Mainz - Jürgen Kramny war sich nach dem 0:0 seines VfB Stuttgart beim 1. FSV Mainz 05 sicher: "Das zu Null tut der Mannschaft gut" Der Trainer des VfB Stuttgart meinte natürlich die 0, die in der Defensive stand.

Mit 36 Gegentoren in den Spielen zuvor sind die Schwaben ja nach wie vor einsame Spitze in der Gegentreffer Statistik, da ist es verständlich, dass Kramny die im Vergleich zu den vergangenen Spielen in Mainz viel größere Kompaktheit seiner Mannschaft lobte. Und dennoch: Ob dieses torlose Remis von Mainz nun ein Punktgewinn war oder ein Punktverlust für den VfB, ist schwer zu beantworten.

Am besten drückte vielleicht Sportvorstand Robin Dutt die Gefühlslage beim Tabellenvorletzten aus, er analysierte: „"In unserer Gesamtsituation ist der Punkt zu wenig, aber wichtig ist auch, dass wir stabil gestanden sind." Die Stuttgarter wollten vor allem das Positive sehen, das ist in ihrer Situation verständlich. Nach der Entlassung von Alexander Zorniger war es für Interimstrainer Jürgen Kramny das dritte Spiel unter seiner Regie.

Nach dem 1:4 von Dortmund und dem 1:1 gegen Bremen war es nun - bei positiver Betrachtung - schon das zweite Spiel ohne Niederlage für den VfB. Andererseits ist die Mannschaft nun schon fünf Spiele lang ohne Sieg, Dutt findet: "Die Mannschaft hat sich unter Jürgen Schritt für Schritt verbessert."

Routinierte Kompaktheit

Ob Kramny Interimstrainer bleibt oder nicht - das will der VfB laut Dutt nach dem letzten Vorrundenspiel nächste Woche gegen den VfL Wolfsburg entscheiden. Dazwischen liegt noch das Heimspiel im DFB-Pokal gegen Zweitligist Eintracht Braunschweig, das die Schwaben unbedingt gewinnen wollen.

In Mainz hatte Kramny sich gefreut, so viele bekannte Gesichter wieder gesehen zu haben, er hat früher lange Jahre als Spieler und Trainer dort gewirkt und gelebt, seine zwei Kinder sind in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt geboren. Bei seiner Rückkehr hatte der 44-Jährige die richtige Taktik gewählt. Mit Kompaktheit verteidigte seine Mannschaft von Anfang an, überließ den Mainzern den Ballbesitz und stellte geschickt die Passwege zum Mainzer Spielmacher Yunus Malli zu.

Die Nullfünfer, die mit einem Sieg zumindest vorübergehend auf einen Champions-League-Qualifikationsplatz hätten vorrücken können, kamen damit nicht zurecht und erspielten sich in der ersten Halbzeit nur zwei halbe Torchancen. Auch die oft kritisierte VfB-Innenverteidigung nahm den Mainzer Torjäger Yoshinori Muto aus dem Spiel. Kramny hatte auf der Position diesmal "auf Routine" gesetzt und Georg Niedermeier und Toni Sunjic aufgeboten, Talent Timo Baumgartl, der bislang in allen Begegnungen aufgeboten war, auf der Ersatzbank belassen.

Tyton zeigt sich als Titan

Die Stuttgarter versäumten es aber, aus der Verunsicherung der Mainzer in der ersten Halbzeit Kapital zu schlagen: Alexandru Maxim, der für den verletzten Daniel Didavi auf der Spielmacherposition spielte, zielte zu ungenau aus 16 Metern, der Mainzer Torwart Loris Karius hatte keine Probleme den Ball zu halten. Das Tor von Timo Werner per Direktabnahme nach einer Flanke von Filip Kostic erkannte Schiedsrichter Felix Zwayer zu Recht wegen Abseitsstellung nicht an. Pech hatten die Stuttgarter aber fünf Minuten später als der Ball nach einem Schuss des starken Lukas Rupp vom Innenpfosten wieder ins Spielfeld zurückprallte.

Allerdings konnte der VfB den Schwung der ersten Halbzeit nicht mit in die zweite nehmen. Am Ende mussten sie sich sogar bei ihrem Torwart Przemyslaw Tyton bedanken, der zwei Mal mit spektakulären Paraden nach Schüssen von Muto und Pablo De Blasis eine Niederlage verhinderte. Der 28 Jahre alte Pole wurde am Anfang seiner Stuttgarter Zeit kritisiert und wird nun aber immer stärker. Sportvorstand Dutt lobt: "Er strahlt mit seiner Persönlichkeit eine unheimliche Ruhe aus, lernt sehr fleißig Deutsch und kann immer besser mit den Vorderleuten kommunizieren. Er ist sehr stabil."

Die Abkehr vom notorischen Vorwärtsverteidigungsfußball unter Zorniger scheint der Mannschaft in der Defensive gut zu tun. Aber die Mainzer waren an diesem Abend in dieser Form sicher kein Europapokalkandidat. Wie stabil der VfB in der Defensive tatsächlich ist, wird sich gegen den Champions-League-Anwärter Wolfsburg zeigen. Der Druck ist ja nicht kleiner geworden, denn Punkte braucht der VfB auch gegen Wolfsburg dringend - am besten gleich drei.

Aus Mainz berichtet Tobias Schächter