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Dortmund - Seit über sechs Jahren spielt Mats Hummels jetzt schon für Borussia Dortmund. Im Exklusiv-Interview mit der internationalen Sonderausgabe des Bundesliga-Magazins spricht der Nationalspieler über vermeintliche Verhandlungen mit anderen Clubs, über die Defintion eines Führungsspielers und über Vereinstreue.

Frage: Mats Hummels, es ist kaum zu glauben, aber Sie sind schon länger bei Borussia Dortmund als Jürgen Klopp.

Mats Hummels: Das stimmt. Als ich im Winter 2007 kam, wurde ich unter Klopps Vorgänger Thomas Doll aber noch nicht oft eingesetzt. Das Leihgeschäft kam zustande, weil Ottmar Hitzfeld beim FC Bayern München wenig Verwendung für mich hatte. Als die Leihe dann vorbei war, übernahm Jürgen Klinsmann bei den Bayern, der mir ebenfalls wenig Hoffnung auf Einsätze gemacht hat. Zur gleichen Zeit kam Jürgen Klopp nach Dortmund und plötzlich war ich Stammspieler. Aber so läuft es nun mal im Fussball: Du wirst nur eingesetzt, wenn du auch in das Konzept des Trainers passt. Das muss ein Spieler einfach akzeptieren. Außerdem verändert man eine gut funktionierende Aufstellung ja nur, wenn man unbedingt muss.

"Gibt kaum ein schöneres Gefühl"

Frage: Inzwischen sind Sie Kapitän in Dortmund, Weltmeister und sogar Frauenmagazine wollen Interviews mit Ihnen führen.

Hummels: Nach einem Turnier wie der Weltmeisterschaft verändern sich die Dinge extrem. Du machst fünf, sechs Spiele und wirst gleich ganz anders wahrgenommen. Aber es wurde auch vorher schon lebhaft über mich berichtet. Laut diverser Medien hatte ich schon mit zahlreichen Vereinen verhandelt und einen Vorvertrag bei Barcelona unterschrieben. Da ist nicht ein Fünkchen Wahrheit dran. Keine Ahnung, wer sich das ausgedacht hat. Ein Wechsel zu einem anderen Club stand wirklich noch nie zur Debatte.

Frage: Viele Spieler reagieren mit schwammigen Aussagen, wenn über ihre sportliche Zukunft spekuliert wird. Sie dagegen beziehen klar Stellung. Einmal haben Sie gesagt, dass es viel mehr Wert sei, einen Titel mit Dortmund zu gewinnen, als unzählige Trophäen mit einem anderen Verein zu sammeln. Wie meinen Sie das?

Hummels: Viele Leute sprechen im Zusammenhang mit Dortmund ja von einem "Projekt". Mir gefällt der Ausdruck nicht, es hört sich so unemotional an. Mit 25 Superstars in der Mannschaft kann jeder erfolgreich sein. Aber hier beim BVB trägt jeder einzelne Spieler mehr Verantwortung, hat dafür aber auch mehr Möglichkeiten. Es ist schwieriger Titel zu gewinnen, aber trotzdem ist es immer machbar. Und wenn es dann soweit ist, gibt es kaum ein schöneres Gefühl.

Frage: Trotzdem gehen nicht viele Spieler diesen speziellen Weg, oder?

Hummels: Ein paar gibt es schon - und das sind alles großartige Spieler: Nehmen Sie Paolo Maldini beim AC Mailand oder Steven Gerrard bei Liverpool. Messi spielt schon immer in Barcelona. Schweinsteiger und Müller werden womöglich ihre gesamte Karriere bei Bayern verbringen.

"Haben hier etwas wirklich Einzigartiges"

Frage: Fühlen Sie sich bei Dortmund als Leader der Mannschaft?

Hummels: Bei uns gibt es keinen Chef und ich würde das niemals für mich deklarieren. Wir sind alle auf einer Ebene. Du musst dir die Anerkennung jeden Tag aufs Neue erarbeiten. Die Mitspieler nehmen es sofort zur Kenntnis, wenn man im Training oder Spiel mal etwas weniger investiert. Dann gilt es sofort, den Schalter wieder umzulegen.

Frage: Wie würden Sie die Eigenschaften eines Führungsspielers beschreiben?

Hummels: Es geht darum, die Richtung vorzugeben und mit den Mitspielern zu kommunizieren. Aber auch Kleinigkeiten, wie den Ball einfach mal zu halten, anstatt einen Kollegen mit einem Pass unter Druck zu setzen, der im Moment vielleicht nicht so selbstbewusst ist. Man muss hart daran arbeiten, Dinge mit oder ohne Ball zu tun, die sich sofort positiv auf das Spiel auswirken. So würde ich das beschreiben.

Frage: Ihre Eltern kommen aus Hamm, in der Nähe von Dortmund. Erklärt das Ihre emotionale Bindung zu diesem Ort?

Hummels: Sie kommen aus der Gegend und wir haben hier auch Familie. Aber ich könnte nicht sagen, dass das der Grund für diese spezielle Verbindung ist. Diese Emotionen kommen vom Team selber. Wir haben eine unglaublich coole und talentierte Mannschaft: Neven Subotic, Marcel Schmelzer, Nuri Sahin, alle anderen. Als wir die Meisterschaft 2012 zum zweiten Mal gewonnen haben, hätte jeder einzelne von uns überall hingehen können. Aber ich dachte: 'Nein, das, was wir hier haben, ist etwas wirklich Einzigartiges.' Man findet nicht oft ein Team, in dem die Leute wirklich miteinander befreundet sind. Wenn man die Chance bekommt, auf so einem hohen Level mit den Kumpels zu spielen, sollte man so lange wie möglich daran festhalten.

"Wir können mit diesem Team alles gewinnen"

Frage: Das klingt alles sehr romantisch. Aber glauben Sie nicht, dass manche BVB-Spieler das etwas anders sehen?

Hummels: Ich verstehe, wenn einer sagt, seine Zeit im Profi-Fußball sei begrenzt. Aber hier in Dortmund fühle ich wirklich, dass wir eine Gruppe von Freunden sind, die erfolgreich zusammen sind - und das ist wichtig für viele. Wir gliedern Neuzugänge immer sehr gut ein. Wir nehmen sie bewusst überall mit hin. Henrikh Mkhitaryan spricht schon gut deutsch. Auch das ist Teil der Stärke unserer Gruppe - jeden sofort mit an Bord zu nehmen.

Frage: Aber Dortmund wird für Spieler wie Henrikh Mkhitaryan oder Pierre-Emerick Aubameyang immer noch etwas anderes bedeuten als für einen deutschen Spieler, nicht wahr?

Hummels: Es geht nicht darum zehn Meisterschaften zu gewinnen, sondern auch darum fantastischen Fußball zu spielen. Spieler und Teams, die wundervoll spielen, bleiben in Erinnerung. Und wir können mit diesem Team alles gewinnen, wirklich alles. Das ist das Unglaubliche.

Bundesliga ist eine "wunderbare Liga"

Frage: Das Ansehen der Bundesliga hat in den letzten fünf Jahren einen gigantischen Sprung nach vorne gemacht, nicht zuletzt durch den BVB. Merken Sie, dass der deutsche Fußball mehr Anerkennung bekommt?

Hummels: Absolut! Man sieht es überall. Ich war diesen Sommer in Südfrankreich im Urlaub - man merkt sofort, dass da viel mehr Interesse am deutschen Fußball ist - und auch Wissen darüber.

Frage: Ihr Trainer, Jürgen Klopp, hat kürzlich gesagt, dass es ihm nichts bedeutet, dass die Premier League die besten Spieler hat - für ihn ist die Bundesliga der beste Wettbewerb in der Welt.

Hummels: Das stimmt, definitiv. Es ist immer wie im Irrenhaus, unabhängig davon, wo wir spielen. Mainz, Augsburg, Freiburg - nicht nur in den großen Stadien. Alle diese Clubs machen fantastische Arbeit und es ist überall schwer zu gewinnen. Fast alle diese Clubs verbessern sich stetig. Es ist eine wunderbare Liga. Der Tabellen-18. kann an einem guten Tag immer den Tabellenführer schlagen. Aber leider konnte der 18. in der letzten Saison nur den Zweitplatzierten schlagen, nicht den Ersten (lacht).

"Dortmund hat große Fortschritte gemacht"

Frage: Also reizen Real Madrid, Barcelona oder Manchester United Sie nicht?

Hummels: Es ist schön zu hören, dass andere Clubs an dir interessiert sind. Ich fasse das als Kompliment auf, aber andererseits beeinflusst mich das in keiner Weise. Wir verdienen hier in Dortmund genug.

Frage: Aber im Ausland könnten Sie mehr verdienen. Vielleicht zwei- oder dreimal so viel.

Hummels: Es wird immer jemanden geben, der mehr bezahlen kann als der BVB, aber Dortmund hat während meiner Zeit hier große Fortschritte gemacht. Wie auch immer, ich denke für mich ist es genug. Falls ich eines Tages anfange darüber nachzudenken im Ausland zu spielen, wird Geld keine Rolle spielen. Aber daran verschwende ich im Moment gar keinen Gedanken. Wir haben hier beim BVB immer noch so viel vor.

Das Interview für die internationale Sonderausgabe des Bundesliga-Magazins führte Freddie Röckenhaus