sein Weg schließlich nach Bordeaux. Dort avancierte er zum Leistungsträger und führt den Club inzwischen als Kapitän aufs Feld.

Neben dem defensiven Mittelfeldspieler gibt es bei den Franzosen einen weiteren großen Star: Yoann Gourcuff. Bixente Lizarazu, Champions-League-Sieger 2001 mit dem FC Bayern, warnt vor ihm besonders. "Mit Gourcuff hat Bordeaux einen extrem starken Spielmacher", sagte der Ex-Profi der "tz". "Er hat sich wirklich sehr gut entwickelt und er versteht sich sehr gut mit Angreifer Marouane Chamakh. Die beiden sind zusammen eine echte Waffe", so Lizarazu, der von 1988 bis 1996 selbst die Fußballschuhe für Girondins schnürte.

Treffsicherer Spielmacher

Von seiner Bestform ist Gourcuff nach einer Muskelverletzung derzeit allerdings noch entfernt. Bei der Pleite in Auxerre wurde er erst in der 71. Minute eingewechselt.

Nichtsdestotrotz hat Gourcuff, der 2008 vom AC Mailand kam, bereits vier Saisontore auf dem Konto. Mit seinen zwölf Treffern in der vergangenen Spielzeit hatte der Mittelfeldstar maßgeblichen Anteil am Titelgewinn.

Ebenso wie der Marokkaner Chamakh, der in der Meistersaison 13 Mal traf und in der aktuellen bereits drei Tore erzielte. Mit dem 23 Jahre jungen Yoan Gouffran machte in der Frühphase der Saison zudem ein hoch gehandeltes Stumtalent mit zwei Treffern auf sich aufmerksam.

Routiniers mit Champions-League-Erfahrung

Im Mittelfeld zieht neben Gourcuff in Jaroslav Plasil ein erfahrener Mann die Fäden. Der heute 27-jährige tschechische Nationalspieler stieß 2004 mit dem AS Monaco bis ins Finale der "Königsklasse" vor. Mit Verteidiger Diego Placente, der von 2000 bis 2005 für Bayer Leverkusen spielte, hat Bordeaux einen weiteren Routinier unter Vertrag. Der Argentinier scheiterte mit der Werkself 2002 erst im Finale der Champions League.

An Erfahrung mangelt es den Franzosen also auch in der "Königsklasse" nicht. Coach Blanc ist auf dem Weg, aus jungen Talenten und einer Handvoll Routiniers ein Team zu formen, dass internationalen Ansprüchen genügt - auch wenn die ganz großen Namen und Erfolge noch fehlen. Doch gutem Wein gönnt man schließlich auch seine Zeit.

Andreas Messmer