München - "Schweinsteiger, Schweinsteiger! Der FC Bayern steht im Finale der Champions League! Hasta la vista, Bayern finalista!" Es sind die ersten Sekunden nach dem Abpfiff in der "magischen Nacht" von Madrid.

Ob Sat.1-Kommentator Wolff-Christoph Fuss im Finale (Sa., ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) Ähnliches ins Mikrofon rufen wird? Fuss selbst warnt vor dem FC Chelsea, fiebert dem 19. Mai aber genauso entgegen wie die Spieler, der Verein und die gesamte Stadt: "Ich gehe mit großer Freude und mit großem Enthusiasmus ins Endspiel und hoffe, dass ich den Bayern - bei aller journalistischen Distanz - mehr Glück bringe als 2010 (Finalniederlage gegen Inter, Anm. d. Red.). Wobei ich sagen muss: Damals konnte ich nichts dafür."

bundesliga.de: Herr Fuss, das "Finale dahoam" rückt immer näher. Wie bewerten Sie den Erfolg des FC Bayern München in der diesjährigen Champions-League-Saison?

Wolff-Christoph Fuss: Für den FC Bayern ist es einer der größten Erfolge der Vereinsgeschichte. Sie haben etwas Historisches erreicht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Champions League ergibt sich die Konstellation, dass ein Finale im eigenen Wohnzimmer stattfinden kann. Ich glaube, für Uli Hoeneß erfüllt sich praktisch sein Lebenswerk.

bundesliga.de: In der Bundesliga hingegen spielten die Münchner nur die zweite Geige. Woran lag in diesem Jahr die Diskrepanz zwischen den Auftritten in der Bundesliga und in der "Königsklasse"?

Fuss: Für mich ganz schwer zu beurteilen. Normalerweise wirst du mit 70 Punkten plus X Deutscher Meister. Bayerns größtes Problem war die unglaubliche Konstanz von Borussia Dortmund in der Bundesliga. Die Champions League lebt ein Stück weit mehr von der individuellen Klasse und der Erfahrung. Und die hat der FC Bayern. Trotzdem werden sich die Münchner in der Bundesliga in den nächsten Jahren ein Tick umstellen müssen. Da geht es vor allem um mannschaftstaktische Dinge im Vergleich zu Dortmund. Dennoch: Wer in drei Jahren zwei Mal das Champions-League-Finale erreicht, der kann so viel nicht falsch gemacht haben.

bundesliga.de: Kommen wir zum Gegner im Endspiel. Wie stark ist der FC Chelsea wirklich?

Fuss: Eigentlich hatte ich das Gefühl, der Verein ist mit seinem aktuellen Personal über dem Zenit. Nach dem verlorenen Finale 2008 (gegen Manchester United, Anm. d. Red.) habe ich über kurz oder lang einen Umbruch erwartet - dass sich der Verein neu erfinden muss. Das Faszinierende an der Geschichte ist, dass der Einzug ins Finale in diesem Jahr praktisch nicht mehr eingeplant war. Trainer entlassen, in der Premier League sind die "Blues" nicht unter die ersten Vier gekommen, was es in der Ära Roman Abramowitsch nie gab. Nochmal: Vom Gefühl her stehen sie per Zufall im Finale. Das zeigt aber, dass die diese Truppe aus vermeintlichen Desperados das Finale als letzte Chance begreift. Sind wir mal ehrlich: Wenn eine Mannschaft in diesem Wettbewerb in den letzten Jahren Pech gehabt hat, dann ist es der FC Chelsea.

bundesliga.de: Besteht die Möglichkeit, die Londoner zu unterschätzen?

Fuss: Das ist eine mediale Spielerei. Jetzt hat der FC Bayern Real Madrid geschlagen, von vielen nicht zu Unrecht bis zum Halbfinale als beste Mannschaft der Welt angesehen. Chelsea wirft Barca raus, seit Jahren State of the Art im Fussball. Insofern glaube ich nicht, dass die Spieler der Bayern den FC Chelsea unterschätzen. Die Namen der "Blues" ziehen nach wie vor. Frank Lampard, Didier Drogba, Petr Chech - die Jungs schwimmen auf ihren Positionen im europäischen Topbecken.

bundesliga.de: Wie bei den Münchnern fallen beim FC Chelsea einige Stammspieler aufgrund von Sperren aus. Wie schwer wiegen diese Ausfälle?

Fuss: John Terrys Fehlen wiegt sicher schwer. Dennoch ist die Situation ähnlich wie beim FC Bayern. Die Londoner haben vielleicht noch einen breiteren Kader. David Luiz, Gary Cahill sind zwar im Moment verletzt, aber da wird aus "Blues"-Sicht die ein oder andere Nebelkerze gezündet, beide werden spielen. Der FC Chelsea wird die Ausfälle kompensieren können.

bundesliga.de: Wie sieht es beim FC Bayern aus?

Fuss: Aufgrund der momentanen Form wiegt der Ausfall von David Alaba am schwersten. Alaba hat die Viererkette der Bayern komplett und stabil gemacht. Holger Badstuber ist insofern unangenehm, da es keinen 1:1-Ersatz für ihn gibt, der fit ist. Die Situation erfordert ein gewisses Improvisationstalent. Luiz Gustavos Ausfall ist meiner Meinung nach noch am ehesten zu verkraften, da der FC Bayern auf dieser Position Spieler hat, die nicht weit weg sind von Gustavo. Grundsätzlich muss ich aber sagen, dass ich es Wahnsinn finde, dass Spieler mit drei Gelben Karten nach zwölf Spielen für ein Finale gesperrt werden. Bei Terry liegt der Fall etwas anders, der hat sich durch eine Dummheit selbst ins Aus geschossen.

bundesliga.de: Ungeachtet der Ausfälle: Welcher Spieler des FC Bayern hat Sie in der laufenden Champions-League-Saison am meisten beeindruckt?

Fuss: Ganz klar David Alaba. Nach meinem Geschmack weiß der Junge noch gar nicht, wie gut er ist. Wenn wir an das Halbfinale zurückdenken. Gelb, Elfmeter. Und seine erste Aktion danach ist, dass er auf der linken Seite einmal von Haustür zu Haustür flitzt und Arjen Robben eine Chance auflegt. Dann den ersten Strafstoß im Elfmeterschießen verwandelt. Das war für mich beeindruckend. Der Junge ist erst 19.

bundesliga.de: Beeindruckend ist auch, wie elektrisiert der gesamte Verein und die Stadt im Hinblick auf das Endspiel im eigenen Stadion sind. Zu viel Euphorie?

Fuss: Kann man angesichts eines Endspiels zu euphorisiert sein? Ich glaube nicht. Die Bayern sind nicht der Überfavorit, wie es der Großteil der Menschen glaubt. Dennoch haben sie die einmalige und realistische Chance, das Finale im eigenen Stadion nicht nur zu bestreiten, sondern es zu gewinnen. Wenn ich sehe, wie sehr die Bayern dieses "Finale dahoam" angespornt hat, gegen Real zur absoluten Höchstleistung getrieben hat, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass sie zu euphorisch sind.

bundesliga.de: Herr Fuss, zum Abschluss eine persönliche Frage. Bereits zum zweiten Mal kommentieren Sie ein Champions-League-Endspiel mit deutscher Beteiligung. Mit welchem persönlichen Gefühl gehen Sie in das Spiel?

Fuss: Natürlich bin ich auch ein Stück weit euphorisiert. Für einen deutschen Kommentator gibt es nichts Größeres, als eine deutsche Mannschaft in einem Finale zu übertragen. Dann auch noch im größten Vereinswettbewerb, den es in Europa gibt. Ich gehe mit großer Freude und mit großem Enthusiasmus ins Endspiel und hoffe, dass ich den Bayern - bei aller journalistischen Distanz - mehr Glück bringe als 2010 (Finalniederlage gegen Inter, Anm. d. Red.). Wobei ich sagen muss: Damals konnte ich nichts dafür. (lacht)

Das Gespräch führte Sebastian Schramm