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Kunstrasen, Stürmerfrage und Siegchancen: Der WM-Qualifikationskrimi zwischen Russland und Deutschland (Sa., ab 16:45 Uhr im Live-Ticker) beherrscht die Schlagzeilen. Einer, der sich sowohl mit dem Geschehen in Deutschland und der Bundesliga auskennt, aber auch eine Zeitlang in Russland tätig war, ist Jürgen Röber.

Mit bundesliga.de spricht der 55-Jährige, der derzeit bei Ankaraspor in der Türkei tätig ist, über die Platzverhältnisse in Moskau und die Stürmersituation der DFB-Elf.

Zudem blickt Röber, der in der Bundesliga beim VfB Stuttgart, bei Hertha, in Wolfsburg und bei Borussia Dortmund an der Seitenlinie stand, auf die ersten acht Spieltage der Bundesliga-Saison zurück. Röber analysiert die Leistungen der Spitzenteams aus Leverkusen und Hamburg, schaut aber auch auf die Sorgenkinder Bayern München und Hertha BSC.

bundesliga.de: Herr Röber, in der Bundesliga hat Leverkusen momentan knapp die Nase vorn. Denken Sie, dass Bayer unter einem erfahrenen Coach wie Jupp Heynckes den Einbruch der vergangenen Jahre vermeiden kann?

Jürgen Röber: Es wird sehr wahrscheinlich eine Phase kommen, in der Leverkusen nicht so guten Fußball spielen wird. Das ist normal. Jupp Heynckes hat aber eine gute Truppe zusammen und die Mannschaft ist auch um ein Jahr reicher an Erfahrungen. Mit Heynckes hat Leverkusen auch einen Trainer, der es versteht, die richtige Mischung und die richtigen Worte zu finden. Dafür ist er lange genug dabei. Ich denke schon, dass er mit der Mannschaft oben dabei bleiben wird.

bundesliga.de: Auch der HSV spielt eine große Rolle. Allerdings fällt nach Paolo Guerrero nun auch Mladen Petric lange Zeit aus. Wie schwer wird es für die Hamburger, diese Ausfälle zu kompensieren?

Röber: Jetzt kommt ja auch der Marcus Berg und macht seine Tore. Dann sind noch einige andere talentierte Stürmer da. Ich denk dadurch, dass sie so einen guten Kader haben, können sie das schon kompensieren. Aber auf Dauer solche Leute zu ersetzen ist nicht einfach. Ich weiß nicht, ob sie sich noch verstärken werden.

bundesliga.de: Der FC Bayern hat nun schon acht Punkte Rückstand auf die Spitze. Warum kommen die Münchener einfach nicht mehr in Fahrt. Sie waren seit über einem Jahr nicht mehr Tabellenführer?

Röber: Als Außenstehender ist das immer schwer zu beurteilen. Ich war überrascht, dass Lucio und Zé Roberto da weggegangen sind. Stürmer haben sie genug. Da hat man schon die Qual der Wahl. Louis van Gaal halte ich für einen großen Trainer. Aber am Ende entscheiden Siege. Van Gaal weiß das, er war schon bei vielen großen Vereinen. Und acht Punkte Rückstand auf die Spitze ist nicht der Anspruch, den man bei Bayern München hat.

bundesliga.de: Ganz unten in der Tabelle steht Hertha BSC. Kann die Mannschaft wieder zu alter Stärke finden?

Röber: Ich persönlich glaube das schon. Das Potenzial ist da in der Truppe, obwohl es natürlich einen Aderlass gab. Andrey Voronin oder Marko Pantelic, die immer wieder ihre Tore geschossen haben. Dann haben sie Josip Simunic verloren. Dazu kommt, dass der Verein nicht die finanziellen Mittel hat, adäquat einzukaufen. Das ist keine einfache Situation. Die Trainerdiskussion kommt immer erst, wenn du Spiele verlierst, die du gewinnen hättest müssen. Wenn ich sehe, wie die Mannschaft teilweise spielt und den Ball laufen lässt, dann denke ich, dass sie die Qualität hat, da unten rauszukommen. Die Zuschauer stehen ja auch weiterhin hinter der Truppe. Wenn der Schalter wieder umgelegt wird, entsteht da auch wieder eine gewisse Euphorie. Aber in Nürnberg - und denen steht das Wasser ja auch bis zum Hals - musst du versuchen, zu punkten. Hertha ist keine Mannschaft, die absteigt! Friedhelm Funkel kennt sich in dem Bereich ja auch aus. Vor vielen Jahren hatte er mir mal gesagt, dass es toll wäre, mal in Berlin trainieren zu können. Das ist sicherlich ein Traum für ihn, da jetzt zu arbeiten. Er ist auch der richtige Mann für die Aufgabe.

bundesliga.de: Am Wochenende ist Bundesliga-Pause. Im Fokus steht das WM-Qualifikationsspiel Russland gegen Deutschland. Welche Rolle spielt die Tatsache, dass die DFB-Elf erstmals in ihrer Geschichte auf Kunstrasen spielen wird?

Röber: Es ist eine Umstellung. Natürlich haben die Russen den Vorteil, dass sie schon auf diesem Belag gespielt haben. Aber der Großteil der Mannschaft spielt auch nicht regelmäßig auf Kunstrasen. In Moskau spielen Sparta und ZSKA auf dem Belag, aber viele der Stars spielen im Ausland oder eben nicht in Moskau. Diese Plätze sind für mich als Fußballer genial. Da springt kein Ball weg. Du kannst sauber den Ball spielen. Beim Schießen habe ich manchmal das Gefühl, dass man manchmal von oben auf den Ball draufhaut. Das ist nicht wie auf echtem Rasen. Aber grundsätzlich darf das keine Ausrede sein und das betont die DFB-Elf ja auch immer wieder. Das ist einfach eine Kopfsache. Wenn es dann noch regnen sollte, kannst du immer noch sauber Doppelpass spielen. Für eine technisch beschlagene Mannschaft wie unsere Nationalmannschaft ist das großartig.

bundesliga.de: Die vier deutschen Stürmer Gomez, Cacau, Klose und Podolski schossen in dieser Bundesliga-Saison insgesamt erst vier Tore - drei davon gehen auf das Konto von Gomez. Sind Sie überrascht, dass zum Beispiel ein Stefan Kießling daheim bleiben muss oder werden es "Poldi" und Co. in der Nationalelf besser machen als in der Liga?

Röber: Das ist nunmal die Entscheidung von Jogi Löw. Natürlich wird wieder überall diskutiert. Die Stürmer werden an Toren gemessen und Kießling ist am besten drauf. Der Bundestrainer setzt aber auf Erfahrung, auf Leute, die schon miteinander gespielt haben. Unabhängig von den gewissen Problemen, die sie vielleicht in ihren Vereinen haben mögen. Mit Sicherheit wird Löw Kießling weiter im Auge behalten. Der hat ja auch erst zwei Länderspiele gehabt. Wenn er weiterhin so gut spielt, dann bin ich auch davon überzeugt, dass Jogi Löw ihn reinholt. Er ist ja noch ein junger Kerl, da hat er noch genug Zeit, sich in die Nationalmannschaft zu spielen. Aber das sehe ich für Löw eher als Luxusproblem an.

bundesliga.de: Denken Sie, dass Deutschland sich am Samstag das WM-Ticket sichern wird?

Röber: Aus deutscher Sicht wünsche ich mir das. Aber es ist eine Geschichte von 50-50. Wir können das Spiel gewinnen, aber es kann auch umgekehrt kommen. Die Russen spielen manchmal nur das Nötigste. Aber für sie ist es das wichtigste Spiel. Da kann auch mal so eine besondere Atmosphäre aufkommen. Dann schießen sie ein frühes Tor, wachsen über sich hinaus mit den Zuschauern im Rücken und auf einmal hat es auch eine deutsche Mannschaft schwer. Das war schon vor 20, 30 oder 40 Jahren so: Wie man in ein Spiel reinkommt, kann viel entscheiden.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz