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München - Wenn Heiko Vogel über Fußball spricht, bemüht er gerne Vergleiche mit dem Tierreich. "Der Wolf etwa", meint Vogel, erlege seine Beute im Rudel, obwohl jedes einzelne Tier ein hervorragender Jäger sei. Doch Erfolg, das wüssten die Wölfe, stelle sich nur ein, wenn sie kooperierten. Das lasse sich gut auf Fußballmannschaften übertragen.

Oder auch der Honigdachs. "Der ist so aggressiv, dass er beim Honigfressen riskiert, von den Bienen zerstochen zu werden und zu sterben. Er ist besessen. Das brauchen wir auch im Fußball", sagt der 36 Jahre alte Trainer des Schweizer Meisters FC Basel.

Dozent vermittelt Kontakt zum FC Bayern

Alle gemeinsam und mit einem Schuss Besessenheit, das will Vogel mit seinen Ausflügen in die Tierwelt sagen, sollen seine Spieler im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Bayern München am Mittwoch (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) für die nächste Sensation sorgen. Wie schon im vergangenen Dezember, als der ehemalige Assistent von Thorsten Fink im St.-Jakob-Park mit seiner Elf das große Manchester United ausschaltete und sich das "Jahrhundertspiel", wie sie das Duell mit dem deutschen Rekordmeister in Basel nennen, verdiente.

Der FC Basel im Allgemeinen und Vogel im Speziellen haben sich mit dieser Überraschung einen Namen gemacht in Fußball-Europa. In München aber war der Name Vogel da längst bekannt. Augenzwinkernd darf man wohl sogar behaupten, dass der FC Bayern selbst schuld ist, wenn Vogel gegen die Münchner ein weiterer Coup gelingt. "Ich kenne ihn gut", sagt Kapitän Philipp Lahm über den einstigen Jugendcoach des FC Bayern, "weil er nach dem Training oft mit uns gekickt hat. Durch uns hat er das Fußballspielen erst gelernt."

Das ist freilich eine nicht ganz ernst gemeinte Übertreibung. Vogel war selbst ein ganz passabler Kicker, über den früheren Drittligisten SV Edenkoben kam der Pfälzer aber nicht hinaus. So richtig durchgestartet ist Vogel erst als Trainer - beim FC Bayern. "Das war eine glückliche Begebenheit", sagt Vogel, der "von Kindesbeinen an Bayern-Fan" war. Als Sportstudent in München hatte er erst bei 1860 angefragt, sich da aber eine Absage eingehandelt. Dann habe er bei einem seiner Dozenten nachgehakt. "Ich brauche Berufserfahrung, besorg' mir was, wurscht was, und wenn es die Hochschul-Frauen sind", erzählt er. Der Dozent aber hatte Kontakt zu den Bayern - und die sagten ja.

Dank Gerland der "Ötschi"

Vogel begann bei der U9 "als Chefcoach in Anführungsstrichen" und arbeitete sich hoch bis zur U17. "Es war sensationell, vom ersten Tag an. Es waren neun wunderbare Jahre, für die ich unendlich dankbar bin", sagt Vogel. Auch Trainer Jupp Heynckes habe er in bester Erinnerung, seit er bei ihm 1997 in Madrid hospitierte. "Er ist ein absoluter Gentlemen", sagt Vogel.

Am meisten geprägt hätten ihn aber Hermann Hummels, Vater des Dortmunder Nationalspielers Mats Hummels und Vogels Chef bei der Bayern-U16, und der langjährige Amateure-Coach Hermann Gerland. Dem hat er sogar seinen Spitznamen zu verdanken. Weil der "Tiger" irgendwo aufgeschnappt hatte, dass man in der Pfalz angeblich "den Ötsch" und nicht "den Vogel" abschieße, "bin ich seitdem bei ihm der Ötschi".

Bei seinen ehemaligen Spielern hat Vogel bleibenden Eindruck hinterlassen. "Er hat etwas Besonderes an sich", sagt Holger Badstuber. Und Thomas Müller ergänzt: "Er ist ein lockerer Typ, hat immer einen guten Spruch parat. Wir haben viel Spaß gehabt mit ihm. Er kann aber auch Chef sein." Heynckes lobt, Vogels Handschrift sei in Basel klar erkennbar.

"Wir wollen ins Viertelfinale"

Dass er es selbst nicht zum Profi gebracht hat, empfindet Vogel nicht als Makel. "Mourinho, Villas-Boas, Benitez", nennt er - alles große Trainer ohne ruhmreiche Profi-Vergangenheit. In Madrid, Chelsea oder Liverpool zu arbeiten, wie die Genannten, dieses Ziel habe er nicht, "das wäre überheblich". Ohnehin sei Basel für ihn ein "Sechser im Lotto mit Zusatzzahl", habe der Club doch in der Schweiz denselben Status wie die Bayern in Deutschland.

Und wenn sich Vogels Traum gegen seine frühere Liebe erfüllt, dann steht Basel zumindest vorübergehend sogar über den Münchnern. "Wir wollen nicht nur mitspielen. Wir wollen ins Viertelfinale", sagt er.