Leipzig - Die Experten hatten RB Leipzig in dieser Saison einiges zugetraut. Dass das Team aber so stark auftrumpft wie bisher, dürfte den einen oder anderen Kritiker aber doch überrascht haben. Einer der Aktivposten der Leipziger ist Yussuf Poulsen. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der sympathische Däne über die Gründe für den tollen Saisonstart, über seine, für einen gerade einmal 22-jährigen ungewöhnliche Reife und über seinen ehemaligen Team- und WG-Kollegen Joshua Kimmich.

bundesliga.de: Herr Poulsen, RB scheint sich noch schneller in der Bundesliga akklimatisiert zu haben als von den Experten erwartet. Sind Sie selbst auch überrascht, wie gut es bereits läuft?

Yussuf Poulsen: Ein bisschen überrascht sind wir schon und einen so guten Start haben wir selbst nicht unbedingt erwartet.  Neun Punkte aus fünf Spielen, das ist ein sehr guter Anfang. Jetzt aber geht es darum dran zu bleiben und so weiterzumachen wie in den ersten Spielen.

bundesliga.de: Können Sie sich erklären, warum RB in der 2. Liga einen deutlichen Abstand auf den SC Freiburg hatte, eine Liga höher nun aber deutlich souveräner auftritt als der SC?

Poulsen: Das ist eine gute Frage. Vielleicht hängt das auch mit unserem Spielstil zusammen. Unser Fokus liegt in aller Regel auf dem Spiel gegen den Ball. In der Zweiten Bundesliga waren wir aber meinst die dominierende Mannschaft, die das Spiel ein Stück weit selbst kreieren und machen musste. Häufig waren wir dann diejenigen, die 70 Prozent Ballbesitz hatten. Nun, in der Bundesliga, haben wir in den Partien gegen Teams wie Borussia Dortmund oder Borussia Mönchengladbach wieder weit weniger Ballbesitz als der Gegner.

bundesliga.de: Ralph Hasenhüttl betont, dass Ralf Rangnick ihn auch deshalb als Trainer ausgewählt habe, weil beide einen ähnlichen Fußball spielen lassen. Taugt das ebenfalls als Erklärung, warum RB keine Anlaufzeit braucht?

Poulsen: Klar, das spielt bestimmt auch eine Rolle. Mit Ralph Hasenhüttl haben wir einen Trainer bekommen, der Erstliga-Erfahrung hat und weiß, worum es in der Bundesliga geht. Und er hat bereits in der vergangenen mit Ingolstadt einen tollen Job gemacht. Wenn der Trainer dann noch dieselbe Philosophie hat, nach der wir Spieler in den vergangenen Jahren bereits agiert haben und uns vertraut ist, hilft das enorm und macht es der Mannschaft leichter Leistung zu bringen.

bundesliga.de: Wie unterscheiden sich die beiden in ihrer Arbeit, und wer ist der Strengere?

Poulsen: Vielleicht war Ralf Rangnick ein wenig strenger als Ralph Hasenhüttl. Aber in der täglichen Arbeit sind sie sich tatsächlich sehr ähnlich. Sie gehen die Dinge im Training ähnlich an, so dass die Umstellung für uns von Anfang an sehr gering war.

bundesliga.de: Apropos RB-Trainer: Ihr ehemaliger RB-Trainer Alexander Zorniger ist seit Saisonbeginn Coach des dänischen Spitzenvereins Bröndby Kopenhagen. Haben Sie noch Kontakt, und wie macht sich Zorniger dort?

Poulsen: Ich habe tatsächlich noch Kontakt zu ihm. Nicht zuletzt, weil er viele meiner Kumpels trainiert, die bei Bröndby spielen. Aktuell ist man Tabellenzweiter, und ich finde, dass Alexander Zorniger einen richtig guten Job macht.

bundesliga.de: Sie selbst haben aus freien Stücken auf die Olympia-Teilnahme in Rio verzichtet, weil Sie immer Sommer 2015/16 mit der Teilnahme an der U21-EM weniger gute Erfahrungen für die folgende Saison gemacht hatten. Für einen jungen Spieler ist das eine ungewöhnlich erwachsene Sicht auf die Dinge...

Poulsen: Die Absage ist mir durchaus schwergefallen. Und ich habe mich sehr lange mit dem Thema beschäftigt, bis ich eine klare Entscheidung treffen konnte. Genau genommen seit der U21-EM im vergangenen Jahr, bei der wir uns für die Olympischen Spiele qualifiziert hatten. Aber die Erfahrung, die ich in der Saison 2015/16 gemacht habe, als ich in der Vorrunde die fehlende Erholung sehr gespürt habe, hat letztlich den Ausschlag gegeben.  Und wenn man nun sieht, dass ich von den bisherigen fünf Spielen vier von Anfang an bestritten habe, glaube ich, dass es die richtige Entscheidung war.

bundesliga.de: Ist Ihnen dennoch ein wenig schwer ums Herz geworden, als Ihr Freund Davie Selke nach seiner Rückkehr aus Rio von der Atmosphäre bei den Olympischen Spielen geschwärmt hat?

Poulsen: Nein. Denn die Entscheidung war ja längst getroffen. Ich freue mich für Davie, dass er diese Erfahrungen machen durfte. Da ich aber ohnehin nichts mehr hätte ändern können, hat das meine Gefühle nicht beeinflusst. Wenn etwas in der Vergangenheit liegt und nicht mehr zu ändern ist, mache ich mir darüber in aller Regel keinen Kopf mehr.

bundesliga.de: Sie haben mal gesagt, dass Profi-Sportler früher erwachsen werden als andere Gleichaltrige. Sie scheinen dafür ein gutes Beispiel...

Poulsen: Sieht so aus. (lacht). Nein, mal ernsthaft. Wenn man bereits mit 19 die Familie und die Freunde verlässt und alleine ins Ausland wechselt wie ich, dann muss man wohl einfach früher erwachsen werden.

bundesliga.de: Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Die Entscheidung, Dänemark nicht zu verlassen, bevor Sie nicht Ihr Abitur in der Tasche hatten, ist auch nicht unbedingt üblich im Profi-Sport...

Poulsen: Das war zwar nicht allein meine eigene Entscheidung, sondern meine Mutter hatte auch ihren Anteil daran. Nichtsdestotrotz stimmt es, dass es mir sehr wichtig war erst die Schule abzuschließen, bevor ich mich ganz auf den Fußball konzentriere, um Profi zu werden. Und ich glaube, das hat ganz gut geklappt. Denn obwohl ich damals einiges in der Schule wegen des Fußballs verpasst habe, habe ich das Abitur mit einem guten Notendurchschnitt geschafft. Ich bin sehr zufrieden, dass mir das gelungen ist und ich so die Chance habe, später vielleicht einmal zu studieren.

bundesliga.de: Wo läge dann Ihr Interesse?

Poulsen: Ich glaube ich würde Wirtschaft studieren oder Jura. Bevor ich nach Deutschland gewechselt bin, habe ich an der Uni bereits einen Probetag absolviert, an dem man sich einen ersten Eindruck verschaffen kann, was einem vielleicht Spaß machen würde und was eher nicht. Damals habe ich mir Wirtschaft und Jura angeschaut und festgestellt, dass mir das sehr gut gefällt. Zudem hat Wirtschaft auch in meinem Abitur bereits eine Rolle gespielt, so dass ich ziemlich sicher bin, dass mein Weg später in diese Richtung führen könnte.

bundesliga.de: Einer der ersten, mit dem Sie sich damals in Leipzig anfreundeten, war Joshua Kimmich, mit dem Sie eine WG bildeten. Wie sehen Sie seine Entwicklung bei Bayern München?

Poulsen: Wir haben nach wie vor Kontakt, und am kommenden Wochenende werde ich ihn in München besuchen. Joshua hat einen unglaublichen Entwicklungsschritt gemacht, seitdem ich ihn kennengelernt habe. Als er damals zu RB nach Leipzig kam, war er noch Jugendspieler. Seitdem hat er wahnsinnig viel gelernt und seine Leistung auf ein Niveau geschraubt, das viele wohl nie erreichen werden. Was er leistet, ist wirklich beeindruckend, ob nun beim FC Bayern München oder in der deutschen Nationalmannschaft.

Video: Euphorie in Leipzig

bundesliga.de: Vor der Wochenendreise steht aber noch das Spiel gegen den FC Augsburg an. Ist ein Sieg eingeplant?

Poulsen: Als Aufsteiger und auch generell im Profifußball sollte man nie einen Sieg einplanen, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat. Wir wollen die Leistung bringen, die wir in den ersten fünf Spielen gebracht haben. Wenn uns das gelingt, haben wir auch eine große Chance zu punkten. Ich sehe jedenfalls keinen Grund dafür, warum wir die Leistung aus den ersten fünf Spielen nicht auch am Freitag auf den Platz bringen sollten.

>>> Zum Matchcenter der Partie #RBLFCA

bundesliga.de: Augsburg war unter Trainer Markus Weinzierl eine unangenehm zu spielende Mannschaft, und daran hat sich auch unter Dirk Schuster nicht viel geändert. Was für ein Spiel erwarten Sie?

Poulsen: Augsburg ist eine sehr kampfstarke Mannschaft mit Spielern, die sehr viel laufen und hart in die Zweikämpfe gehen. Ich erwarte einen großen Kampf und könnte mir vorstellen, dass die Augsburger als Auswärtsmannschaft mit einem Punkt zufrieden wären. Wahrscheinlich werden sie also etwas defensiver eingestellt agieren, und das macht es für uns nicht unbedingt leichter. Aber ich bin sicher, dass uns der Trainer bis Freitag sehr gut auf den Gegner einstellen wird.

Das Gespräch führte Andreas Kötter