Mönchengladbach - Die Aufgabe war ohne Frage schwierig, bisher aber hat er sie bravourös gemeistert. Yann Sommer hat im Tor von Borussia Mönchengladbach mit erstklassigen Leistungen dafür gesorgt, dass Marc-André ter Stegen nie wirklich vermisst wurde.

Im Interview mit bundesliga.de spricht der Schweizer über seine rasche Eingewöhnung und über die Bundesliga im Vergleich mit der Raiffeisen Super League.

bundesliga.de: Herr Sommer, vor knapp einem Jahr haben Sie im Gespräch mit einer Schweizer Zeitung vermutet, man könnte Sie in Deutschland belächeln. Selbst wenn das anfangs der Fall gewesen wäre, würde heute niemand mehr lächeln, zumindest nicht herablassend...

Yann Sommer: Am Anfang, noch vor Saisonbeginn, gab es etwas Kritik, als ich in zwei Freundschaftsspielen nicht so gut ausgesehen habe. Umso wichtiger war es für mich, dass wir als Mannschaft sehr gut in die Saison gestartet sind, erfolgreich waren und guten Fußball gespielt haben. Ich hatte anfangs nicht besonders viel zu tun und konnte mir so schnell das notwendige Selbstvertrauen holen. Und wenn später etwas aufs Tor gekommen ist, war ich meistens da.

"Habe ein gesundes Selbstvertrauen"

bundesliga.de: Selbst in Zeiten, in denen die Bundesliga international nicht führend war, zählten deutsche Torhüter zu den Besten ihres Fachs. Wenn sich ein Traditionsclub wie die Borussia trotzdem für einen Schweizer Keeper entscheidet, ist das ein großer Vertrauensvorschuss. War das keine Last?

Sommer: Nein. Es wäre sehr schade, wenn das so gewesen wäre. Denn ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Borussia großes Interesse an mir gezeigt und einen hohen Betrag gezahlt hat. Da habe ich gespürt "Hey, die wollen mich wirklich". Und ich wollte diesen Schritt unbedingt gehen. Trotzdem will ich nicht bestreiten, dass ich am Anfang ein wenig Druck verspürt habe. Ich bin Schweizer, die Schweiz ist ein kleines Land und nicht besonders viele deutsche Fußball-Fans verfolgen den Schweizer Fußball. Also hat man sich gefragt "Ist der wirklich gut genug für die Bundesliga?". Aber das ist okay. Im Profifußball muss man sich immer beweisen.

bundesliga.de: Das größte Kompliment, das man Ihnen bisher machen konnte, ist, dass niemand den zum FC Barcelona gewechselten Marc-André ter Stegen vermisst...

Sommer: Zum Glück. Sonst wäre es sicher unangenehm für mich geworden (lacht). Ich glaube, dass ich ein gesundes Selbstvertrauen habe. Das braucht man im Fußball, wenn man bestehen will. Die Konkurrenz ist groß, und der Druck am Wochenende ist es auch. Man braucht nur zu schauen, wie viele Medienvertreter bei einem Bundesliga-Spiel sind. Selbstzweifel helfen einem da nicht weiter. Ich versuche immer relaxed zu bleiben. Und bisher hat das ganz gut geklappt.

"Hier ist das Tempo höher"

bundesliga.de: Gehen die Medien in Deutschland härter mit den Spielern ins Gericht als das in der Schweiz der Fall ist?

Sommer: Sagen wir es so: Man erarbeitet sich in der Schweiz ein wenig Kredit bei den Medien, wenn man über Jahre zum Beispiel für den FC Basel spielt. Dann kommen die Journalisten nicht bei jedem kleinen Fehler, um diese Situationen zu analysieren. Andererseits ist es völlig legitim, dass man einen Neuen, noch dazu, wenn er aus einer kleineren Liga kommt, doppelt unter die Lupe nimmt. Und selbst kleine Fehler werden ausdiskutiert, das ist normal. Kredit muss man sich erst wieder erarbeiten.

bundesliga.de: Wie unterscheidet sich der Fußball in der Bundesliga von dem in der Schweizer Raiffeisen Super League?

Sommer: Das Niveau ist in beiden Ligen gut. In Deutschland ist das Tempo aber höher, die Bundesliga ist physisch sehr anspruchsvoll und man findet größere individuelle Klasse auf dem Rasen. Große individuelle Klasse gibt es vereinzelt auch in der Schweiz, in der Bundesliga aber hat jede Mannschaft zwei, drei Top-Spieler. Und das bekommt man gerade als Keeper zu spüren. Spätestens, wenn einer dieser Spieler ein Tor in einer Situation schießt, aus der heraus niemand einen Torschuss erwarten konnte.

bundesliga.de: Welche Rolle würde die Borussia in der Raiffeisen Super League spielen?

Sommer: Ich bin zwar überzeugt, dass die Super League ein wenig unterschätzt wird. Nichtsdestotrotz würde Borussia definitiv oben mit dabei sein in der Schweiz. Ich selbst hatte das Glück für die Top-Mannschaft der vergangenen Jahre spielen zu dürfen. Und es wäre sehr interessant zu sehen, wie ein Spiel zwischen Borussia und Basel ausgehen würde.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Im 2. Teil des Interviews spricht Yann Sommer über die Vorbereitung auf und seine Ziele für die Rückrunde