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Frankfurt - Vor ein paar Tagen hat Dragoslav Stepanovic beim Training der Frankfurter Eintracht vorbeigeschaut. Und war bass erstaunt. "Da sind ja bald so viele Trainer wie Spieler auf dem Platz", sagte Stepi. Was natürlich etwas übertrieben ist, aber durchaus den Trend in der Liga beschreibt.

Als "Stepi", in Frankfurt als Kulttrainer verehrt, noch die Eintracht trainierte (1991-1993), hatte er einen Co-Trainer, damals Ramon Berndroth, und einen Torwarttrainer, damals Werner Friese. "Als ich dann nach Leverkusen gegangen bin, wollte mir Rainer Calmund den Torwarttrainer gleich wieder streichen", erzählt der heute 66 Jahre alte Stepanovic.

Das hat sich alles gründlich geändert. Die Entwicklung ist rasant, nicht nur, aber auch bei der Eintracht. Es  gibt immer mehr Trainer und Spezialisten rund ums Team. Die Mannschaftsfotos der letzten etwas mehr als zehn Jahre geben auf den ersten Blick darüber Aufschluss. In der Saison 2002/2003 war Willi Reimann Trainer der Eintracht. Und aus finanziellen Gründen noch "ärmer" dran als zehn Jahre zuvor Stepi.

Willi Reimann hatte nur Jan Kocian

Reimann hatte einen Assistenten, Jan Kocian, mehr nicht, auch keinen Torwarttrainer. Den konnte sich die Eintracht damals nicht leisten. Trotzdem hat Reimann mit der Mannschaft den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Zwei Jahre darauf, in der Saison 2004/2005, hatte Friedhelm Funkel mit Armin Reutershahn und Torwartcoach Andreas Menger dann schon zwei Helfer. Wieder zwei Jahre später kam mit Rehatrainer Michael Fabacher ein weiterer hinzu. Inzwischen umfasst das Trainerteam der Eintracht den Cheftrainer, zwei Assistenten, einen Torwarttrainer, einen Konditionstrainer und einen Rehatrainer.

Thomas Schaaf bringt Team mit

Thomas Schaaf hatte es vor seiner Vertragsunterschrift zur Bedingung gemacht, seine Vertrauensleute Matthias Hönerbach, Wolfgang Rolff und Michael Kraft mitbringen zu dürfen. "Wir sind ein eingespieltes Team, jeder weiß, was er zu tun hat", sagt Schaaf, "es gibt keine Reibungsverluste". Dies sei besonders wichtig, wenn es einen fast kompletten Neuaufbau gebe wie in dieser Saison bei der Eintracht. Schon zu seinen Bremer Zeiten habe er  immer zumindest mit Assistent und Torwarttrainer gearbeitet, sagt er.

"Man braucht viele Trainer"

Die immer größer werdenden Trainerstäbe hätten ihren Ursprung und ihre Berechtigung in der immer größer werdenden Anzahl der internationalen Wettbewerbe. Gerade in den Sommermonaten stehe fast jedes Jahr ein internationales Turnier auf dem Programm. "Die Spieler kommen danach mit komplett unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen zurück in den Trainingsbetrieb", erklärt Schaaf, "deshalb muss sehr individuell trainiert werden und dafür braucht man viele Trainer."

Eintrachts Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen gibt freimütig zu, nicht gerade ein Freund der großen Trainerstäbe zu sein. "Ich bin nicht mit Begeisterung auf diesen Zug aufgesprungen, den einst Jürgen Klinsmann in Bewegung gesetzt hat", sagt Bruchhagen, wohl wissend, "dass die Gefahr groß ist, dass man deshalb als nicht mehr zeitgemäß abgestempelt wird." Verhindern konnte und wollte der Eintracht-Boss freilich nicht, dass die Trainer sich immer mehr Spezialisten an ihre Seite geholt haben. So im Jahr 2011, als Michael Skibbe entlassen wurde und Christoph Daum nicht nur seinen Assistenten Roland Koch mitbrachte, sondern als Videoanalysten auch seinen Sohn Marcel Daum.

Vater Daum geht, der Sohn bleibt

Während Vater Daum nach dem Abstieg wieder gehen musste, durfte Sohn Daum bleiben (Interview mit Marcel Daum über Scouting und Daten). Bis heute. Weil er mit viel Kompetenz überzeugt hat. Inzwischen wird fast jedes Training bei der Eintracht gefilmt und ausgewertet. Armin Veh, Vorgänger von Thomas Schaaf, hatte zu Beginn seiner Arbeit 2001 mit Christian Kolodziej sein Team um einen Konditionstrainer erweitert und in der letzten Saison einen weiteren Assistenten neben Reiner Geyer installiert. Oscar Corrochano sollte sich vor allem rund um die Europapokalspiele um jene Profis kümmern, die verletzt oder angeschlagenen waren und nicht im Aufgebot standen.

Natürlich kann auch Bruchhagen "einen Sinn darin erkennen" mit speziellem Training spezielle Fähigkeiten besonders  zu schulen. Aber er hofft darauf, "dass die Fahnenstange nun erreicht ist." Die Vorstellung, es könnte so kommen wie in den amerikanischen Sportarten American Football oder Basketball, wo jeder Mannschaftsteil inzwischen einen eigenen Trainer hat, ist ihm ein Gräuel.

Spezialisierung könnte noch zunehmen

Sein Trainer glaubt allerdings, dass die Spezialisierung eher noch zunehmen wird. "Der eine oder andere wird nach Auftrag noch dazukommen", sagt Schaaf.  So war es in diesem Sommer bei der Eintracht, die im Trainingslager einen Akupunkteur dabei hatte oder zwischendurch auch immer mal wieder eine Osteopathin beschäftigt. Ernährungswissenschaftler gehören bei einigen anderen Klubs längst dazu, genau wie Psychologen.

Die Vorteile dieser Spezialisierungen liegen auf der Hand, die Nachteile aber auch. Entschließen sich Vereine heutzutage, sich von ihrem Cheftrainer vorzeitig zu trennen, müssen sie meist ganze Stäbe entlassen. Das kann ins Geld gehen. Moppes Petz ist ein aktuelles Beispiel bei der Eintracht, wie schwierig die Situation sich entwickeln kann. Der Torwarttrainer hatte noch Vertrag, musste aber gehen, weil Schaaf einen eigenen mitbrachte. Petz wurde immerhin nicht gefeuert, er arbeitet inzwischen in der Scouting-Abteilung.

Peppi Schmitt