Leipzig - Der Däne Yussuf Poulsen gehört zu den stärksten Spielern in der jungen, ohnehin ausgeglichen stark besetzten Elf von RB Leipzig. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der sympathische Däne über die enorme Entwicklung seines Teams in den vergangenen Monaten, über die neue Herausforderung durch die Champions League und über Bundesliga-Stars wie seinen Team-Kollegen Timo Werner und seinen Freund beim FC Bayern München, Joshua Kimmich.

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bundesliga.de: Herr Poulsen, seit einiger Zeit sind Sie wieder im Training. Wie haben Ihre Kollegen und Sie die Feierlichkeiten nach dem Einzug in die Champions League und die folgenden Ferien verkraftet?

Yussuf Poulsen: Ich denke, dass ich bereits wieder recht fit bin. Ich habe die ersten obligatorischen Tests absolviert und die ersten Trainings-Einheiten gut verkraftet. Und ich denke, dass meine Kollegen und ich wieder auf einem guten Weg sind.

"Über ein fest definiertes Saisonziel wurde bisher nicht gesprochen, und ich denke nicht, dass das in dieser Form überhaupt notwendig sein wird." Yussuf Poulsen

bundesliga.de: Es war weniger überraschend, dass RB eine gute Saison gespielt hat, sondern vielmehr wie gut diese Saison mit der Vize-Meisterschaft tatsächlich war. Was hat für Sie die Stärke des Teams ausgemacht?

Poulsen: Unsere größte Starke in der vergangenen Saison war unsere Mentalität, der unbedingte Siegeswille, der uns ganz besonders ausgezeichnet hat. Diesen Teamspirit, der gespeist wurde aus den Erfolgserlebnissen in der Aufstiegssaison, haben wir fast über die gesamte Bundesliga-Saison zeigen und aufrechterhalten können. Gerade auch die engen Spiele konnten wir auf diese Weise sehr oft für uns entscheiden.

bundesliga.de: RB hat bewusst auf eine junge, entwicklungsfähige, wenn auch bundesligaunerfahrene Mannschaft gesetzt. Wird der gemeinhin hoch gehandelte Wert „Erfahrung“ überschätzt?

Poulsen: Ich glaube, man muss erst einmal klären, wie man „Erfahrung“ definiert bzw. welche Art von Erfahrung gemeint ist. Ist Erfahrung ausschließlich die Summe der Bundesliga-Einsätze, die alle Spieler einer Mannschaft haben, oder bedeutet Erfahrung auch, wieweit eine Mannschaft sich über zwei, drei Saisons gemeinsam weiterentwickelt hat und bereits zusammenspielt?! Bei uns gab es in den vergangenen Spielzeiten einen, zwei, maximal drei neue Spieler in der Startelf. So konnten wir als geschlossene Einheit Erfahrung sammeln, einander gut kennenlernen und haben auch gelernt, was wir zusammen zu leisten im Stande sind.

bundesliga.de: Auch diesmal hat kein Stammspieler den Klub verlassen, vielmehr sind neue Topleute wie Jean-Kévin Augustin zum Team gestoßen. Wird RB noch stärker auftreten als in der Vorsaison?

Poulsen: Das wird eine sehr schwere Saison für uns, aber ich glaube, dass wir tatsächlich noch stärker sein können als im Vorjahr. In der vergangenen Saison hatten wir in der ersten Phase wenig Ballbesitz und haben unsere Tore fast nur nach Umschaltsituationen geschossen. In der zweiten Saisonhälfte aber ist es uns gelungen, gegen tief stehende Gegner gerade auch dank unseres guten Kombinationsspiels erfolgreich zu sein. Wir waren manchmal auch das überlegene Team mit dem höheren Ballbesitzanteil. Das zeigt, wie schnell wir uns entwickelt haben. Die Gegner, die nun in der Champions League auf uns zukommen, verlangen allerdings nochmals eine starke Weiterentwicklung.

bundesliga.de: Welchen Eindruck haben Sie von den Neuen, wie etwa Augustin?

Poulsen: Welche Qualität die Neuen mitbringen, sieht man nicht zuletzt daran, wie sich die Qualität des Trainings an sich noch einmal gesteigert hat. Genau das benötigt eine Mannschaft, wenn sie sich immer weiter verbessern will.

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bundesliga.de: Haben Verein und/oder die Mannschaft bereits ein Saisonziel formuliert?

Poulsen: Über ein fest definiertes Saisonziel wurde bisher nicht gesprochen, und ich denke nicht, dass das in dieser Form überhaupt notwendig sein wird. Es geht darum, dass jeder erneut denselben Hunger auf den Platz bringt, wie in der vergangenen Saison. Der Hunger, in jedem Spiel das maximale herausholen und gewinnen zu wollen, muss das Ziel sein – und das gilt für die Bundesliga ebenso wie für die Champions League oder den DFB-Pokal. Wir wissen, dass wir eine super Qualität haben. Aber wir müssen das auch zeigen. Man wird sehen, wie wir mit der Dreifachbelastung umgehen und zurechtkommen werden.

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bundesliga.de: Als Nationalspieler ist die Dreifachbelastung für Sie nicht ganz neu...

Poulsen: Das stimmt. Allerdings glaube ich, dass es noch einmal etwas Anderes ist, ob man drei, viermal alle paar Wochen ein Spiel mit der Nationalmannschaft absolviert, oder ob – wie in Zukunft – nun nahezu jede Woche ein Top-Gegner wartet. Das wird für die meisten von uns doch etwas Neues sein. Zudem werden es nun statt bisher elf Stammspieler wohl mindestens 15 oder 16 sein, weil es kaum mehr möglich sein wird, jedes Spiel über die volle Distanz zu absolvieren.

bundesliga.de: Sehen Sie in der Dreifachbelastung neben der physischen gerade auch eine mentale Herausforderung, wenn man nach einem Spiel am Mittwoch, etwa in Rom, London oder Madrid, am Wochenende vielleicht im DFB-Pokal bei einem Amateurteam antreten muss?
Poulsen: Es mag Spieler geben, für die das ein Problem sein könnte. Und ich kann mir vorstellen, dass das nicht immer einfach ist. Genau das aber macht die Herausforderung aus. In der vergangenen Saison haben wir gezeigt, dass unsere Siegermentalität völlig unabhängig war vom Namen des Gegners. Und so muss es diesmal auch wieder sein.

"Die Gegner, die nun in der Champions League auf uns zukommen, verlangen nochmals eine starke Weiterentwicklung." Yussuf Poulsen

bundesliga.de: Sie sind mit RB den Weg von der dritten Liga bis in die Bundesliga gegangen und schlagen nun gemeinsam in der Champions League auf. War diese Entwicklung, beim Klub und beim Spieler, folgerichtig?

Poulsen: Was RB betrifft, war es auf jeden Fall der Plan, mittelfristig den Weg in die Bundesliga einzuschlagen. Ich entsinne mich sehr gut, dass Ralf Rangnick vor etwa vier Jahren, als mein Wechsel nach Leipzig zur Debatte stand, darüber gesprochen hat, dass man im Laufe der kommenden drei, vier Jahre in die Bundesliga aufsteigen möchte. Dass wir aber bereits in unserem ersten Bundesliga-Jahr eine so sensationelle Saison spielen würden – das war bestimmt nicht eingeplant. (lacht) Umso schöner ist es natürlich.

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bundesliga.de: Und Ihre Entwicklung?

Poulsen: Es ist sehr schön für mich, dass ich so früh in meiner Karriere bereits international spielen darf – und das sogar in der Champions League, als Teil eines tollen Bundesliga-Teams. Ganz ehrlich – das hätte ich wirklich nicht gedacht, als ich 2013 aus Dänemark nach Leipzig gegangen bin.

bundesliga.de: Wie haben Sie sich die Bundesliga im vergangenen Sommer vorgestellt, und was war anders als erwartet?

Poulsen: Vieles war, wie ich mir das vorgestellt habe – außer, dass wir so gut waren. (lacht) Das fußballerische Niveau, das Tempo, die Fans – so hatte ich es erwartet und so hatte ich es mir gewünscht. Dass wir aber tatsächlich schon so gut sein würden wie die anderen Teams, das war in dieser Form doch eine Überraschung.

bundesliga.de: Poulsen und RB im Besonderen, Dänen und die Bundesliga im Allgemeinen – das passt, wie auch Namen wie Allan Simonsen, Henning Jensen oder Brian Laudrup belegen. Was sind die Gründe für diese dänisch-deutsche Erfolgsgeschichte?

Poulsen: Es mag durchaus kleine Mentalitätsunterschiede geben zwischen Dänen und Deutschen. Aber so gering wie zu uns Dänen ist der Unterschied wohl zu keiner anderen Nation. Ob Deutschland – Italien oder Deutschland – Spanien oder Deutschland – Frankreich, das ist alles nicht zu vergleichen mit Deutschland – Dänemark. Dänen sind in manchen Dingen vielleicht etwas lockerer als Deutsche und sagen zum Beispiel statt „Sie“ meist „Du“. Aber in vielen anderen, in besonders wichtigen Punkten wie Arbeitsmentalität, Disziplin etc. sind sich Dänen und Deutsche sehr ähnlich. Das passt einfach mit uns. (lacht)

"„Ich glaube, die einzige Mannschaft in der Bundesliga, die auswärts immer und überall von sich behaupten könnte, der große Favorit zu sein, wäre der FC Bayern München." Yussuf Poulsen

bundesliga.de: „Das passt einfach“: Das trifft auch auf Sie und Timo Werner im RB-Sturm zu; eine wirkliche Anlaufzeit benötigte das Duo Werner/Poulsen nicht...

Poulsen: Für Timo hätte es in der vergangenen Saison kaum besser laufen können als mit dem Abschluss beim Confed-Cup. Bei der Nationalmannschaft mussten sich seine Kollegen zwar erst auf ihn einstellen, weil die Nationalmannschaft lange keinen Stürmertyp wie ihn als einzige Spitze hatte. Das aber hat sehr schnell funktioniert wie man in Russland sehen konnte. Und zwischen uns passt es in der Tat auch sehr gut. Wir haben in der vergangenen Saison fast 30 Spiele gemeinsam absolviert, und mittlerweile weiß der eine genau, was der andere in der jeweiligen Spielsituation macht.

bundesliga.de: Gepasst hat es auch zwischen Ihnen und Bayerns Joshua Kimmich, als der noch bei RB spielte. Haben Sie sich nach dem Aufeinandertreffen beim Spiel Dänemark gegen Deutschland in Kopenhagen mit Ihrem ehemaligen WG-Partner austauschen können?

Poulsen: Sehr bitter für uns Dänen, dass Joshua in der 88. Minute noch ein so schönes Tor zum 1:1-Endstand erzielen musste. (lacht) Keine Frage, wir halten den Kontakt weiterhin und haben nach dem Spiel persönlich und am darauf folgenden Tag am Telefon auch darüber philosophiert, wie es in der vergangenen Saison für unsere beiden Klubs gelaufen ist und natürlich auch, wie es in der neuen Saison laufen könnte.

bundesliga.de: RB wird diese Saison auf Schalke beginnen. Vor einem Jahr wäre man als Außenseiter in die Begegnung gegangen. Wird man nun der Favorit sein?

Poulsen: Ich glaube, die einzige Mannschaft in der Bundesliga, die auswärts immer und überall von sich behaupten könnte, der große Favorit zu sein, wäre der FC Bayern München. Wir haben in der vergangenen Saison auf Schalke „nur“ 1:1 gespielt, und als Favorit sehen wir uns auch dieses Mal auf gar keinen Fall. Schalke mag in der Hinrunde ein paar Anlaufschwierigkeiten gehabt haben. Grundsätzlich ist das aber ein klasse Team, das sicher wieder die Top fünf angreifen wird.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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