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"Mozart des Fußballs" nannte ihn einmal sein Trainer Otto Rehhagel, doch in der Stunde seines größten Triumphes tanzte Andreas Herzog einen unkonventionellen Walzer.

Hand in Hand mit Teamkollege Manfred Bockenfeld hüpfte das ungleiche Paar über den Rasen des Stuttgarter Neckarstadions. Gleich in seinem ersten Jahr im hohen Norden hatte der Wiener Werder Bremen zur dritten Deutschen Meisterschaft geführt.

Spannend bis zum Schluss

Anders als sieben Jahre zuvor waren es diesmal die Münchner Bayern, die sich in einem Herzschlagfinale knapp geschlagen geben mussten. Ein 3:3-Unentschieden bei Schalke 04 reichte dem Rekordmeister nicht zum Titelgewinn, da sich die Hanseaten beim VfB Stuttgart mit 3:0 durchsetzten.

Ein Triumph aus der Verfolgerrolle heraus. 32 Spieltage lang hatten die Münchner die Tabelle angeführt, ehe der SV Werder in der vorletzten Runde mit einem Tor Vorsprung vorbeizog. Und diesmal behielt man an der Weser die Nerven, das Münchner Ballyhoo schlug an der Nordseeküste keine hohen Wellen. Statt seinerzeit Udo Lattek saß diesmal aber auch der stillere Erich Ribbeck auf der Trainerbank.

Mit spielerischem Glanz an die Spitze

Waren die Bremer Meisterschaften 1965 und 1988 von taktischer Disziplin und soliden Leistungen in der Defensive geprägt, versprühten die Norddeutschen dank ihres Austria-Importes diesmal auch spielerischen Glanz an der Tabellenspitze. Der gerade 24 Jahre alte Österreicher war einer der letzten klassischen Spielmacher der Bundesliga, er war vom ersten Spiel an technisch so dominant, dass sich ihm auch Fußball-Persönlichkeiten wie Rune Bratseth, Mirko Votava, Dieter Eilts, Wynton Rufer und Klaus Allofs ohne zu murren unterordneten.

Und für ihn auch die Drecksarbeit erledigten, denn bei allen Fortschritten schaffte es selbst der penible Rehhagel nicht, seinem Ziehsohn disziplinierte Arbeit auch nach hinten beizubringen. "Einige Prinzipien habe ich für den Andy über Bord geworfen", räumte der Coach später einmal ein. Doch solange die Arbeitsteilung von Erfolg gekrönt war, herrschte Ruhe im Rehhagelschen Kollektiv.

An der Isar überfordert

Die sportlichen Siege schweißten Rehhagel und Herzog derart eng zusammen, dass sie 1995 gemeinsam zum Erzrivalen Bayern München wechselten, um dort ihre Erfolgsgeschichte - 1994 war der SV Werder Pokalsieger geworden - fortzuschreiben. Doch an der Isar waren die beiden schlicht und ergreifend überfordert. Für Rehhagel kam der Abpfiff schon nach knapp zehn Monaten, nur wenige Wochen später kehrte Herzog reumütig an die Weser zurück.

Doch ohne seinen Mentor fand der "Alpen-Maradona" nie mehr zur alten Stärke zurück. Von Hans-Jürgen Dörner verpflichtet, von Wolfgang Sidka nur geduldet, mit Felix Magath verkracht, von Thomas Schaaf aussortiert - die zweite "Bremer Phase" des Andreas Herzog endete am 20. Oktober 2001 sang- und klanglos mit einer letzten Einwechslung in sein 264. und letztes Bundesliga-Spiel.