München - Neun Jahre spielte Christian Wörns für Borussia Dortmund, sieben für Bayer Leverkusen. Mit dem BVB wurde er Deutscher Meister, mit der "Werkself" gewann er den Pokal. Jetzt treffen seine beiden Ex-Vereine aufeinander. Der 66-fache Nationalspieler spricht im Interview mit bundesliga.de über die Perspektiven der Topclubs.

bundesliga.de: Herr Wörns, wie schätzen Sie den Saisonstart der Ihrer Ex-Clubs ein?

Christian Wörns: Er hat mir ganz gut gefallen. Ich habe mir Leverkusens Spiel in Frankfurt komplett im Fernsehen angeschaut, da hat die Mannschaft einen guten Fußball gespielt. Ich habe eine Handschrift des Trainerteams gesehen, der Spielaufbau war gut. Allerdings war Bayer in der Defensive anfällig.

bundesliga.de: Und der BVB?

Wörns: Der BVB hat gegen Werder Bremen ein ordentliches Spiel gemacht und hatte in einigen Phasen allerdings auch etwas Glück. Die Partie in Nürnberg war etwas zäh, der "Club" hat das defensiv sehr gut gemacht, tief gestanden und gut gekontert. Mit den vier Punkten aus den ersten beiden Spielen kann die Borussia zufrieden sein.

bundesliga.de: Es scheint fast, als wären die Dortmunder noch ein bisschen in der Findungsphase.

Wörns: Das glaube ich eher nicht. Die Dortmunder haben den Vorteil, dass der Kader weitgehend zusammengeblieben ist. Sicher tat der Abgang von Shinji Kagawa weh. Doch ich denke, dass der BVB mit der Verpflichtung von Marco Reus einen sehr guten Transfer getätigt hat.

bundesliga.de: Kann Marco Reus den Japaner 1:1 ersetzen?

Wörns: Ja. Er hat in den ersten Spielen bereits direkt überzeugen können. Das ist nicht selbstverständlich. Auch ein Spieler, der so viel gekostet hat, hat häufig mit Startschwierigkeiten zu kämpfen. Wegen der Ablöse wird er besonders unter die Lupe genommen. Aber Marco kommt damit bis jetzt sehr gut klar. Im Länderspiel gegen Österreich hat man zudem auch gesehen, dass er einem Spiel auch dann seinen Stempel aufdrücken kann, wenn er vorher kaum zu sehen war. Das zeigt seine hohe Qualität.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass die Borussia nach den beiden extrem erfolgreichen Jahren immer noch titelhungrig ist?

Wörns: Ich denke schon. Es war eine starke Leistung, zwei Mal Meister zu werden und dazu noch den Pokal zu gewinnen. Jetzt haben aber andere Vereine mächtig aufgerüstet, speziell die Bayern. Aber der Anspruch der Westfalen wird schon sein, wieder um den Titel und die Champions-League-Plätze zu spielen. Und anders als in den vergangenen Jahren, in denen sie traditionell Anfangsschwierigkeiten hatten und Spiele verloren haben, stehen sie diesmal ganz gut da.

bundesliga.de: Sie haben vor einem halben Jahr selbst Ihrem Trainerschein gemacht. Wie sehr interessiert verfolgen Sie den Weg, den Leverkusen mit dem Trainerduo Sami Hyypiä/Sascha Lewandowski geht?

Wörns: Das ist eine spannende Sache. Ich glaube, dass es funktioniert. Die beiden haben im Schlussspurt der vergangenen Saison einen guten Eindruck hinterlassen. Aber eins ist für mich klar: Einer von den beiden muss das letzte Wort haben. Denn es wird auch immer mal inhaltlich und personell unterschiedliche Auffassungen geben. Gleichberechtigt funktioniert nicht, damit kommt man auf keinen grünen Zweig. Es ist ja kein Diskutierclub.

bundesliga.de: Was trauen Sie der "Werkself" zu?

Wörns: Leverkusens Anspruch muss es sein, um die internationalen Plätze zu spielen. Ich traue Bayer auch zu, dass es um die Champions-League-Plätze kämpft. Sie sind zwar finanziell nicht so gut aufgestellt wie der FC Bayern, haben aber klug investiert und gute neue Spieler dazubekommen. Die Leverkusener Scoutingabteilung hat da wieder einmal gute Arbeit geleistet. Ich finde es auch richtig, dass Bayer seine Stars Lars Bender und Andre Schürrle trotz der hohen Angebote nicht abgegeben hat. Was nützt dem Verein ein volles Konto, wenn keine adäquaten Spieler geholt werden können.

bundesliga.de: Wer ist in dieser Saison Ihr Meisterschaftsfavorit?

Wörns: Insgesamt erwarte ich in dieser Saison die Bayern wieder ganz vorne. Sie sind momentan einen Tick besser, haben sich gut verstärkt und einen großen Konkurrenzkampf im Kader. Sie sind läuferisch aggressiver und spielen ein bisschen so wie der BVB in den letzten beiden Jahren.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski