Bremen - Kein anderer Werderaner war zuletzt so begehrt wie Zlatko Junuzovic. Umso größer war die Freude in der vergangenen Woche, als der Österreicher seinen Vertrag in Bremen bis 2018 verlängerte. Im großen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Junuzovic über seine Beweggründe, über die enorme Qualität der Bundesliga und über die bevorstehende Partie bei Schalke 04.

bundesliga.de: Herr Junuzovic, so schnell kann es gehen: Gerade war noch Abstiegskampf, plötzlich aber scheint sogar die Europa League möglich. War Werder im Herbst viel besser als der Tabellenstand, oder wird man nun überschätzt?

Zlatko Junuzovic: Lassen sie mich zunächst einmal feststellen, dass wir nach wie vor im Abstiegskampf stecken! Solange wir nicht rechnerisch sicher sind und immer noch die Möglichkeit besteht, dass wir eingeholt werden, sind wir nach wie vor mittendrin. Vor uns liegen in den kommenden Wochen schwere Spiele, da kann man sehr schnell wieder tief unten reinrutschen. In dieser Liga kann jeder jeden jederzeit schlagen, und einen Lauf, wie wir ihn aktuell haben, ist auch anderen Teams zuzutrauen. Nichtsdestotrotz stimme ich zu, dass wir angesichts der Qualität des Kaders einen besseren Herbst hätten spielen müssen.

"Wahnsinnig viel hängt vom Kopf ab"

bundesliga.de: Wie ist es möglich, dass ein und dasselbe Team innerhalb weniger Wochen vom Punktelieferanten zum Schrecken auch für Topteams wie Leverkusen oder Dortmund (Bremens Ergebnisse) wird?

Junuzovic: Unter Robin Dutt war sicherlich nicht alles schlecht. Aber wir hatten nie das Erfolgserlebnis, das man braucht, wenn man sich aus einer Krise herauskämpfen muss. Das Mehr an Druck war immer zu spüren, während nun unter Viktor Skripnik trotz der anfangs sehr angespannten sportlichen Situation der Spaß immer im Mittelpunkt steht, und die Chemie zwischen Trainerteam und Mannschaft hervorragend ist.

bundesliga.de: Demnach spielt die oft besungene Psyche tatsächlich eine so große Rolle?

Junuzovic: Ich glaube, dass wahnsinnig viel vom Kopf abhängt. Wir sind jetzt mental richtig stark und können mit jeder Situation umgehen, weil wir die notwendige Lockerheit haben. Deshalb würde ich mir auch keine Sorgen machen, wenn wir wieder einmal zwei, drei Spiele in Folge verlieren sollten. Ich bin überzeugt, dass die Mannschaft sehr schnell zurück in die Spur finden würde. Unsere Körpersprache im Herbst und heute - das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.

bundesliga.de: Welche Rolle spielt es, dass Skripnik den Werder-Geist über Jahrzehnte verinnerlicht hat?

Junuzovic: Dass der Trainer den größten Teil seiner Karriere bei Werder verbracht hat, und dass auch die Co-Trainer Torsten Frings und Christian Vander eine große Werder-Vergangenheit haben, spielt eine sehr große Rolle. Wenn man etwa an die Bilder der Verabschiedung von Torsten im vergangenen Sommer zurückdenkt, versteht man umgehend, welche Bedeutung diese Personen für die Fans haben. Niemand kann uns so gut wie sie vermitteln, was Werder tatsächlich ausmacht ist. Wir haben jetzt gerade einmal ein paar Spiele in Folge gewonnen, spüren aber  bereits, welchen großen Wert und welche Tradition Werder tatsächlich haben. Umso mehr wünsche ich mir, dass wir fortsetzen können, was wir nun begonnen haben.

bundesliga.de: Obwohl es viele vermeintlich attraktivere Angebote gegeben haben soll, haben Sie Ihren Vertrag bis 2018 verlängert. Wie geht man vor? Macht man sich ganz klassisch eine Plus/Minus-Liste, weil eine solche Karriere-Entscheidung wohl überlegt sein?

Junuzovic: Es hat etwas länger gedauert, bis ich mich entscheiden konnte. Letztlich hat mich dieses Thema beinahe ein Dreivierteljahr beschäftigt, gab es doch in der Tat mehr als ein Dutzend sehr reizvoller Angebote. Angebote, bei denen man was weiß ich alles, also auch international hätte spielen können. Also geht man tatsächlich, wie Sie sagen, gemeinsam mit der Freundin, die im Sommer meine Frau werden soll, eine Für-und-Wider-Liste durch. Auch die Familie bezieht man mit ein, obwohl man letztendlich die Entscheidung doch allein treffen muss. Den Ausschlag gegeben hat, dass ich mir etwas aufgebaut habe und mich hier sehr wohl fühle, und dass die Unterstützung aus der Mannschaften und von den Fans riesig war. Zudem bin ich gar kein Typ für Veränderungen.

"Das ruhige Leben liegt mir näher"

bundesliga.de: "Kein Typ für Veränderungen" - sind Sie abseits des Platzes eher zurückhaltend?

Junuzovic: Mit mir kann man sicher viel Spaß haben, aber ich bin keiner, der ständig im Mittelpunkt stehen muss. Ich bleibe durchaus gerne man zuhause und muss gewiss nicht jeden Abend vor die Tür. Das ruhige Leben liegt mir nun mal näher, und wahrscheinlich kann man sagen, dass ich zwei Gesichter habe - eins auf dem Feld und eins privat.

bundesliga.de: Neben Ihrer Vertragsverlängerung gab es zuletzt einige weitere, die man so nicht erwartet hätte, von Xhaka, Reus und Trapp. Glauben Sie an einen Trend und daran, dass Topspieler mehr auf Ihr Wohlbefinden achten als auf einige Euros mehr?

Junuzovic: Verträge sind zwar ausschließlich Sache zwischen dem jeweiligen Spieler und seinem Verein. Trotzdem bin ich sicher, dass keiner, der jetzt verlängert hat, verhungern wird - mich eingeschlossen. Ich halte es aber durchaus für möglich, dass immer mehr Spieler begreifen, welche Qualität und welchen Luxus es bedeutet, wenn man sich bei einem Verein etwas aufgebaut hat und enorm geschätzt wird. Und die Verlängerung eines Topstars wie Marco Reus kann große Signalwirkung haben und ist ein wichtiges Zeichen nicht nur für Borussia Dortmund. Ich sehe diese Entwicklung jedenfalls sehr positiv. Zudem wird gewiss keiner in seiner Leistung nachlassen, sondern alles daran setzen, dass es weiterhin so gut weiterläuft. Man möchte für die Unterstützung, die man erfährt, etwas zurückzahlen. Und es ist gut, wenn die Fans das jetzt spüren.

bundesliga.de: In der österreichischen tipico-Bundesliga waren Sie einer der Top-Stars. Diesen Status haben Sie sich in nur anderthalb Jahren hier auch erarbeitet. Ist der Sprung gar nicht so groß?

Junuzovic: Dieser Sprung ist brutal groß! Mein erstes halbes Jahr in der Bundesliga war sehr schwierig, und ich habe mich nie richtig entspannen können. Ich wollte den Schritt zwar unbedingt machen, um mir zu beweisen, dass ich es schaffen kann, obwohl mir in Österreich kaum einer zugetraut hat, dass ich mich in Bremen durchsetzen kann. Aber wie gesagt, am Anfang war alles wahnsinnig schwer. Das Tempo in der Liga, das große Medienaufkommen - all das musste ich erst verarbeiten. Und ich habe anderthalb Jahre gebraucht, um nun mit Recht sagen zu können "Jetzt spiele ich den Fußball, den ich mir vorgestellt habe und den ich von mir erwarte".

"In Österreich bewegt sich eine Menge"

bundesliga.de: Werder und Österreich, das passt perfekt, wie die Vergangenheit mit Pezzey, Herzog, Pfeifenberger, Harnik, Prödl und Arnautovic zeigt...

Junuzovic: Nachdem Werder Kontakt zu mir aufgenommen hatte, habe ich bei Marco (Arnautovic; d. Red.) und Basti (Sebastian Prödl; d. Red.), die damals schon für Werder gespielt haben, erkundigt und beide haben mir zugeraten.

bundesliga.de: Arnautovic, Prödl oder Sie sind ein Beispiel dafür, dass nicht nur der DFB in Sachen Nachwuchsförderung hervorragende Arbeit leistet...

Junuzovic: Das stimmt, auch in Österreich bewegt sich diesbezüglich eine ganze Menge. Die Nachwuchsnationalmannschaften erzielen in der Regel sehr gute Ergebnisse und sind meist vorne dabei. Aber die Kluft zwischen dem Nachwuchsbereich und der Profiliga, die müsste geschlossen und die Profiliga auch international konkurrenzfähiger werden. Letztlich wird Österreich bis zu einem gewissen Grad wohl immer ein Fußball-Ausbildungsland bleiben. Aber das ist keine Schande. Denn die Lebensqualität per se, die ist in Österreich herausragend. (lacht) Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, nach meiner aktiven Karriere woanders zu leben.

bundesliga.de: Am Wochenende müssen Sie erst einmal auf Schalke antreten (Duell-Vorschau). Da dürfte es Ihnen gelegen kommen, dass die Schalker unter der Woche noch gegen Real Madrid ran mussten?

Junuzovic: Das kommt uns sehr gelegen. Kaum einer erwartet etwas von uns, und wir freuen uns sehr auf diese Partie. Es ist doch geil, wenn man vor 60.000 Leuten spielen darf. Zudem steht Schalke unter einem gewissen Druck. Das Team hat in Frankfurt verloren und in den Spielen zuvor extrem defensiv agiert. Es gibt keinen Grund, nicht mit großer Vorfreude auf dieses Spiel zu schauen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter