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München - Paul Scharner wurde in seiner Karriere schon oft auf dem Spielfeld hin- und hergeschoben. Irgendwann reichte es dem Österreicher und er wehrte sich gegen das ständige Wechseln von Positionen. Leidtragender war zunächst sein ehemaliger Trainer Joachim Löw. Dann aber musste Scharner selbst die negativen Auswirkungen seines Handelns akzeptieren und seinen damaligen Verein Austria Wien verlassen. Ein Schritt, den der Österreicher nicht bereut.

"Rückblickend eine lustige Geschichte. Wenn ich zurückschaue, denke ich mir: 'Ganz schön, was ich mich da getraut habe'", sagte Scharner, der damals im Spiel seines Clubs Austria Wien gegen den Grazer AK seine Einwechslung verweigerte. Eine Entscheidung, die sinnbildlich für den Charakter des 32-Jährigen steht, der oft gegen die Meinung anderer entschied, um seinen Weg fortzusetzen.

Über Norwegen in die Premier League



Nach dem Rausschmiss bei Austria Wien wagte Scharner den mutigen und in der Heimat mit wenig Verständnis aufgenommenen Wechsel in die norwegische Tippeligaen zum SK Brann Bergen, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen.

"In der Öffentlichkeit war die Akzeptanz nicht wirklich gegeben, als ich diesen Schritt gegangen bin, aber wie man sieht, hat es sich ausgezahlt", sagte Scharner dazu in einem Interview. Der Wechsel nach Norwegen stellte sich als Glücksfall heraus und bescherte ihm 2005 ein Engagement bei Wigan Athletic - der Startschuss für eine erfolgreiche Premier-League-Karriere.

Insgesamt 207 Mal lief der gebürtige Niederösterreicher in der höchsten englischen Spielklasse für die "Latics" sowie West Bromwich Albion auf und erzielte dabei 21 Tore. Doch auch in England holte Scharner eine bereits bekannte Problematik wieder ein. "Fast 50 Prozent meiner Spiele in der Premier League habe ich als 'Sechser' gespielt", sagte er und stellte klar: "Meine Position ist in der Innenverteidigung. Es ist meine beste Position."

Immer auf Konfrontationskurs



Auf der Mittelfeldposition übernahm Scharner dennoch Verantwortung, sagte, was er dachte und scheute keine Konsequenzen. "Ich stehe für Erfahrung, Einsatz pur und 100 Prozent Professionalität", so Scharner über sich selbst. Durch diese Einstellung wurde er auf all seinen Stationen zum Publikumsliebling.

Auf der anderen Seite kostete den Nationalspieler genau diese Haltung die Teilnahme an der EURO 2008 im Heimatland. Mit seiner Kritik am österreichischen Fußballverband (ÖFB) hatte er wie 2003 bei Austria Wien erneut selbst für seinen Rauswurf gesorgt.

Fink ist voll des Lobes



Und die Meinungsverschiedenheiten mit dem ÖFB sind weiterhin aktuell. Am Mittwoch wurde Scharner von Nationaltrainer Marcel Koller aus dem Kader für das Freundschaftsspiel gegen die Türkei geschmissen. Damit könnte die Karriere des 40-maligen österreichischen Auswahlspielers vorzeitig beendet sein.

Doch der Defensivmann kann auch anders. In seinem letzten Heimspiel für Wigan Athletic färbte Scharner sich die Haare in den Vereinsfarben und gab dem Verein damit seinen ganz speziellen Abschiedsgruß. "Er ist total heiß, positiv verrückt. Ich bin sicher, dass er uns mit seiner Erfahrung auch in brenzligen Situationen weiterhelfen wird", schätzt sein neuer Trainer Thorsten Fink und ergänzt: "Wir haben genau den richtigen Mann gefunden, einen lautstarken Organisator, topfit, kopfball- und zweikampfstark."

Garantie für Scharner



Ab sofort soll Scharner in Hamburg unter Beweis stellen und die Rolle des Abwehrchefs in der jungen HSV-Defensive übernehmen. "Das ist eine sehr, sehr herausfordernde und reizvolle Aufgabe", findet Scharner.

Damit es nicht wieder zu unvorhergesehenen Meinungsverschiedenheiten in Positions- und Aufstellungsfragen kommt, hat Scharner sich vorab von Fink eine Garantie geben lassen. Eine Garantie, als Innenverteidiger aufzulaufen, um bloß nicht wieder hin- und hergeschoben zu werden.

Steffen Hoss