ANZEIGE

Hannover - Oben auf der Zuschauertribüne applaudierte Ex-96-Trainer Mirko Slomka, unten auf dem Platz jubelte sein Nachfolger Tayfun Korkut. Beim 3:1-Sieg von Hannover 96 in Wolfsburg bot sich den Augenzeugen ein ungewöhnliches Bild. Beide Übungsleiter waren sichtlich angetan von der Leistung der "Roten" beim ersten Spiel der Rückrunde.

Das, was der Mannschaft unter Slomka in acht Auswärtsspielen nicht gelang, schaffte Korkut bereits bei seinem ersten Versuch: die ersehnten ersten Punkte in einem fremden Stadion. Doch wie gelang dem Deutsch-Türken der Auswärtscoup im Nachbarschaftsduell? bundesliga.de hat ganz genau hingeschaut.

Schulz schaltet De Bruyne aus

"Mehr Ballbesitz und mehr Spielaufbau", so lautete kurz gefasst die Spielphilosophie des 39-jährigen Bundesliga-Novizen, die er in der Winterpause ankündigte. Korkut mahnte jedoch, dass dieser Prozess Zeit erfordere und das Ergebnis monatelangen Trainings sei.  

Kein Wunder also, dass Korkuts Schützlinge beim favorisierten VfL Wolfsburg die langfristigen Vorgaben des Trainers noch nicht umsetzten. Nichtsdestotrotz hatte Hannovers Cheftrainer offenbar genau die richtigen taktischen Kniffe parat, um den Auswärtsfluch zu besiegen. Neben Neuzugang Artjoms Rudnevs, der die Führung besorgte, vertraute Korkut auf Christian Schulz, der unter Slomka im Hinrundenendspurt nicht mehr berücksichtigt wurde. Auch Hiroki Sakai, Manuel Schmiedebach und Szabolcz Huszti, der zuletzt eine Gelb-Sperre absaß, kehrten ins Team zurück.

Vor allem mit der Hereinnahme von Schulz, der zum ersten Mal seit einem halben Jahr wieder seine Lieblingsposition auf der linken Abwehrseite bekleidete, machte Korkut alles richtig. Mit 71 Prozent gewonnenen Zweikämpfen hielt "Schulle" Wolfsburgs hochgelobten Neuzugang Kevin De Bruyne in Schach und sorgte auch in der Offensive für Entlasung. Unter Slomka musste Schulz in der Hinrunde ausschließlich in der Innenverteidigung aushelfen. 

"Er vertraut mir, das war das Wichtigste"

Doch auch die Umstellung auf der Sechser-Position fruchtete: Während der bei Slomka unumstrittene Leon Andreasen zum ersten Mal in der laufenden Saison nur auf der Bank saß, setzte Korkut mit Schmiedebach und Lars Stindl auf die kämpferische Komponente. Die Folge: Wolfsburg prallte regelmäßig an der "roten Wand" ab und versuchte es notgedrungen mit Distanzschüssen. Die Torschussbilanz von 24:10 für die Gastegeber verzerrt daher die tatsächlichen Kräfteverhältnisse auf dem Platz.

Den größten Trumpf zog Korkut allerdings im offensiven Mittelfeld, wo er Leonardo Bittencourt über die linke Seite den Vorzug gab und Szabolcz Huszti nach rechts beorderte. "Jetzt verlange ich auch einiges von dir", gab Korkut dem 20-Jährigen mit auf den Weg - was dieser mit einem Doppelpack auf seiner Lieblingsposition erledigte. "Er vertraut mir, das war das Wichtigste", sagte Bittencourt nach Spielschluss.

Mönchengladbach als Vorbild

Bei beiden Tore des früheren Dortmunders zeigte 96 die alten Kontertugenden aus besseren Zeiten. Der 3:1-Sieg gegen die "Wölfe", bei dem Hannover lediglich 38 Prozent Ballbesitz hatte, funktionierte also nach dem "Slomka-Rezept" - angereichreichert mit einigen Korkut-Kniffen. Dabei könnte es einstweilen bleiben: Solange die Ballbesitz-Planungen des neuen Übungsleiters noch in den Kinderschuhen stecken, dürfte Korkut weiterhin die alte Strategie bevorzugen. 

Als Vorbild für eine mittlfristige Umstellung könnte ausgerechnet das Team dienen, auf das die Niedersachsen am Samstag treffen. Unter Coach Lucien Favre entwickelte sich Borussia Mönchengladbach in den beiden letzten Jahren von einer Kontermannschaft zu einer Elf, die über den Ballbesitz Dominanz ausstrahlt. Dass man die Fohlen aber auch mit einer Taktik der "alten Schule" ärgern kann, will Korkut am Samstag beweisen.

Johannes Fischer