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Prag - Pep Guardiola wird den Weg zur U21-EM in Tschechien wohl nicht antreten. Der Trainer des FC Bayern München hatte sich bereits im vergangenen Herbst sein Bild gemacht. Gut möglich aber, dass sein Sportvorstand Matthias Sammer am Dienstagabend in Prag auf der Tribüne sitzt, wenn die deutsche U21-Nationalmannschaft in ihrem dritten Gruppenspiel bei der Europameisterschaft im Stadion Eden gegen Tschechien (Anstoß 20.45 Uhr) mit einem Unentschieden ins Halbfinale einziehen kann.

Schließlich war Sammer von 2006 bis 2012 beim DFB und dort auch Nachwuchskoordinator, diesmal aber dürfte ihn ausschließlich die Leistung von Joshua Kimmich interessieren.

Der Mittelfeldspieler war beim 3:0 gegen Dänemark der überragende Akteur auf dem Platz. Gegen Serbien (1:1) hatte Trainer Horst Hrubesch auf der Sechser-Position noch mit Moritz Leitner begonnen, aber schon zur Pause korrigiert. Mit Kimmich kam spürbar mehr Gleichgewicht ins Spiel. Der 20-Jährige war laufstark, stopfte etliche Löcher, eroberte viele Bälle und kurbelte danach das Umschaltspiel mit guter Übersicht an.

"Außergewöhnliche Mischung aus individueller Klasse und Teamfähigkeit"

Attribute, die den Machern des FC Bayern München schon länger bekannt waren. Trainer Pep Guardiola reiste im vergangenen Jahr höchstpersönlich nach Leipzig, um Kimmich einen Wechsel von RBL zur Säbener Straße schmackhaft zu machen. Am 2. Januar wurde der Transfer offiziell verkündet.

Alexander Zorniger, der Kimmich bekanntlich in Leipzig trainiert hatte, ist überzeugt, dass sich der gebürtige Rottweiler beim FC Bayern ganz in Anlehnung an seinen Geburtsort "durchbeißen" wird. "Joshua besitzt eine außergewöhnliche Mischung aus individueller Klasse und Teamfähigkeit. Mit seinem überragenden Gefühl für Pässe ist er ein Mann für die entscheidenden Momente. Er spielt Bälle, die den Verlauf einer Partie komplett verändern können", sagte Zorniger.

Kimmich "überspringt" U20-WM

Mit diesen Qualitäten führte Kimmich die U19-Nationalmannschaft im vergangenen Jahr in Ungarn zum EM-Gewinn. Von seinem Alter her hätte er daher eigentlich mit der U20 des DFB zur gerade beendeten WM nach Neuseeland reisen können. Dass er diesen Jahrgang übersprungen hat, zeigt sein Talent und macht ihn für seinen zukünftigen Arbeitgeber noch interessanter. Zwar verfügt der FC Bayern im zentralen defensiven Mittelfeld über etliche Hochkaräter, doch Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Xabi Alonso sind nicht mehr die Jüngsten.

Joshua Kimmich wittert seine Chance. Während der U21-EM äußerte er sich erstmals zu diesem Thema. "Natürlich muss ich noch lernen. Allerdings wechsel ich nicht, wenn ich mir nicht sicher bin, dass ich im neuen Verein keine Rolle spiele. So etwas macht ja keinen Sinn", sagte Kimmich in Prag und ergänzte: "Die Bayern können jeden "Sechser" der Welt kaufen. Wenn sie mich haben wollen, dann werden sie sich schon etwas dabei gedacht haben."

Schweinsteiger als Vorbild und Konkurrent

Kimmich nimmt kein Blatt vor den Mund. Ungewöhnlich forsch für einen Nachwuchs-Profi mit gerade mal 27 Spielen Zweitliga-Erfahrung formuliert er seine Ziele und macht dabei auch nicht vor Platzhirschen halt. "Klar ist "Schweini" für mich ein Vorbild. Aber nun auch Mitspieler und damit Konkurrent", sagte Kimmich. Auch Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick ist von Kimmichs Potenzial überzeugt. "Sicher muss er noch ein wenig an Schnelligkeit und Torgefahr arbeiten, aber ich traue ihm den Sprung absolut zu." Am Dienstag will Kimmich diesen zunächst bei der U21 schaffen - ins EM-Halbfinale.

Infos zu Joshua Kimmich

Geburtstag: 8. Februar 1995
Geburtsort: Rottweil
Größe: 1,76m
Gewicht: 70kg
Vereine: VfB Bösingen (bis 2007), VfB Stuttgart (2007-2013), RB Leipzig (2013-2015), Bayern München (ab 2015)
Zweitliga-Spiele: 27 (zwei Tore)
Drittliga-Spiele: 26 (ein Tor)
DFB-Pokal-Spiele: 2 (kein Tor)
Nachwuchs-Länderspiele: 22 (ein Tor)
Erfolge: Zweitliga-Aufstieg mit RB Leipzig 2014, U19-Europameister 2015

Aus Prag berichtet Thomas Schulz