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München - Fast vier Jahre sind vergangen, seitdem die englische Boulevardzeitung "The Sun" titelte: "Es war Jungs gegen Männer. Und die Jungs haben gewonnen." Deutschland hatte den alten Rivalen England bei der Weltmeisterschaft in Südafrika im Achtelfinale mit 4:1 abgefertigt, da feierte die Bundesrepublik seine jungen Helden, während die englische Presselandschaft auf ihre überalterte Nationalmannschaft eindrosch. 

Es war das Turnier, das für eine neue Generation den endgültigen Durchbruch auf internationaler Ebene bedeutete. Thomas Müller, Mesut Özil, Sami Khedira, Manuel Neuer und Jerome Boateng verkörperten die Stärke des deutschen Nachwuchses und hievten das Niveau des deutschen Fußballs spielerisch auf eine andere, eine höhere Ebene.

Talente mit unglaublichem Potenzial

Doch mittlerweile gehört diese Generation schon zu den erfahrenen, etablierten Mittzwanzigern, die Verantwortung übernehmen und im Zweifelsfall die Kohlen aus dem Feuer holen müssen. In Mario Götze, Marco Reus und Julian Draxler eroberte zwischen 2010 und 2012 eine weitere Riege hochbegabter Jungstars die Bühne Bundesliga, die jetzt wiederum von einer taufrischen, blutjungen Generation abgelöst wird.

Man bekommt den Eindruck, als würden beinahe im Zweijahresrhythmus in den Nachwuchsleistungszentren der deutschen Proficlubs frische Talente erblühen, die zwar noch mit Liebe und Sorgfalt gehegt und gepflegt werden müssen, aber über ein Potenzial verfügen, das viele ungläubig die Augen reiben lässt. Max Meyer, Timo Werner und Maximilian Arnold machen schon seit längerem von sich reden, Kaan Ayhan und Julian Brandt sind die jüngsten Beispiele.

Brandt: "Ich genieße das jetzt einfach"

Der 17-jährige Brandt erregte gegen Hertha BSC bereits mit seinem zweiten Bundesligator Aufsehen und rückte damit in den kleinen Kreis von nur drei Spielern auf, die als Minderjährige doppelt trafen. Nur Timo Werner und der längt nicht mehr aktive Rüdiger Abramczik waren bei ihrem zweiten Treffer im Oberhaus noch jünger.

"Ich genieße das jetzt einfach und hoffe, dass es lange so bleibt", sagt Brandt, der mit der für ihn ungewohnt hohen Aufmerksamkeit überraschend abgezockt umgeht (Personalie). Nicht zuletzt dank seines Trainers Sascha Lewandowski, der als langjähriger Nachwuchs-Cheftrainer im Umgang mit Jungspunden geübt ist und als helfende Hand zur Seite steht. "Julian ist geerdet, bei allem Selbstbewusstsein. Wir erwarten keine Wunderdinge, wollen ihn aber auch nicht bremsen", so Lewandowski.

Jugendhaus Bundesliga

Dank Trainern wie Lewandowski wird die Bundesliga mehr und mehr zum Jugendhaus. Von den historisch 20 jüngsten Spielern der Liga-Geschichte sind derzeit zehn aktiv. BVB-Mittelfeldspieler Nuri Sahin feierte schon mit 16 Jahren sein Debüt und ist noch immer der jüngste Bundesliga-Profi aller Zeiten. Draxler, Marc Stendera, Levin Öztunali, Jonathan Tah, Kevin Vogt und andere ergänzen die jugendliche Liste.

Die Bundesliga ist der ideale Nährboden für junge Spieler. Vereine wie der FC Schalke 04, der FC Bayern und der SC Freiburg schenken ihren Talenten trotz des hohen Erfolgsdrucks sehr viel Vertrauen und haben zum Teil eine zweistellige Zahl an Eigengewächsen im Kader, die dort hervorragend gedeihen können. Auch wenn dieser Prozess Zeit braucht. "Das ist nicht leicht. Hätte ich mich von dem leiten lassen, was immer wieder von außen herein getragen wurde, wäre es kaum möglich gewesen, diese junge Mannschaft so weiterzuentwickeln", erklärt Knappen-Coach Jens Keller, der trotz heftiger Kritik an seiner Person nie vom Jugendstil abwich. 

Selbstredend profitieren von dieser Entwicklung nicht nur die Vereine, sondern auch die Nationalmannschaft. Und auch wenn die Weltmeisterschaft in Brasilien für die Brandts und Meyers wahrscheinlich noch zu früh kommt. Irgendwann werden die englischen Boulevardblätter wieder schreiben: "Die Jungs haben gewonnen."

David Schmidt