ANZEIGE

Sinsheim - Als Julian Nagelsmann die TSG 1899 Hoffenheim im Februar 2016 übernahm, waren die Kraichgauer Tabellenvorletzter. Nicht einmal anderthalb Jahre später hat der Trainerjungspund den Club nach Europa geführt.

>>> Hol dir die Bundesliga-App

Als Nagelsmann mit dem Mikrofon in der Hand zu den Fans schritt, nahm die Hoffenheimer Europapokal-Sause Fahrt auf. Lauthals stimmte der Coach am Ende einer "richtig geilen" Rekordsaison die obligatorische Humba an, auf dem Rasen betanzten seine Spieler ausgelassen die anstehende Premiere im internationalen Geschäft. Ganz sicher Europa, vielleicht sogar Champions League - Nagelsmann war im verdienten Partymodus.

"Es ist wirklich außergewöhnlich, was wir erreicht haben. Ich bin unheimlich stolz", sagte der 29-Jährige, der die Spielzeit mit seiner Mannschaft durch das 0:0 gegen den FC Augsburg auf dem vierten Rang beendete. Im August müssen die Hoffenheimer deshalb in den Play-offs für die Champions League ran, Gegner wie der FC Liverpool oder der FC Sevilla stehen an. Namhafte Teams also, die dem Erfolgscoach aber keine Angst einflößen.

>>> Alle Infos zu #TSGFCA im Matchcenter

Vorfreude auf die Champions-League-Hymne

Schließlich wurde sein Team "in einer der besten Ligen in Europa" Vierter. Es sei daher ganz egal, wer komme. "Wir können die Quali schaffen", sagte Nagelsmann. Und außerdem: "Wir werden die Champions-League-Hymne auf jeden Fall hören, darauf freue ich mich am meisten."

Angesichts dieser verlockenden Aussichten, angesichts herausragender 62 Punkte (Rekord) und einer Saison ohne eine Heimniederlage (Rekord) war der letzte Auftritt gegen den FCA auch schnell vergessen. Sogar der gewöhnlich eher verhaltene 1899-Mehrheitseigner Dietmar Hopp schwärmte: "Wir sind alle sehr glücklich".

Seit Februar 2016 ist Nagelsmann am Ruder. Nun hat der erst 29-Jährige den Club nach Europa geführt - und auf dem Weg dahin Rekorde gebrochen. Erstmals in der Vereinshistorie blieb die TSG im eigenen Stadion unbesiegt, die erste Saisonniederlage kassierte Hoffenheim erst in der Rückrunde (1:2 in Leipzig am 28. Januar).

Video: Trainerwunderkind Nagelsmann

Hoffenheim bricht Rekorde

Der bisherige Punkterekord (55 Zähler aus der Saison 2008/09) ist ebenfalls Geschichte und im 18. Anlauf gelang auch endlich ein Sieg gegen den FC Bayern München (1:0 am 4. April). "Wir haben Mut bewiesen, einem so jungen Kerl das Vertrauen zu schenken", sagte Hopp dem Clubmagazin: "Jetzt wird dieser Mut belohnt. Natürlich liegt die gute Saison auch am Trainer."

Einem, der nach eigener Aussage keinen Karriereplan im Kopf hat. "Das habe ich noch nie gemacht. 2016 will ich eine Profimannschaft, 2020 Bayern München, 2025 Real Madrid und dann kaufe ich mir einen Bauernhof: Das ist nicht mein Ding", sagte der jüngste Chefcoach der Bundesliga-Historie im vergangenen Sommer dem kicker und ergänzte: "Mein Leben ist nicht ruiniert, wenn ich mal nicht mehr Bundesliga trainiere. In diesem Business sich etwas auszumalen, birgt ohnehin immer die Gefahr der Enttäuschung."

>>> Zum Artikel: Ein reflektierter und höchst erfolgreicher Fachmann

Trainer des Jahres

Seine Erfolgsrezepte sind unter anderem Transparenz und Selbstkritik. Nach jeder Partie gibt es bei den Hoffenheimern eine Runde, in der er als Trainer jeden Spieler vor der Mannschaft kritisiert. Am Ende ist aber auch Nagelsmann selbst an der Reihe.  "Dann sage ich auch, was ich gut oder schlecht gemacht habe. Da haben sie anfangs gestaunt und wahrscheinlich gedacht, jetzt dreht er durch und kritisiert sich schon selbst", erläuterte er: "Mich einzubeziehen, bedeutet für mich eher, Stärke zu zeigen."

In der kommenden Saison wird Nagelsmann, der vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) als Trainer des Jahres ausgezeichnet wurde, sein Können wieder beweisen müssen. In Sebastian Rudy und Niklas Süle wechseln zwei Leistungsträger nach München, hinzu kommt durch die Europacup-Qualifikation erstmals die Dreifachbelastung.

>>> Zum Artikel: DFB zeichnet Nagelsmann aus

Europa als "ambitioniertes Ziel"

"Hoffenheim hat nun eine ganz andere Strahlkraft, wir stehen jetzt für Leidenschaft und attraktiven Fußball", sagt Sandro Wagner. Vielleicht war sein Trainer auf der abschließenden Pressekonferenz auch deshalb so zufrieden, als er den geheimen Zettel mit den Saisonzielen zum ersten Mal präsentierte.

Unter dem Punkt "Realistisches Ziel" war dort nämlich ein einstelliger Tabellenplatz notiert, unter dem Punkt "Ambitioniertes Ziel" stand die Europa-League-Qualifikation über Platz sechs. "Wir haben beides getoppt." Sagte er zufrieden und verschwand mit einem Lächeln in den Urlaub - den er sich redlich verdient hat.

>>> Zum Interview mit Julian Nagelsmann