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Leverkusen - Nach dem 2:1-Heimerfolg von Bayer 04 Leverkusen gegen Hertha BSC war Julian Brandt der gefragteste Spieler der Werkself. Während die Kollegen schon lange unter der Dusche standen, bewältigte der 17-Jährige noch immer seinen Interviewmarathon und das mit einer bemerkenswerten Unaufgeregtheit, mit Witz und Lässigkeit. Auf einmal ist der Teenager der Hoffnungsträger des Champions-League-Aspiranten.

In der Winterpause wechselte Julian Brandt vom VfL Wolfsburg an den Rhein. Leverkusen hatte da gerade die zweitbeste Hinrunde der Vereinsgeschichte als Tabellen-Zweiter abgeschlossen und war auch noch im DFB-Pokal und in der Champions League vertreten. Die eingespielte Mannschaft hatte 18 von 26 Pflichtspielen gewonnen. Die Chancen von Brandt, in diesem mit vielen Nationalspielern gespickten Starensemble auf Einsatzzeiten zu kommen, standen nicht so gut.

Auf Anhieb ein Liebling der Fans

Das änderte sich bald. Mit den schlechter werdenden Ergebnissen stiegen die Aussichten von Brandt, der dann ausgerechnet in der Champions-League-Partie gegen Paris Saint-Germain in der Profielf debütieren durfte. Beim Stand von 0:3 wechselte ihn der damalige Bayer-Trainer Sami Hyypiä zur Halbzeit ein. Der Youngster spielte sich mit einem unbekümmerten und beherzten Auftritt direkt in die Herzen der Fans.

Seitdem hat sich der 1,85 Meter groß gewachsene Offensivspieler seinen Stammplatz im Mannschaftskader und in den letzten beiden Bundesliga-Spielen auch in der Startelf erkämpft. Dass ihm dabei sowohl in Hamburg als auch am Wochenende gegen Hertha ein Tor gelang, ist kein Zufall, wie sein aktueller Coach Sascha Lewandowski weiß: "Julian ist sehr selbstbewusst und sehr geerdet. Das sind Faktoren, die ihm unheimlich helfen."

Brandt: "Ich genieße das sehr"

Diese Charaktereigenschaften dürften ihm auch dabei geholfen haben, den nicht gerade optimalen Start in die Profikarriere zu verkraften. Denn seine ersten fünf Pflichtspiele für Leverkusen gingen allesamt verloren. Dass ihn daran die geringste Schuld traf, steht außer Frage. Aber sensiblere Spieler hätten daran zu knabbern haben können. 

"Es gibt Schlimmeres im Leben als Fußballprofi zu sein", sagte er nach dem Sieg gegen Berlin. "Es ist toll, vor so vielen Menschen zu spielen und sein Hobby zum Beruf zu machen. Ich genieße das sehr und hoffe, dass es sehr lange so bleibt." Sein großes Können, seine Technik, Übersicht und auch sein Defensivverhalten gefallen dem Trainer.

Lewandowski lobt und bremst

"Er ist ein Juwel, an dem wir noch viel Spaß haben werden", weiß Lewandowski. "Wir sollten aber nicht zu viel auf ihn abladen. Man kann nicht ständig von ihm Wunderdinge erwarten." In die Kategorie "Wunderding" fiel sein herrliches Tor per Lupfer zum 2:0 gegen die Berliner. "Wir sollten viel in die Tiefe laufen, weil da bei Hertha viel Platz war. Das war geplant", sagt Brandt lässig (Brandts Matrix).

Was denn unter dem neuen Trainer anders sei, wurde er gefragt. "Der Trainer hat sein Gesicht verändert", sagt er zunächst staubtrocken, um dann hinzu zu fügen: "Die Trainingsinhalte waren anders. Sascha Lewandowski ist ein anderer Trainertyp. Auch der Co-Trainer Peter Hyballa ist ein super Motivator. Es hat sich ein bisschen was verändert. Aber letztendlich stehen wir auf dem Platz", so Brandt.

"Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es für mich persönlich so schnell so gut läuft. Nicht viele 17-Jährige spielen von Beginn an in der Bundesliga", sagt er dann noch, bevor er sich in die Umkleide verabschiedet. Schließlich steht nächste Woche schon wieder in Nürnberg das nächste schwere Spiel. Julian Brandt dürfte auch dann wieder dabei sein.

Aus Leverkusen berichtet Tobias Gonscherowski