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Nach sieben Niederlagen in Folge rangiert Hertha BSC auf dem 18. Tabellenplatz. Die "Alte Dame" liegt weit hinter den Erwartungen zurück. Vergangene Saison spielten die Berliner bis zuletzt um die Meisterschaft, am Ende sprang der 4. Tabellenplatz und damit die Qualifikation für die Europa League heraus. Das scheint schon lange her zu sein.

Auf Lucien Favre folgte vergangene Woche mit Friedhelm Funkel ein Trainer, der genau weiß, wie man gegen den Abstieg kämpft. Ein typischer "Feuerwehrmann". Aber worauf muss ein Trainer achten, wenn er zu einem Verein kommt, der zwei völlig gegensätzliche Saisons erlebt? Im Gespräch mit bundesliga.de erläutert der erfahrene Bundesligatrainer Jörg Berger, worauf es in solch heiklen Situation ankommt.

bundesliga.de: Herr Berger, wie sollte ein neuer Trainer mit einer verunsicherter Mannschaft arbeiten?

Jörg Berger: Da gibt es keine festen Regeln. Er sollte jedoch eine gewisse Erfahrung mitbringen und solch eine heikle Situation schon durchlebt haben.

bundesliga.de: Für Sie ist das nichts Neues.

Berger: Ich habe schon oft unter solchen Bedingungen gearbeitet, etwa bei Eintracht Frankfurt, Köln oder Schalke. Und so sammelt man entsprechende Erfahrung. Die Situation bleibt aber stets dieselbe. Die Vereine, die Spieler und das Umfeld wechseln, aber die Problematik beim Trainerwechsel ist immer identisch. Und irgendwann bekommt man dann den Ruf oder das Image des "Retters".

bundesliga.de: Was muss der Trainer zu allererst machen?

Berger: Er muss so schnell wie möglich erkennen, was das Wichtigste für die Mannschaft, die Spieler und das Umfeld ist. Auf diese Punkte muss er sich konzentrieren und die Stärken und Schwächen der Mannschaft erkennen. Alles andere muss der Trainer beiseite schieben.

bundesliga.de: Was wäre das?

Berger: Das Sichten von neuen Spielern oder Tätigkeiten im Nachwuchsbereich. Ein Trainer muss das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Hauptschauplatz ist das nächste Spiel, die einzelnen Spieler und die Mannschaft. Da muss man sofort ansetzen.

bundesliga.de: Wie sieht die Herangehensweise im Detail aus?

Berger: Das Wichtigste sind die Einzelgespräche, danach kommen die Besprechungen mit der ganzen Mannschaft. Ich persönlich habe die Dinge gegenüber den Medien immer viel positiver dargestellt, als sie tatsächlich waren. Das ist sehr wichtig, denn der Trainer muss die positiven Aspekte stets hervorheben und dies nach Außen tragen. Die Spieler müssen stark gemacht werden und Selbstvertrauen bekommen. Aber man muss glaubwürdig bleiben. Da hilft die Erfahrung ungemein.

bundesliga.de: Wie muss man sich die momentane Stimmung bei der Hertha vorstellen?

Berger: Das Umfeld ist hochsensibilisiert und alle sind äußerst unruhig. Das betrifft Sponsoren und die Fans genauso wie das Präsidium. Sie müssen bedenken, dass der Verein von seinem Konzept abgeht, alleine durch die Tatsache, dass der Trainer entlassen wurde. Man gesteht somit auch eigene Fehler ein. Aber das gehört zu einem Neuanfang dazu. Hier zeigt sich die Stärke eines Trainers, die Probleme sofort zu erkennen. Man hat für Experimente keine Zeit!

bundesliga.de: Die Länderspielpause dürfte Friedhelm Funkel sehr gelegen kommen.

Berger: Das ist wahr. Idealerweise stößt ein neuer Trainer in der Winterpause zum neuen Verein, so kann er mehr Einfluss nehmen und wichtige Entscheidungen treffen.

bundesliga.de: Wo sehen Sie, Herr Berger, die Unterschiede zwischen abstiegsbedrohten Vereinen und einer Mannschaft wie Hertha, für die solch eine Situation ziemlich ungewöhnlich ist?

Berger: Die Erwartungshaltung spielt eine große Rolle. Besonders wenn die Hauptstadt auf dem letzten Tabellenplatz rangiert. Hertha hatte im letzten Jahr eine gute Saison, das stimmt, aber man kann sie nicht mit Vereinen wie HSV oder Leverkusen vergleichen, die permanent oben mitspielen. Der Druck in Berlin ist jedoch enorm.

bundesliga.de: Was macht Jörg Berger, wenn er zu einem neuen, verunsicherten Verein kommt?

Berger: Ich versuche immer zwei bis drei Führungsspieler stark zu machen, die das auf dem Platz verkörpern und auf die Mitspieler übertragen. Man braucht Spieler, die auf dem Feld kämpfen. Schließlich heißt es auch Abstiegskampf, und nicht Abstiegsspiel.

bundesliga.de: Welche Rolle spielt die Psyche?

Berger: Was sich im Kopf abspielt, ist viel wichtiger als Training und Taktik. Diese Dinge gehören dazu, aber Spieler müssen zunächst mental aufgebaut werden. Mit Bochum oder Bielefeld dürfte die Arbeit etwas einfacher sein als momentan bei der Hertha, weil sie in der letzten Saison großen Erfolg hatten.

bundesliga.de: Gibt es spezielle Psychotricks?

Berger: Es gibt so viele Dinge. Aber alles entwickelt sich aus den Gesprächen heraus. Ein Trainer muss überall hineinhören und alles raushören, wo es läuft und wo nicht oder wie dem Spieler geholfen werden kann. Man reagiert auf Signale. Und oft hilft auch mal ein kleiner Klaps auf den Hintern. Das Schlimmste wäre, wenn der Trainer herumbrüllt und alles kritisiert. Für Mannschaften, die unten stehen, braucht man Fingerspitzengefühl.

Das Gespräch führte Barnabas Szöcs