Die vergangenen zwei Jahre in Dortmund waren eher ernüchternd. In der Saison 2006/07 belegte der BVB am Saisonende einen enttäuschenden 9. Platz und war jenseits von Gut und Böse. In der vergangenen Spielzeit reichte es sogar nur zu Platz 13 in der Tabelle.

Momentan gehören die "Schwarz-Gelben" nicht mehr zu den Top-Clubs der Bundesliga, wie es noch 2002 der Fall war. Damals wurde Dortmund Deutscher Meister und erreichte das Finale im UEFA-Pokal.

"Fleißger als der Ball"

Einer, der großen Anteil an diesen Erfolgen hatte, war Sebastian Kehl. Der Mittelfeldspieler hatte sich beim SC Freiburg zum Nationalspieler entwickelt und wechselte im Januar 2002 ins Ruhrgebiet. Auch in Dortmund ging es für den damals 21-Jährigen weiter nach oben. "Er versucht, fleißiger zu sein als der Ball", sagte sein damaliger Dortmunder Trainer Matthias Sammer über den Mittelfeldspieler.

Durch diesen Ehrgeiz sowie durch Aggressivität und gute Balleroberung avancierte der vor der Abwehr spielende "Sechser" nicht nur beim BVB zu einer festen Größe, sondern auch in der deutschen Nationalmannschaft, mit der er 2002 Vize-Weltmeister wurde.

Gute WM-Leistung

Nachdem er in den beiden folgenden Spielzeiten durch einige kleinere Verletzungen aus dem engeren Kader von Teamchef Rudi Völler herausgerutscht war, gelang es ihm nach einer starken Saison 2004/05, wieder seine alte Position im Auswahlteam einzunehmen.

Bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2006 überzeugte er mit einer guten Leistung im Halbfinale gegen Italien (0:2), als er den gesperrten Torsten Frings vertrat. Im abschließenden Spiel um den 3. Platz gegen Portugal (3:1) gehörte Kehl sogar mit zu den besten Spielern im deutschen Team. Entsprechend groß waren die Ambitionen, mit denen der damals 26-Jährige in die neue Saison gestartet war.

"Ich mache mir Sorgen"

Doch die nächsten beiden Jahre sollten für den 31-maligen Nationalspieler anders laufen als geplant. Beim Saisonauftakt gegen den FC Bayern München wurde der 1,88 Meter große Abräumer nach einem Foul von Hasan Salihamidzic verletzt. Was anfangs nach einer bloßen Risswunde aussah, sollte sich für den Dortmunder Mittelfeldspieler zu einer wahren Odyssee entwickeln.

Aus den prognostizierten vier Wochen Pause wurden durch mehrere Entzündungen und eine weitere Operation fünfeinhalb Monate. Im Oktober hatte der damalige Borussen-Trainer Bert van Marwijk gesagt, dass er sich Sorgen um Kehl mache: "Er hat nur elf Tage trainiert. Elf Tage in elf Wochen." Erst am 20. Spieltag kehrte der Dortmunder auf den Platz zurück. Doch auch das war noch zu früh. Das Knie hielt der hohen Belastung nicht stand und somit kam er zu nur vier weiteren Einsätzen.

"Ganz wichtiger Spieler"

Auch in der Saison 2007/08 sah es zu Anfang nicht besser aus. Es dauerte bis zum 14. Spieltag, ehe der Vize-Kapitän wieder fit genug für ein dauerhaftes Comeback war. Eine Woche später, am 1. Dezember 2007 beim VfB Stuttgart, absolvierte er zum ersten Mal in zwei Jahren wieder zwei aufeinanderfolgende Spiele über 90 Minuten. Insgesamt standen am Ende der Saison 14 Einsätze auf seinem Konto.

Dieses Jahr soll diese positive Entwicklung Kehls weiter gehen, um bald wieder unverzichtbar für den BVB zu sein. Dass Kehl ein "ganz wichtiger Spieler" des Kaders ist, wie Sportdirektor Michael Zorc bestätigt, wurde durch die Vertragsverlängerung bis 2012 und die Ernennung zum Mannschaftskapitän durch den neuen Trainer Jürgen Klopp deutlich.

Der Anführer

"Immer wenn man an Dortmund denkt, ist Sebastian der Spieler, der einem zuerst einfällt. Außerdem hat er fußballerisch alle Möglichkeiten, vorneweg zu marschieren", begründet der ehemalige Mainzer seine Entscheidung. Der Kapitän selbst freut sich über die neue Verantwortung. Es mache ihn stolz, die Binde zu tragen, sagte er dem "kicker".

In Dortmund will man über kurz oder lang wieder oben in der Bundesliga mitspielen. Dass Kehl die Mannschaft dort hinbringen kann, hat der Kapitän am 23. Juli zum ersten Mal bewiesen. Da führte er das Team zu einem 2:1-Sieg im Testspiel gegen den amtierenden Deutschen Meister Bayern München.

Gregor Nentwig