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Noch sprechen sie das Wort nur ganz selten offen aus. Oder besser gar nicht. Aber dass der BVB zumindest von der Champions League träumen darf, ist Realität.

Hans-Joachim Watzke ist eigentlich ein Mann klarer Worte. Aber nach dem 2:1-Erfolg über Werder Bremen fühlte sich der Geschäftsführer von Borussia Dortmund bemüßigt, die Perspektiven seines Clubs ganz verklausuliert zu beschreiben: "Wir haben die gute Ausgangsposition auf die internationalen Plätze noch einmal ein bisschen optimiert."

Nur Großkreutz bricht aus

Nur nicht abheben, so heißt das Motto der Verantwortlichen auch bei nur noch einem Zähler Rückstand auf Rang drei. Das Umfeld stimmt sich auf die Champions League ein, Vorstand und Trainer treten auf die Euphoriebremse. Und das offenbar so intensiv, dass auch bei den Spielern die Wortwahl ungleich zurückhaltender ausfällt als die Spielweise.

Nuri Sahin etwa zeigte sich einfach "froh, dass wir unseren härtesten Verfolger Bremen auf Abstand gehalten haben." Und auch Mats Hummels lässt sich nicht festlegen: "Was das internationale Geschäft überhaupt angeht, haben wir noch einmal etwas gut gemacht. Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Wenn wir das schaffen, glaub ich auch, dass einem richtig guten Saisonabschluss nichts im Wege steht."

Regelrecht forsch gab sich allein Kevin Großkreutz im Gespräch mit bundesliga.de: "Natürlich wollen wir in die Champions League!" Allerdings auch nicht ohne Nachsatz: "So ein Ziel würde sich jeder setzen, der die Chance dazu hat. Aber andere Mannschaften wollen das eben auch."

"Tolle Balleroberungen, super Umschaltspiel"

Tatsache aber ist: Der BVB hat wieder einen echten Lauf und ist das Team der Stunde. Seit fünf Partien ist die Mannschaft ungeschlagen, holte dabei 13 von 15 Zählern, ist bis auf einen Zähler an Leverkusen herangerückt und distanzierte mit Bremen gerade den ärgsten Verfolger.

Nach dem leichten Rumpel-Rückfall beim 0:0 in Berlin demonstriert Dortmund rechtzeitig zum Liga-Endspurt eine Rückkehr zu den Grundtugenden dieses jungen Teams, wenn auch gegen Bremen nur eine Halbzeit lang dominant: Großer Wille, gepaart mit hoher Laufbereitschaft und ebensolcher Leidenschaft. Volldampf-Fußball nennt Jürgen Klopp das gerne: "Wir müssen immer alles raushauen, was wir haben."

Unverkennbar bringt der BVB mittlerweile aber auch spielerische Elemente ein, die durchaus Anlass zu Ambitionen geben. Und das gesteht auch Klopp gerne ein: "Wir hatten gegen Bremen tolle Balleroberungen in der ersten Halbzeit, hatten ein super Umschaltspiel, haben sehr gut Fußball gespielt und tolle Tore gemacht."

Die Fans tragen das Team

Dazu kann der BVB mit einem Pfund wuchern, um das ihn so mancher Club in der Liga beneidet - seine Fans. Auf der Tribüne träumt man mittlerweile ganz offen von der Rückkehr in Europas "Königsklasse" nach acht Jahren und tut alles, der Mannschaft dorthin den Weg zu ebnen. Über 10.000 Anhänger begleiteten das Team zuletzt nach Berlin, 80.000 boten gegen Werder Standing Ovations.

Den Faktor Fan wissen auch die Spieler zu schätzen, wie Sven Bender nach dem Werder-Spiel staunend bestätigte: "Wahnsinn, wie uns die Fans getragen haben!" Eine Einschätzung, die Mats Hummels teilt: "Das hat uns bestimmt auch geholfen, dass die Kulisse ja förmlich ausgerastet ist."

Was freilich auch daran lag, dass für die schwarz-gelben Fans dieser 29. Spieltag etwa so war, als fielen Ostern und Weihnachten zusammen. Erst zwei Tore gegen Bremen, dann zwei Tore der Bayern gegen den Erzrivalen Schalke. Dass Leverkusen am Ende auch verlor, lieferte das Sahnehäubchen - mehr geht nicht an einem Tag.

"Restlichen Spiele werden alle so intensiv"

Dass der Traum am Ende doch wieder die Bodenhaftung trifft, dafür sorgt in diesen Tagen aber noch einmal Hans-Joachim Watzke mit einer klaren Marschrichtung: "Wir gucken nicht auf Leverkusen und nicht auf Schalke. Wir gucken auf uns!"

Und auf den nächsten Gegner, der am Samstag FSV Mainz 05 heißt. Für Jürgen Klopp wird diese Partie bei der Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte mindestens genauso spannend wie das Spiel gegen Bremen - und genauso eng: "Werder war ein richtiger Gradmesser für den Rest der Saison. Die restlichen Spiele werden alle so intensiv. Da müssen wir gut drauf vorbereitet sein."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte