Bundesliga

Zwischen zwei Welten

Am 24. März 2007 ist für Stefan Kießling ein Traum wahr geworden. Zum ersten Mal in seiner Karriere gehörte er der deutschen A-Nationalelf an.

Im Qualifikationsspiel zur EURO 2008 gegen Tschechien in Prag (2:1) durfte es sich der damals 23-Jährige auf der Ersatzbank gemütlich machen. In einer Decke fest eingehüllt und im schwarzen Trainingsanzug mit dem weißen Bundesadler auf der linken Brust saß er neben Manuel Friedrich und Jan Schlaudraff. 90 Minuten lang.

Seine große Stunde schlug vier Tage später: Im Freundschaftsspiel gegen Dänemark schickte Bundestrainer Joachim Löw den jungen Kießling in der 46. Minute für Kevin Kuranyi aufs Duisburger Feld. Die 0:1-Niederlage, die Nicklas Bendtner in der 81. Minute besiegelte, konnte auch der Stürmer von Bayer Leverkusen nicht verhindern.

Beckenbauer, Matthäus, Kießling

Doch die Schlappe dürfte die Freude über sein Debüt nicht getrübt haben, denn er war am Ziel: ein Teil der deutschen Nationalmannschaft zu sein. Er hat sich mit diesem Einsatz einen Platz in der DFB-Historie gesichert und steht jetzt in einer Liste mit prominenten Namen wie Fritz Walter, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann.

Der Sprung ins Auswahlteam war geschafft, er gehörte dazu. Der Schritt aus der Glitzerwelt Bundesliga, in der Kießling seit 2004 durchgehend wirbelte, ins internationale Rampenlicht schien geglückt. Es schien, als wäre er die Karriereleiter gleich um zwei Stufen empor gestiegen. Doch Pustekuchen.

Zwei Mal auf der Bank

Mehr als eineinhalb Jahre später steht in der DFB-Statistik weiterhin ein Länderspieleinsatz hinter dem Namen Stefan Kießling. Der Leverkusener wurde seit seiner Premiere nur noch zwei Mal nominiert. Für das Freundschaftsspiel gegen England im Londoner Wembley-Stadion im August 2007 sowie für den EURO-Test gegen die Schweiz im März 2008.

Immer wenn es ernst wurde, fiel der Stürmer durch das Raster. Die EURO 2008 musste er sich im TV ansehen. Auch das 1:2 der Löw-Elf gegen England hat der Ex-Nürnberger im Fernsehsessel verfolgt.

Sechs Tore, drei Assists

Kießling sitzt irgendwie zwischen den Stühlen, ist gefangen zwischen zwei Welten. In der Bundesliga top, bekommt er den Fuß in die Tür zur Nationalmannschaft nicht richtig rein. Dabei hat er sich in den vergangenen Jahren zu einem gestandenen Angreifer gemausert. Er ist schnell, beidfüßig, kopfballstark und hat ein gutes Auge für den Mitspieler. In den 13 Bundesliga-Spielen in dieser Saison ließ es der Blondschopf sechs Mal klingeln, zudem bereitete er drei Tore vor.

Vergleicht man seine Werte mit den Daten der vier von Löw nominierten Angreifer fürs England-Spiel, so braucht sich Kießling nicht zu verstecken. Seine neun Scorerpunkte werden nur von seinem Sturmkollegen bei Bayer, Patrick Helmes (10 Tore/1 Assist), getoppt. Bayerns Miroslav Klose kommt ebenso auf neun Scorerpunkte (4/5), Mario Gomez vom VfB Stuttgart (6/2) und Lukas Podolski (3/1) liegen dahinter.

Beste Chancenverwertung und höchste Schussgenauigkeit

Schon jetzt besticht Kießling durch eine effiziente Arbeitsweise. Im Vergleich mit Klose, Gomez, Helmes und Podolski (siehe unten stehende Tabelle) hat der 1,91 Meter große und 78 Kilogramm schwere Stürmer die beste Chancenverwertung (26,1 Prozent), die höchste Schussgenauigkeit (60,9 Prozent) und das beste Zweikampfverhalten (43,1 Prozent). Wie wichtig er für das Bayer-Spiel ist, belegen die hohe Anzahl an Ballkontakten (658) und die der gespielten Pässe (397). Kollege Helmes hingegen war bisher 434 Mal am Leder und schob 290 Mal den Ball zu einem Mitspieler weiter.

So mancher Fußballfan kann nicht verstehen, warum Kießling bei Bundestrainer Löw zurzeit außen vor ist. Und warum Podolski den Vorzug erhalten hat. "Poldi" kommt in dieser Saison nicht in Tritt und über die Rolle eines Einwechselspielers beim FC Bayern nicht hinaus. Während er an den vergangenen beiden Spieltagen wegen Rückenbeschwerden nicht im Kader stand, schoss Kießling jeweils ein Tor.

"Um Gottes willen, nein!"

Ist das deutsche Aufgebot ungerecht zusammengestellt? "Um Gottes willen, nein!", wiegelt Stefan Kießling im Gespräch mit dem "kicker" ab und ergänzt: "Für mich kann es nur darum gehen, so weiter zu machen und nicht nachzulassen. Ich hoffe, dass ich bald als fünfter Stürmer dazugehören kann."

Wenn er in der Bundesliga weiterhin so auftrumpft wie zuletzt, ist das nur eine Frage der Zeit. Dann könnte sich auch bald sein größter Traum erfüllen, nämlich ein fester Bestandteil der deutschen Nationalmannschaft zu sein.

Thorsten Schaff