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Mönchengladbach - In nur viereinhalb Jahren hat Lucien Favre Borussia Mönchengladbach aus den tiefsten Regionen der Bundesliga bis in die Champions League geführt. Im ersten Teil des großen Exklusiv-Interviews mit bundesliga.de spricht der Schweizer über die Ehre von den Bundesliga-Profis zum Trainer des Jahres gewählt worden zu sein, über die Entwicklung der Mannschaft in den vergangenen Jahren und über den Verlust von Max Kruse und Christoph Kramer.

bundesliga.de: Herr Favre, die Bundesliga-Profis wie auch die Experten-Jury des Magazins "11 Freunde" haben Sie zum "Trainer des Jahres" gewählt; können Sie eine solche Auszeichnung genießen, obwohl Sie den Wirbel um die eigene Person eher nicht mögen?

Lucien Favre: Ich empfinde es als eine große Auszeichnung, wenn diese Entscheidung von Trainern, Spielern und selbstverständlich von den Fans getroffen wird. "Trainer des Jahres in Deutschland", das ist eine ganz große Ehre. Denken Sie an anderen großen europäischen Ligen: Mourinho ist Englands "Trainer des Jahres", Luis Enrique ist es in Spanien. Die beiden haben in der vergangenen Saison aber Titel gewonnen, ich nicht. Umso mehr weiß ich diese Ehre zu schätzen. Selbstverständlich bin ich aber nicht alleine für Borussias Erfolg verantwortlich. Möglich war der nur, weil das Kollektiv funktioniert hat.

"Tanzt einer aus der Reihe, macht das alles kaputt"

bundesliga.de: Und nicht nur auf dem Rasen...

Favre: Exakt. So wie es auf dem Platz nur ein funktionierendes Kollektiv sein kann, das Erfolg möglich macht - tanzt nur ein einziger aus der Reihe, macht das alles kaputt – verhält es sich auch abseits des Platzes. Den Erfolg der Borussia haben erst alle gemeinsam möglich gemacht: Das Trainer-Team mit Manfred Stefes, Frank Gedeick und Uwe Kamps, Sportdirektor Max Eberl und Teammanager Steffen Korell, die medizinische Abteilung etc.

bundesliga.de: Die vergangene Saison war Borussias beste seit Jahrzehnten; wie ordnen Sie die Champions League-Teilnahme in Ihrer eigenen Vita ein, in der u. a.  zwei Meistertitel mit dem FC Zürich zu Buche stehen?

Favre: Max Eberl hat gesagt, dass Borussias Champions League-Teilnahme einem Titelgewinn gleichkommt. Ich sehe das ebenso, möchte darüber aber nicht vergessen, dass wir in den vergangenen Jahren bereits zweimal die Europa League erreicht haben. Das zusammen ist nahezu unglaublich für eine Mannschaft, die noch vor vier Jahren am Boden war. Schaut man auf die anderen damalige Abschlusstabellen, etwa der Primera Division oder der Premier League, sieht man, dass keines der Teams, das damals gegen den Abstieg gespielt hat, nur annähernd Ähnliches erreicht wie Borussia. Ja, ich bin sehr zufrieden. Aber jetzt geht es weiter.

bundesliga.de: Es beeindruckt, dass Borussia auf ohnehin hohem Niveau immer noch Fortschritte machen kann...

Favre: Vierter, Achter, Sechster, Dritter - Platz vier, wie 2012, wollten wir diesmal unbedingt vermeiden. Das Erreichen "nur“ der Champions League-Qualifikation bringt große Planungsunsicherheit mit sich. Man weiß zunächst nicht, mit wie viel Geld man arbeiten kann und welche Transfers möglich sind. Das Aus in der Europa League gegen den FC Sevilla, den späteren Titelgewinner, war schmerzhaft, weil wir auf Augenhöhe agiert haben und ebenso hätten weiterkommen können.  Aber die wegfallende Dreifachbelastung hat uns auch geholfen, ebenso wie die Tatsache, dass wir in der Rückrunde mit Ausnahme von Sommer für Terstegen und Johnson für Arango mit derselben Elf spielen konnten wie 2013/14. So konnten die Automatismen defensiv wie offensiv weiter greifen.

bundesliga.de: Borussia ist mit Ihnen in nur in viereinhalb Jahren den Weg vom Abstiegskandidaten in die Champions League gegangen - das ist ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn ein Trainer in Ruhe arbeiten darf...

Favre: Davor waren es sieben Trainer in zehn Jahren bei Borussia. In der Tat ist das nun anders, ich gehe hier in meine sechste Saison. Allerdings muss man sagen, dass diese Konstanz ihre Basis nicht zuletzt darin hat, dass die Ergebnisse in den vergangenen viereinhalb Jahren gestimmt haben.

"Bin in keiner Weise amtsmüde"

bundesliga.de: Umso mehr dürfte Ihnen gefallen, dass man vor dieser Saison erneut „nur“ einen einstelligen Tabellenplatz als Ziel ausgibt...

Favre: Sorry, aber auch das ist für mich keine Überraschung und nicht mehr als nur logisch (lacht). Schauen Sie, da sind Bayern München, der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen. Ebenso rechne ich in dieser Saison wieder ganz stark mit Schalke 04 und Borussia Dortmund. Das sind schon einmal fünf Teams, die normalerweise immer ganz oben stehen. Dazu kommen noch weitere Vereine, die große Ambitionen und auch große Möglichkeiten haben. Wir dagegen haben mit Kruse und Kramer zwei Nationalspieler verloren, von denen der eine sogar Weltmeister ist. Wolfsburg zum Beispiel hat nicht einen wichtigen Spieler verloren. Wie gesagt, es ist schön, dass bei uns alle realistisch bleiben, aber es ist vor allem folgerichtig und logisch.

bundesliga.de: Haben Sie Angst vor dem Moment, in dem Sie spüren könnten: "Mehr geht nicht, Borussia hat alles erreicht, was mit diesen Möglichkeiten zu erreichen war"?

Favre: Nein. Ich fühle mich auch nach viereinhalb Jahren und in meiner nun sechsten Saison bei Borussia in keiner Weise amtsmüde. Im Gegenteil - ich hätte nach der Saison sofort weitermachen können, ganz ohne Sommerpause (lacht). Trotzdem muss man sich in regelmäßigen Abständen fragen: „Bist du noch fit genug, erreichst du deine Mannschaft noch, bringst du jeden Spieler noch voran? Oder brauchst du vielleicht eine neue Herausforderung?“ Wenn du nur mit einem Prozent nicht mehr bei der Sache bist, ist das der Anfang vom Ende. Das darf nicht sein. Aber so weit ist es noch lange nicht. Ich fokussiere mich immer nur auf das folgende Halbjahr. Und bis Weihnachten bin ich hundertprozentig fokussiert auf Borussia. Erst danach gehe ich die nächsten Monate an. Anders geht es nicht.

bundesliga.de: Sie gelten als unbedingter Perfektionist, in Deutschland lebt den Fußball mit Ausnahme von Pep Guardiola wohl kein Trainer so wie Sie. Wie schwer ist es zu akzeptieren, dass der Wert Ihrer Arbeit immer auch davon abhängt, ob nicht vielleicht doch einer ausbricht aus dem besagten Kollektiv?

Favre: Dann musst Du ihn schnellstens aus dem Kollektiv entfernen (lacht). Alles steht und fällt damit, ob man es versteht, die eigenen Vorstellungen und damit das Spielsystem den Fähigkeiten der Spieler anzupassen. Im Übrigen bedeutet 'Kollektiv' nicht, dass die Spieler ihre individuellen Fähigkeiten hintenanstellen müssen. Im Gegenteil: Die Spieler, die sich im Eins-gegen-eins behaupten können, machen oft den Unterschied.

bundesliga.de: Wie etwa Max Kruse. Ihn und Kramer haben Sie verloren, Drmic und Stindl dafür geholt; was bedeutet das für das Kollektiv?

Favre: Das kann ich Ihnen in einem Jahr sagen (lacht). Erst dann werden wir wohl abschließend beurteilen können, ob wir den Verlust von Kruse und Kramer kompensieren konnten. Drmic ist 22, war in Leverkusen aber kein Stammspieler. Er muss noch viel lernen, aber er hat auch etwas ganz Besonderes. Stindl hat in Hannover in den letzten sechs Partien rechts gespielt, das hat sehr gut funktioniert. Auf dieser Position haben wir mit Herrmann, Traoré, Johnson, Hahn und Hazard aber sehr gute Leute. Ebenso auf der Sechs, wo mit Schulz und Dahoud sehr junge, aber auch sehr gute Spieler zur Verfügung stehen. Deshalb müssen wir probieren, wo uns Stindl am besten helfen kann. Im Test gegen Porto hat er mit Rafael z. B. in der Spitze gespielt. Wir werden sehen. Noch ist viel offen.

 Das Interview führte Andreas Kötter

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews