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Erstmals seit neun Jahren steht Bayern München wieder im Halbfinale der Champions League. Dort trifft der deutsche Rekordmeister auf Olympique Lyon.

Im exklusiven Gespräch mit äußert sich Valérien Ismael - als gebürtiger Franzose und ehemaliger Bremer und Münchener Meisterspieler natürlich ein prädestinierter Experte für das Duell - über die Chancen der Bayern, die Stärken von Lyon und warum die Bundesliga für ihn die Nummer 1 in Europa ist.

bundesliga.de: Valérien Ismael, Bayern München trifft im Halbfinale der Champions League auf Olympique Lyon. Was erwarten Sie von dem Duell?

Valerien Ismael: Ich freue mich auf die Halbfinalspiele. Aber das wird keine einfache Aufgabe für die Bayern, obwohl sie Favorit sind. Lyon hat eine sehr junge Mannschaft, die hungrig ist. Sie sind in diesem Jahr das Überraschungsteam und können gerade in dieser Saison, in der sie niemand auf der Rechnung hatte, sogar ins Finale einziehen. Das macht sie sehr gefährlich.

bundesliga.de: Welche Stärken zeichnen Lyon aus?

Ismael: Sie haben viele talentierte Spieler und ein starkes Kollektiv. Der Torwart Hugo Lloris ist erst 23 Jahre alt, bringt aber bereits konstant Topleistungen und hat Lyon auch im Rückspiel in Bordeaux gerettet. Vorne haben sie ihre Geheimwaffe, Lisandro Lopez. Der weiß, wo das Tor steht, ist brandgefährlich. Und Lyon ist auch eine körperlich sehr robuste und starke Mannschaft, die sehr engagiert und mit hohem Tempo spielt.

bundesliga.de: Könnte es ein Nachteil sein, dass Bayern zuerst daheim vorlegen muss und die Entscheidung in Lyon fällt?

Ismael: Im Halbfinale der Champions League sind die Teams beinahe auf einem Level. Da entscheiden auch kleine Details, insofern könnte das ein Nachteil sein. Aber die Bayern haben gegen Florenz und Manchester gezeigt, dass das für sie kein Problem ist. Sie sind es gewohnt und in der Lage, in jedem Auswärtsspiel ein bis zwei Tore zu schießen. Die Bayern werden ihrer Philosophie treu bleiben. Sie werden versuchen, das Hinspiel mit einem oder zwei Toren Vorsprung zu gewinnen und dann in Lyon das Spiel zu kontrollieren. Dann muss Lyon Risiko gehen.

bundesliga.de: Welches Ansehen genießt der deutsche Rekordmeister in Frankreich?

Ismael: Sie werden noch nicht auf einer Stufe mit Real Madrid, dem FC Barcelona oder Manchester United gesehen. Aber nicht zuletzt wegen Franck Ribéry ist das Interesse an den Münchenern immer größer geworden. Das Interesse am deutschen Fußball fokussiert sich vor allem auf Bayern München.

bundesliga.de: Sind Duelle zwischen französischen und deutschen Clubs etwas Besonderes in Frankreich?

Ismael: Auf alle Fälle. Die Franzosen sind gegen deutsche Teams immer besonders motiviert. Seit der WM 1982, als wir unglücklich im Halbfinale gegen Deutschland ausschieden, wird das gerne hochgekocht. Wir spielen gerne gegen die Deutschen. Lyon übrigens auch. Die haben Bayern schon einmal 3:0 geschlagen. Und mit Werder Bremen bin ich 2005 in Lyon mit 2:7 unter die Räder gekommen.

bundesliga.de: Wem drücken Sie die Daumen?

Ismael: Ich bin innerlich immer noch für die Bayern. Ein Weiterkommen wäre für den deutschen Fußball auch hinsichtlich der Fünf-Jahres-Wertung wichtig. Ich glaube, der Bundesliga gehört die Zukunft. Sie kann jetzt ein tolles Zeichen setzen und bald die Nummer 1 in Europa werden.

bundesliga.de: Woran machen Sie das fest?

Ismael: Da gibt es verschiedene Aspekte. Da ist die sportliche Seite. Die Spiele sind attraktiv, die Stadien voll. In der Bundesliga wird offensiv gespielt, da gibt es viel Platz. Sie ist unberechenbar, jeder kann jeden schlagen. Das macht den Reiz aus. Bayern München ist zwar jedes Jahr Favorit, aber wird deshalb nicht jedes Jahr Meister. Dann wird auf einmal ein Verein wie Wolfsburg Meister, den niemand auf der Rechnung hatte. Und dann ist da noch die wirtschaftliche Seite. Die Bundesliga ist die finanziell stabilste Liga. Die Spieler bekommen pünktlich ihre Gehälter. Das weiß jeder, und das spricht sich herum. So sind dann in dieser Saison auch Stars wie Ruud van Nistelrooy, Arjen Robben oder Obafemi Martins in die Bundesliga gewechselt. Deutschland ist eine Topadresse und für mich im Vergleich weit vorne.

bundesliga.de: Kommen wir auch nochmal auf den Kampf um die Deutsche Meisterschaft zu sprechen. Glauben Sie, dass da bereits eine Vorentscheidung zugunsten der Bayern gefallen ist?

Ismael: Nein, dafür ist es noch zu früh. Schalke sollte man noch nicht abschreiben. Sie sind für mich der letzte Konkurrent der Bayern. Wenn die Bayern ins Finale der Champions League einziehen, kann es gut sein, dass sie in der Bundesliga noch Punkte liegen lassen.

bundesliga.de: Warum gab es Ihrer Meinung nach so viele Anlaufschwierigkeiten mit dem neuen Trainer Louis van Gaal?

Ismael: Ich glaube, das lag auch an Kommunikationsproblemen. Seine Aussage, er sei dominant und arrogant, kam nicht so gut rüber. Auch die Mannschaft hat ihn anfangs wohl nicht so richtig verstanden. Der Knackpunkt - auch für den Trainer - war das Turin-Spiel. Nach dem Einzug in die K.o.-Runde der Champions League hatte die Mannschaft wieder ihr Selbstvertrauen gefunden. Auch van Gaal ist etwas milder geworden. Die Mannschaft funktioniert nun, hat sich an den Trainer gewöhnt und kapiert, was er will. Und im Moment passt alles.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski