Hannover - Als Hannover 96 am 8. Spieltag zum FC Bayern reiste, schien die Fußballwelt auf den Kopf gestellt. Die Niedersachsen lagen Mitte Oktober auf einem unvorstellbaren 3. Tabellenplatz, die Münchner satte fünf Punkte dahinter auf Rang 12.

Es sollte nur eine Momentaufnahme in der damals noch jungen Saison sein, da waren sich die Beteiligten sicher. Und siehe da: Nachdem der Rekordmeister an jenem Samstagnachmittag den Emporkömmling mit 3:0 in die Schranken gewiesen hatte, schien der Zwergenaufstand frühzeitig beendet.

Ein gewisser Mario Gomez kam damals mit einem "Dreierpack" buchstäblich aus der Versenkung - just in der Zeit, als sein Namensvetter aus der verschütteten Mine in Chile zusammen mit 32 anderen Kumpels gerettet wurde. Ob Schicksal oder Hokuspokus: Der Bayern-Gomez startete anschließend durch und erzielt seitdem Tore am Fließband.

Trendwende ohne Nachhaltigkeit

Schon drei Spieltage später waren die aufmüpfigen Hannoveraner nach zwei weiteren Niederlagen in der Tabelle hinter die Münchner gerutscht - und alles schien seinen geregelten Lauf zu gehen. Der FCB kündigte die Aufholjagd auf Spitzenreiter Dortmund an, während bei den 96ern die Abstiegsränge wieder bedrohlich nahe kamen.

Viereinhalb Monate später sehen sich die beiden Rivalen zum Rückspiel in der AWD-Arena wieder - und längst ist klar, dass die damalige "Trendwende" im Keim erstickte. Die Mannschaft von Louis van Gaal schaffte es nicht, die viel beschworene Serie durchzuziehen, während das Team von Mirko Slomka nach dem kurzen Tief erneut durchstartete. Die Folge: Der FC Bayern steht auch beim zweiten Aufeinandertreffen (Samstag, ab 15 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio) hinter den "Roten" - und diesmal spricht niemand mehr von einer "Momentaufnahme".

"Müssen uns nicht kleiner machen"

Im Gegenteil: Durch den fortwährenden Erfolg haben die Niedersachsen mittlerweile eine derart breite Brust bekommen, dass sie dem renommierten Gegner ein Duell auf Augenhöhe versprechen. "Wir haben nicht so viele Spiele zuhause verloren. Es ist nicht so einfach, hier gegen uns zu gewinnen", sagt Slomka. Ein Blick auf die Statistik bestätigt Hannovers Cheftrainer: Lediglich die Bayern stehen in der Heimtabelle besser da als 96, das von zwölf Spielen in der AWD-Arena nur vier Mal nicht als Sieger vom Platz ging (ein Remis, drei Niederlagen).

Sergio Pinto, der sich im Hinspiel einen Außenbandriss zugezogen hatte, will jedenfalls nichts mehr von einem Zwergenaufstand wissen. "Wir haben nicht das Recht, uns mit dem FC Bayern zu vergleichen. Aber wir müssen uns auch nicht kleiner machen, als wir sind", sagt der Mittelfeldspieler. Und auch Jan Schlaudraff stößt in der "Bild" ins gleiche Horn: "Wie fast jedes Team in der Liga sind wir gegen Bayern Außenseiter. Aber wir haben einen Super-Lauf, haben konstant sehr, sehr, gute Leistungen abgeliefert. Wir stehen nicht unverdient so weit oben."

Ya-Konan-Fluch beendet

Dabei hat sich der vormalige Abstiegskandidat sogar zum ernsthaften Champions-League-Aspiranten entwickelt, der bei einem Sieg gegen die Bayern schon fünf Punkte Vorsprung auf den Rekordmeister aufweisen würde. Um jedoch die Euphorie an der Leine nicht in schwindelerregende Höhen steigen zu lassen, hält Slomka den Ball vor dem Spitzenspiel am Samstag bewusst flach. "Es ist keine besondere Woche, weil wir uns wie in jeder Woche auf den nächsten Gegner gut vorbereiten und konzentriert arbeiten. Das hat uns Erfolg gebracht, daran werden wir auch nichts ändern."

Eine große Sorge ist der 96-Coach zudem los: Am vergangenen Spieltag beendeten die Hannoveraner die Negativserie, nicht ohne ihren Top-Stürmer Ya Konan punkten zu können. Trotz des Fehlens des verletzten Ivorers, der wohl auch gegen den FCB passen muss, feierten Slomkas Schützlinge einen1:0-Sieg beim FC St. Pauli - und durchschlugen den "Fluch" der selbsterfüllenden Prophezeiung.

"Bayern steht brutal unter Druck"

Für Schlaudraff ist Hannover nicht nur deswegen in einer komfortablen Situation: "Bayern steht immer brutal unter Druck. Man ist verdammt dazu, Titel zu holen. Jetzt geht in Sachen Meisterschaft nichts mehr, sie müssen sich voll auf Platz 2 konzentrieren. Sie müssen hier dreifach punkten, sonst ist der Anschluss an Leverkusen verloren."

Die Anzeichen für einen weiteren Coup der Niedersachsen stehen demnach nicht schlecht. Und spätestens bei einem Sieg am Samstagnachmittag gegen die Bayern würde die Methapher vom Zwergenaufstand ad absurdum geführt.

Johannes Fischer