München - Zu den gewöhnlichen Fußballern gehört Thomas Müller nicht. Ganz und gar nicht. Schlaksig ist er, wenig muskulös, mit seltsam anmutendem Laufstil und einer manchmal unorthodoxen Art, den Ball zu verarbeiten. Es wirkt alles ein wenig unkoordiniert bei ihm.

Doch dann - ganz plötzlich - ist da ein anderer Müller. Einer, der Ideen hat. Einer, der sich traut und etwas ausprobiert. Einer, der brandgefährliche Situationen inszeniert und durch brutale Effektivität besticht.

"Als ob ich in der Kreisklasse spiele"



Besser geeignet als die kann ein Spiel wohl kaum sein, versucht man den Fußballer Thomas Müller in seiner Gesamtheit zu verstehen. Da waren einerseits die beiden Situationen kurz nach der Pause, als ihm zuerst ein Schuss über den Schlappen rutschte und anschließend ein Pass ins Aus versprang. "Zu Beginn der zweiten Halbzeit konnte ich einen einfachen Pass nicht annehmen - als ob ich in der Kreisklasse spiele", formulierte es Müller wie immer recht direkt.

Doch danach trumpfte der 23-Jährige auf, avancierte gar zum Matchwinner. Beim 1:0 schirmte er den Ball gegen zwei Verteidiger ab und servierte ihn perfekt für Toni Kroos, der eiskalt einschob.

Das 2:0 gelang Müller nach ebenso feiner wie frecher Einzelleistung. Erst tunnelte er Fuchs, um danach den Ball aus wenig aussichtsreicher Position in die lange Ecke zu bugsieren. Dem Torschützen selbst gibt dieser Treffer Rätsel auf: "Ich würde sagen, ich habe den Ball mit dem Außenrist ins Tor geschoben. Aber fragen Sie mich nicht - es ist einfach passiert."

Zwei Gesichter



Manchmal möchte man meinen, Müller pendelt zwischen zwei Welten. Zwei Fußball-Welten. Einer, die seinem Trainer, seinen Mitspielern, einem ganzen Verein und sogar einer ganzen Nation - wie bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Südafrika - viel Freude bereitet und einer anderen, die bei vielen nur Kopfschütteln verursacht.

"Beim Thomas gehört das zum Spiel, er hat unglückliche Situationen, ist nicht immer ballsicher, aber er ist unberechenbar, agil und laufstark", sagt Trainer Jupp Heynckes über seinen Schützling.

Heynckes verzeiht dem Nationalspieler seine Aussetzer. Der Trainer-Fuchs kennt ihn zu gut, als dass er ihn vorschnell für solch unglückliche Aktionen wie gegen die "Knappen" bestrafen würde. "Ich habe nie daran gedacht, Müller nicht weiterspielen zu lassen - und er ist dafür dann ja auch belohnt worden."

Spieler der Saison



Vier Spiele, vier Tore, vier Vorlagen. Müller ist bisher der Spieler der Saison beim Rekordmeister. Und das nach einer zwar nicht verkorksten, aber zumindest schwierigen letzten Spielzeit, in der er manchmal unglücklich agierte und nicht immer unumstritten war.

Der erhöhte Konkurrenkampf im Bayern-Mittelfeld durch die Verpflichtungen von Xherdan Shaqiri und Javier Martinez scheinen Müller nicht zu blockieren, eher im Gegenteil. "Wir sind in einer Situation, wo du weißt, dass immer einer nachrücken kann. Als Spieler bist du da immer unter Zugzwang - was größtenteils eher motivierend als belastend ist", findet Müller.

David Schmidt