Köln - Der Trainerwechsel von Zvonimir Soldo zu Frank Schaefer hat dem 1. FC Köln bereits in der Hinrunde neues Leben eingehaucht. Zu Beginn der Rückrunde hat es auf der Führungsebene der "Geißböcke" einen zweiten Wechsel gegeben: Volker Finke hat Michael Meier als Sportdirektor beerbt.

Der ehemalige Trainer des SC Freiburg soll dabei helfen, den Traditionsclub vom Rhein aus dem Abstiegskampf zu führen und in den kommenden Jahren von diesem fern zu halten.

Im Interview blickt der 62-Jährige nicht nur auf die Partie gegen seinen ehemaligen Verein voraus, sondern spricht auch darüber, wie er gemeinsam mit den übrigen Verantwortlichen den 1. FC Köln aus dem unteren Tabellendrittel führen möchte und welche Erfahrungen aus seiner Zeit in Japan ihm bei der neuen Aufgabe als Sportdirektor hilfreich sind.

Frage: Herr Finke, am Samstag spielt der 1. FC Köln gegen den SC Freiburg. Ist das ein ganz normales Spiel für Sie oder doch etwas Besonderes?

Volker Finke: Nein, ein normales Spiel ist das für mich nicht, weil es gegen einen Verein geht, mit dem ich über viele Jahre hinweg schöne Erlebnisse hatte und mit dem ich mich stark identifiziert habe. Auch jetzt bin ich noch Fan des SC Freiburg und finde es gut, dass der Verein in der Bundesliga spielt. Das war zu meiner Zeit dort immer unser Ziel und das gelingt dem Club auch derzeit sehr gut, obwohl es einige Standortschwierigkeiten gibt. Von der Mannschaft selbst kenne ich ja nur noch zwei Spieler, nämlich Oliver Baumann und Ömer Toprak. Aber insgesamt ist das natürlich schon ein besonderes Spiel für mich.

Frage: Welchen Tipp geben Sie denn für Samstag ab?

Finke: Einen wirklichen Tipp will ich nicht abgeben. Wir haben große personelle Sorgen, da mit Pedro Geromel bereits der fünfte Stammspieler ausfällt. Ich wünsche mir aber einen Sieg für meinen neuen Arbeitgeber, weil wir die Punkte auch dringend für den Klassenerhalt benötigen. Nach diesem Spieltag wünsche ich dem SC Freiburg natürlich so viele Siege, dass sie möglichst in einen europäischen Wettbewerb kommen.

Frage: Sie sind nun seit Ende Januar in Köln. Wie haben Sie sich denn eingelebt?

Finke: Ich habe jetzt gerade eine Wohnung gefunden, die meine Frau und ich dann auch in zwei, drei Wochen beziehen werden. Somit ist das Hotelleben endlich zu Ende, was ich sehr gut finde. Aber wir brechen unsere Zelte in Freiburg nicht ab, sondern handhaben das mit Köln so wie wir das mit Tokyo gemacht haben und behalten auch weiterhin unseren Wohnsitz in Freiburg.

Frage: Wie haben Sie sich beim FC zurechtgefunden?

Finke: Inzwischen habe ich jede Station des Vereins einmal kennengelernt. Gestern Abend gab es noch eine Sitzung mit dem Verwaltungsrat. Am wichtigsten war es jedoch, die Mannschaft und die Arbeit drum herum kennenzulernen, damit unser Ziel, der Klassenerhalt, möglichst schnell erreicht werden kann.

Frage: Das bedeutet, Sie haben alle Baustellen besichtigt?

Finke: Vorab muss ich sagen, dass es sicherlich in jedem Verein Baustellen gibt. In Köln war es in den vergangenen Jahren so, dass der FC nicht sportlich gesehen nicht marktgerecht abgeschlossen hat. Das bedeutet, dass die Möglichkeiten, die der Fußballstandort 1. FC Köln bietet, sich in sportlichen Erfolgen, sprich in den Platzierungen, nicht so widergespiegelt hat, wie ich das jetzt anstrebe. Wir als Verantwortliche sind der Meinung, dass der 1. FC Köln kein Verein ist, der jedes Jahr um den Klassenerhalt spielen sollte, sondern ins Mittelfeld der Bundesliga gehört. Wenn man sich das gesamte, auch wirtschaftliche, Umfeld anschaut, sollte der 1. FC Köln eigentlich auf den Plätzen 7 bis 12 zu finden sein. Das zu erreichen und den Club da hin zu führen, das ist meine Aufgabe. Und erst wenn das geschafft ist, kann man über andere Ziele sprechen.

Frage: Sehen Sie irgendow versteckte Potenziale beim 1. FC Köln, die sie noch ausschöpfen wollen?

Finke: Es geht gar nicht darum, was noch ausgeschöpft werden kann, sondern darum, dem 1. FC Köln eine ganz genaue Idee von Fußball vermittelt, die dann auch umgesetzt wird. Das bedeutet, keine Spieler zu holen, nur weil sie einen großen Namen haben, sondern zu schauen, wie dieser Spieler zu der Philosophie des Vereins passen. Dortmund ist das beste Beispiel. Der BVB spielt ein attraktives Kombinationsspiel, was unter Jürgen Klopp über drei Jahre entwickelt werden und reifen konnte. Da möchte ich ansetzen und versuchen, die Ziele, die wir beschlossen haben, kontinuierlich und langfristig zu etablieren. Das schaffe ich aber nicht alleine, sondern nur in Zusammenarbeit mit dem Trainerstab. Insgesamt denke ich aber, dass man hier mittel- und langfristig etwas aufbauen kann.

Frage: Im Hinblick auf Konstanz und Langfristigkeit: Wie beurteilen Sie die Arbeit des Trainers Frank Schaefer und die Perspektive für eine Zusammenarbeit mit ihm?

Finke: Wir arbeiten alle sehr gut zusammen. Die Mannschaft ist zusammengerückt und der Trainer hat nach dem Wechsel die richtigen Impulse gegeben. Frank Schaefer und ich sitzen oft beieinander und besprechen uns, damit wir die gesteckten Ziele erreichen, so dass ich nur sagen kann, dass die gemeinsame Arbeit gut klappt. Da sind Vertragslaufzeiten, die zuletzt von außerhalb zur Sprache gebracht wurden, gar kein Thema. Wir arbeiten gut zusammen und konzentrieren uns voll auf den Klassenerhalt.

Frage: Haben Sie diesbezüglich aus Ihrer Zeit in Freiburg etwas mitnehmen können, was Ihnen nun hier beim FC hilft?

Finke: Wir haben es damals in Freiburg geschafft, dass die Leute sagten: Auf diese Art und Weise wird in Freiburg Fußball gespielt, und zwar erfolgreich gespielt. In Freiburg hatten wir dann aber das Problem, dass regelmäßig unsere besten Spieler den Verein verlassen haben. Aufgrund der Standortvorteile, die ich in Köln gegenüber Freiburg sehe, sind die Möglichkeiten besser, bestimmte Spieler auch länger im Verein zu halten und somit innerhalb von zwei Jahren eine bestimmte Art und Weise zu etablieren, wie der 1. FC Köln Fußball spielt.

Frage: Haben Sie sich in Japan in kultureller Hinsicht weiterentwickeln können?

Finke: In Japan lernt man auf jeden Fall, dass man den Dingen manchmal Zeit geben muss. Im japanischen Leben sind langwierige Prozesse nötig, viele Meetings, ehe mal eine Entscheidung getroffen wird. Die ganz kurzen Dienstwege, wie man sie hierzulande kennt, sind dort fast nicht möglich. Da reagiert man anfangs vielleicht zu emotional, weil man ungeduldig wird, dass die Verbesserung der Laufbahn neun Monate in Anspruch nimmt. Dadurch wird man mit der Zeit gelassener und man merkt, dass man durch Gelassenheit und positives Denken viel eher ans Ziel kommt, als wenn man jetzt an Ort und Stelle explodiert.

Frage: Das könnte Ihnen hier ja ganz gelegen kommen.

Finke: (lacht) Ich hab nicht das Gefühl, dass mir diese Eigenschaft hier in Köln schadet. Kein Problem ist so schwerwiegend, dass es nicht zu lösen wäre. Vielleicht nur nicht so schnell, wie man es gerne hätte. Warum sollte ich mich zwei Tage darüber ärgern, dass etwas nicht geht? Da beschäftige ich mich lieber diese zwei Tage mit Dingen, die ich ändern kann und am dritten lässt sich dann vielleicht das andere Problem lösen.

Frage: Was für ein Bild hatten Sie denn vom 1. FC Köln, bevor Sie hier angekommen sind und inwieweit hat sich dieses Bild bestätigt oder revidiert?

Finke: Ich habe immer die Wahrnehmung gehabt, dass Köln eine ganz emotionale Fußballstadt ist und der 1. FC Köln auch ein ebenso emotionaler Verein ist. Die Gefühlszustände "Himmel hoch jauchzend" und "zu Tode betrübt" liegen hier sehr, sehr eng beieinander. Die Fans sind leidenschaftlich und quasi die ganze Stadt ist fußballverrückt.

Frage: Können Sie Ihr Trainer-Know-How von dem des Sportdirektors trennen oder verbinden Sie beide Erfahrungsbereiche bewusst miteinander?

Finke: Was meine Aufgaben als Sportdirektor angeht ist es schon so, dass ich noch dazu lerne. Der Trainer ist Verantwortlich für die Spieler und ich bin für den restlichen sportlichen Bereich - Orientierung im Jugend- und im Profibereich, Vertragslaufzeiten, und so weiter - zuständig. Um die wirtschaftlichen Aufgaben kümmert sich Claus Horstmann. Aber wir arbeiten alle ganz eng zusammen. Von daher gibt es auch keine wirkliche Trennung, zumal ich es gut finde, wenn ein Sportdirektor auch eine Trainer-Vergangenheit hat. Ich tausche mich mit dem Trainer ja auch darüber aus, wie ich das Spiel gesehen habe und bestimmte Dinge einschätze. Von daher tut es gut, wenn da Kompetenz vorhanden ist. Auch wenn ich vielleicht im wirtschaftlichen Bereich noch etwas lernen muss, traue ich mir die Aufgabe Sportdirektor auf jeden Fall zu.

Frage: Laufen der Verein und das Umfeld denn Gefahr, dass nach sieben Punkten aus den vergangenen drei Spielen der knappe Abstand zu den Abstiegsrängen vergessen wird? Der beträgt immerhin nur drei Zähler.

Finke: Ich finde, die Fans dürfen ruhig so emotional sein und sich über die gute Leistung der Mannschaft freuen. Die Spieler dürfen natürlich nicht übermütig werden, aber da haben Frank Schaefer und ich ein Auge drauf. Die Tatsache, dass Mannschaften wie Stuttgart, Wolfsburg und Bremen hinter uns stehen, sollte genügen um zu verdeutlichen, dass wir ganz konzentriert sein müssen. Da kann und wird noch viel passieren und es wird ein ganz harter Kampf bis zum Ende.

Frage: An den Spieltagen 29 bis 31 kommen Gladbach, Stuttgart und Wolfsburg hintereinander. Will man versuchen, möglichst zu diesem Zeitpunkt schon gerettet zu sein?

Finke: Wir alle hier beim FC wollen so früh wie möglich den Klassenerhalt geschafft haben. Aber man kann nicht versprechen, wann das passiert sein wird. Das Ergebnis - der Klassenerhalt - zählt. Wenn der drei oder zwei Spieltage vor Schluss geschafft ist, ist das gut. Es kann aber auch sein, dass das bis zum letzten Spieltag offen sein wird. Doch spätestens dann muss er besiegelt werden.

Aus Köln berichtet Gregor Nentwig