Hamburg - Nach 18 Jahren FC St. Pauli sagt Holger Stanislawski Tschüss. Beinahe sein halbes Leben hat der 41-Jährige für den Kultclub die Knochen hingehalten. Kaum ein Job, den "Stani" nicht gemacht hat.

In 260 Spielen, davon 79 in der Bundesliga, hat das Urgestein den eisenharten Verteidiger gegeben, bevor er 2004 wegen einer langwierigen Verletzung seine Karriere beenden musste. Vom Praktikanten stieg Stanislawski zum Sportdirektor und gar Vize-Präsidenten des Vereins auf.

Als Trainer führte der Hamburger Jung die Mannschaft aus der Regional- in die Bundesliga. Nun verlässt Stanislawski seine Heimatstadt und wechselt von der größten in die kleinste Stadt im Oberhaus - nach Hoffenheim.

In einem Gespräch mit bundesliga.de zieht Stanislawski zwar noch kein Saisonfazit, weil eventuell noch sechs Spiele zu spielen sind, bevor man auf dem Kiez weiß, in welcher Liga es weitergeht, aber er verrät, was ihn in dem Jahr Bundesliga im 100. Jubiläumsjahr des Clubs begeistert hat, warum es ihn ausgerechnet aus dem "Tor zur Welt" in die "Pforte zum Kraichgau" zieht und warum es ein Wiedersehen in der kommenden Saison geben wird.

bundesliga.de: Herr Stanislawski, für ein Saisonfazit ist es noch ein wenig früh, aber was ist bisher bei Ihnen hängengeblieben, im positiven wie im negativen Sinne?

Holger Stanislawski: Positiv gefällt mir, wie die Jungs über weite Strecken der Saison richtig gut Fußball spielen. Das Negativ-Erlebnis war natürlich der Spielabbruch. Der wird ewig an uns hängenbleiben.

bundesliga.de: Bedauern Sie im Nachhinein, im Winter nicht noch den einen oder anderen Spieler als Verstärkung geholt zu haben?

Stanislawski: Nein. Wir waren von unserem Kader vollkommen überzeugt. Die Jungs haben den Schwung des Aufstiegs in die Saison rübergerettet und waren voll auf Augenhöhe mit den etablierten Teams. Und im Winter hatten wir nicht die Verletzungsprobleme. Da war die Situation wesentlich entspannter, deshalb haben wir ja sogar Davidson Drobo-Ampem noch ausgeliehen, damit er Spielpraxis bekommt. Mit der prekären Situation, dass ich zeitweise sieben Spieler ersetzen musste, konnte im Winter keiner rechnen.

bundesliga.de: Die Mannschaft hat schon neun Punkte in den letzten beiden Spielminuten verloren. Woran liegt das?

Stanislawski: Es ist richtig, dass wir in den letzten Minuten viel zu viele Punkte haben liegen lassen. Wir wissen, dass wir von der Körpergröße, also im Kopfballspiel, vielen Mannschaften unterlegen sind. Aber das hat nicht immer was mit der Körpergröße zu tun. Es hat auch viel mit dem Willen zu tun, den Ball zu verteidigen. Da sind wir manchmal zu sorglos und zu naiv in solchen Situationen. Nehmen wir das 1:2 gegen Stuttgart. Da waren wir in einer Sechs-zu-Drei-Situation. Mehr Beton kann man eigentlich nicht anrühren, aber die sechs Verteidiger standen einfach schlecht. Wegen solcher Fehler rennen wir im Moment der Musik hinterher und sind nicht schon durch. Das ist bitter, wenn man bedenkt, wie häufig wir die bessere Mannschaft waren, uns für unsere Leistung aber nicht belohnt haben.

bundesliga.de: Hängt sich das in den Köpfen fest? Hat man eventuell schon Angst vor einem Gegentreffer in der Schlussphase?

Stanislawski: Das hat was mit Mentalität und Charakter zu tun. Nehmen wir den Eckball in Wolfsburg, der kurz vor Schluss zum 2:2 führte. Da muss man sich auf so einen Ball freuen und nicht in die Hose machen. Aber das kriegst Du leider nicht in alle Spieler rein.

bundesliga.de: Nach dem 23. Spieltag mit dem 1:0 im Derby beim Hamburger SV stand St. Pauli mit 23 Punkten auf Platz 11. Die Statistik sagt, dass noch nie eine Mannschaft abgestiegen ist, die zu diesem Zeitpunkt so gut dastand. Ging da ein wenig die Spannung verloren?

Stanislawski: Nein. Wir wussten ja, dass es auch mal ganz anders laufen kann. Nehmen wir Frankfurt. Die haben eine tolle Hinserie gespielt und dann neun Spiele in Folge nicht gewonnen. In der Bundesliga ist es ein ganz schmaler Grat zwischen Spiele gewinnen und Spiele verlieren. Das hat was mit Qualität zu tun. Da muss man in entscheidenden Situationen die richtige Lösung haben, und die haben wir in manchen Situationen nicht gehabt. Und dann kam ja, wie bereits erwähnt, noch das Verletzungspech hinzu - besonders in der Abwehr, die beinahe Woche für Woche neu aufgestellt werden musste. Da fehlt dann das Verständnis untereinander.

bundesliga.de: Nach sieben Niederlagen in Folge und dem Sturz von Rang 11 auf 17 wären Sie bei vielen Clubs sicher Kandidat für eine Entlassung gewesen. Gab es, nachdem ihr Abschied feststand, auch Überlegungen, sofort aufzuhören und die Saison nicht zu Ende zu machen?

Stanislawski: Da müssen Sie die Vereinsverantwortlichen fragen. Wenn der Verein davon überzeugt gewesen wäre, dass es mit einem neuen Mann besser gelaufen wäre, hätte ich jede Entscheidung zum Wohle des Vereins mitgetragen.

bundesliga.de: Und haben Sie mal von sich aus daran gedacht, schon früher einen Schlussstrich zu ziehen?

Stanislawski: Nein. Ich spüre, dass die Spieler mitziehen. Sonst hätten wir nach Verkündung der Trennung nicht so starke Spiele abgeliefert wie in Leverkusen und Wolfsburg.

bundesliga.de: Nun geht die Ära Stanislawski beim FC St. Pauli zu Ende. Wie kam es zu der Entscheidung für Hoffenheim?

Stanislawski: Von den Arbeitsbedingungen ist es das Beste was es gibt in Deutschland. Die Mannschaft hat unglaublich Potenzial, und man hat die Zeit, dieses Potenzial weiterzuentwickeln. Da hat man gute Möglichkeiten, etwas aufzubauen. Darum ging's mir. Daher auch der Vertrag gleich für drei Jahre. Hoffenheim ist auf jeden Fall was ganz anderes als St. Pauli.

bundesliga.de: Ralf Rangnick hat gekündigt, weil ein Spieler gegen seinen Willen in der Winterpause verkauft wurde. Befürchten Sie nicht zu viel Einmischung in ihre Arbeit?

Stanislawski: Nein. Ich bin operativ für die Mannschaft verantwortlich. Und alles darum herum entscheidet man gemeinschaftlich, so wie es hier auch gehandhabt wurde. Ich glaube nicht, dass es Schwierigkeiten in der Richtung geben wird.

bundesliga.de: Warum muss Holger Stanislawski in der kommenden Saison mit Hoffenheim am Millerntor antreten?

Stanislawski: Weil wir es auf Grund der Leistung, die wir trotz der Situation mit den vielen Verletzten gezeigt haben, verdient haben, Bundesliga zu spielen.

Das Gespräch führte Jürgen Blöhs