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Wenn es nach den Fans des Hamburger SV geht, könnte die Saison schon beendet sein. Der Bundesliga-Dino steht endlich wieder auf Platz eins. Lange mussten die Anhänger auf dieses Tabellenbild warten.

In den vergangenen 22 Jahren stand Hamburg nur sechs Mal an der Spitze. Am 11. September 1999 gab es dieses Glücksgefühl der Tabellenführung zuletzt. Am 3. und 4. Spieltag der Saison 99/00 stand der HSV ganz oben, wurde dann aber wieder verdrängt.

Unkonzentriert zu Spielbeginn

Wie in den Spielzeiten 1999/00 und 2005/06 startete der HSV mit zehn Punkten nach vier Spieltagen. Am Ende reichte es zu zwei dritten Plätzen und zur Qualifikation für die Champions League. Ein Happy End, mit dem sich Fans und Verein sicher auch in diesem Jahr zufrieden geben würden.

Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, auf dem der HSV vor allem seine Fehler in der Defensive abstellen muss, wo die Hanseaten gewaltig schwächeln. Die HSV-"Fehlstarter" kommen nämlich bisher nur schwer ins Spiel. In der ersten Halbzeit musste der Tabellenführer schon sechs Gegentore hinnehmen.

Im Pokal in Ingolstadt, beim Ligastart in München, in Bielefeld und nun gegen Leverkusen. Der HSV kam erst dann ins Rollen, nachdem man in Rückstand geraten war. Bereits zum dritten Mal im vierten Spiel drehten die Hamburger sogar einen Zwei-Tore-Rückstand noch um.

Eine besondere Taktik, die über längere Zeit allerdings nicht von Erfolg gekrönt bleiben wird. "Wir müssen die Startschwäche abstellen, sonst geht uns bald die Puste aus.", erkennt Mladen Petric das Problem.

Probleme in der Abwehr

Das weiß auch Trainer Martin Jol: "In der Defensive sahen wir richtig schlecht aus. Wir haben einige grobe Fehler gemacht, da werde ich schon nervös." Keeper Frank Rost bemerkt: "Wir kennen das ja schon, sollten das aber nicht überstrapazieren. Über 34 Spieltage hält man das sicherlich nicht durch."

Stellt die Mannschaft diese Fehlstarts nicht ab, könnte die Tabellenführung schnell wieder passé sein. Am Sonntag geht es nach Wolfsburg zu einer Mannschaft, die mit ihrer schnellen und kombinationssicheren Spielweise wieder für Probleme in der Hintermannschaft sorgen könnte.

Van der Vaart Abgang positiv

Momentan herrscht an der Elbe aber erstmal die große Euphorie und man träumt vom ganz großen Wurf. Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann ist vom neuen HSV überzeugt: "Wir haben eine Klasse-Mannschaft mit exzellenter Moral. Hut ab! In dieser Saison können wir etwas erreichen." Das Erstaunliche ist, dass der HSV das Klassement anführt, ohne dabei das Potenzial voll ausgeschöpft zu haben.

So sieht es zumindest Jol: "Eigentlich ist es unglaublich, dass wir so gut stehen. Ich hatte bislang ja noch kein einziges Mal den gesamten Kader beisammen." Der Trainer kann jetzt richtig an seiner Elf arbeiten, nachdem eine Woche vor dem Saisonstart Rafael van der Vaart an Real Madrid und nach dem ersten Spiel Vincent Kompany an Manchester City verkauft wurden.

Gerade der Abgang von Spielmacher van der Vaart hat sich bei den Hanseaten zum Glücksfall entwickelt. Jetzt übernehmen viele Spieler Verantwortung und können sich dadurch besser entfalten. Wie zum Beispiel Piotr Trochowski oder David Jarolim. Trochowski ist mit drei Assists der beste Vorlagengeber der Liga (wie Marko Pantelic von Hertha BSC Berlin).

Konkurrenz ist beeindruckt

Durch die erfolgreiche Transfer-Politik und die offensive Spielweise des neuen Trainers kann eine vielversprechende Mannschaft entstehen. Als eingespielte Truppe, die keine Rückstände braucht, um aufzuwachen, kann der HSV sicherlich zum Titelkandidaten werden.

Die Konkurrenz hat das Team in jedem Fall schon beeindrucken können. "Ich muss zugeben, dass mich die Art und Weise, wie diese Mannschaft auftritt, begeistert. Wenn sie in der Lage ist, dieses Niveau konstant zu halten, kann sie uns sehr gefährlich werden", sagte Franz Beckenbauer, der Präsident des FC Bayern München. Auch FCB-Trainer Jürgen Klinsmann schätzt die Hamburger in dieser Saison besonders stark ein: "Die Truppe hat nicht nur Qualität, sondern auch viel Herz."

"Noch kein Meisterschaftskandidat"

Bayer Leverkusens Trainer Bruno Labbadia ging nach dem Spiel am Samstag noch einen Schritt weiter: "Hamburg ist ein Anwärter auf den Titel, keine Frage." "Der HSV hätte nach den Last-Minute-Zugängen sogar die Qualität, in der Champions League mitzuspielen", traut Lothar Matthäus den Hanseaten ebenfalls einiges zu.

Das HSV-Idol Uwe Seeler bleibt etwas vorsichtiger: "Die Saison ist lang. Aber ich gehe davon aus, dass wir immer oben dran bleiben." Auch Martin Jol weiß, dass es bis zum 34. Spieltag noch ein weiter Weg ist: " Wenn man Meister werden will, darf man sich nicht diese Dinge erlauben wie wir zu Beginn der Spiele. So sind wir sicher kein Meisterschaftskandidat."

"60 Zähler oder mehr"

Jol weiß auch, dass der HSV am Ende der Saison "60 Zähler oder noch mehr" benötigt, um sein Ziel zu erreichen, die Qualifikation für den Europapokal.

Am Ende der Saison wären die HSV-Fans mit einem Platz unter den ersten Fünf sicher zu frieden. Aber momentan wollen sie das Tabellenbild solange wie möglich an der Wand hängen lassen.

Mark Schnell