München - Es ist der Traum eines jeden Amateur-Clubs: Einmal gegen einen Bundesligisten zu spielen, einmal in Zweikämpfe gehen mit den Stars, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Der DFB-Pokal macht diesen Traum möglich. Und manchmal stellt der Kleine dem Großen sogar ein Bein, bringt David den Goliath zu Fall.

Auch der FC Nöttingen möchte am Montagabend seinen Goliath zu Fall bringen. Allerdings heißt der FC Schalke 04, seines Zeichens Traditionsverein der Bundesliga und aktueller Teilnehmer an der Qualifikation zur Champions League. Eine Chance auf die Sensation besteht dennoch, auch wenn diese sehr klein ist, wie Michael Wittwer, Nöttingens Trainer, weiß. Der ehemalige Libero des Karlsruher SC stand 1996 selbst im Pokalfinale, zog mit den Badenern gegen den 1. FC Kaiserslautern aber den Kürzeren.

Im Interview mit bundesliga.de erklärt Wittwer, worauf es im Pokal ankommt und unter welchen Voraussetzungen ein Fünftligist ein Schwergewicht wie den FC Schalke 04 stürzen kann.

bundesliga.de: Herr Wittwer, am Montag treten Sie mit dem FC Nöttingen in der 1. Runde des DFB-Pokals gegen den FC Schalke 04 an. Wie bereitet man sich auf den Vierten der vergangenen Bundesliga-Saison vor?

Michael Wittwer: Wir werden nichts anders machen, als wir bei einem normalen Punktspiel in der Oberliga machen. Vom Zeitrahmen, vom Ablauf her wird nichts anders sein. Wir werden uns ein paar Stunden vorm Spiel treffen, die Jungs werden noch ein paar Nudeln essen und dann werden wir ins Stadion fahren. Aber vom Kopf her wird es für die Jungs natürlich schon anders sein als vor einem normalen Ligaspiel. Die werden wahrscheinlich etwas nervös und aufgeregter als bei den anderen Spielen, aber konzentriert und motiviert nach Karlsruhe fahren.

bundesliga.de: Wie versuchen Sie, die Nervosität Ihrer Spieler in den Griff zu bekommen?

Wittwer: Ich glaube, der ein oder andere hat im letzten Jahr die Erfahrung mitgenommen, als wir gegen Hannover gespielt haben (1:6-Niederlage, Anm. d. Red.), und wird so die Nervosität vielleicht in positive Energie umsetzen können. Sie haben gegen einen ähnlichen Gegner vor einer ähnlichen Kulisse bereits gespielt und werden vielleicht nicht mehr ganz so nervös sein. Aber Nervosität vor dem Spiel ist auch gut, damit die Anspannung da ist. Man will etwas erreichen, auch wenn es gegen einen anscheinend übermächtigen Gegner geht. Ich hoffe, dass sie dann nicht zu nervös sind, auf dem Platz ihre Leistung abzurufen.

bundesliga.de: Sie selbst standen als Spieler mit dem Karlsruher SC im Pokalfinale. Wie schafft man denn die Sensation und kommt nach Berlin?

Wittwer: Ob der FC Nöttingen irgendwann mal nach Berlin kommt, ist eine andere Frage (lacht kurz). Wie schafft man eine Sensation? Erstmal muss dich der Gegner unterschätzen, nicht so richtig ernst nehmen, ein paar Prozent weniger machen als sonst. Meine Spieler müssen über sich hinauswachsen, 120 Prozent bringen. Der Spielverlauf muss günstig sein, man darf nicht so früh in Rückstand geraten. Dann noch, dass man vielleicht selbst aus irgendeiner Situation in Führung gehen und dann etwas tiefer stehen könnte. Dass die Schalker vor dem Tor vielleicht den Pfosten treffen. Dass der Torwart vielleicht noch einen überragenden Tag hat. Solche Sachen müssen alle zusammen kommen an dem Tag. Wir hoffen natürlich, dass wir den Tag nächsten Montag haben.

bundesliga.de: Halten Sie es für realistisch, einen Julian Draxler in den Griff zu bekommen?

Wittwer: (lacht) Den wird man nie in den Griff bekommen. Das wird man selbst in der Bundesliga nicht schaffen. Wir müssen versuchen, uns als Mannschaft nicht nur auf einen Einzelspieler zu konzentrieren, denn für meine Spieler sind das alles Julian Draxlers, die beim Gegner auf dem Platz stehen. Egal, ob das ein Huntelaar ist oder ein Abwehrspieler. Die sind uns alle von der Qualität her überlegen. Aber im Fußball hat es schon alles gegeben. Wir müssen daran glauben, dass wir an einem Super-Tag auch gegen solche Spieler eine Chance haben. Aber wir können das nur als Mannschaft schaffen.

bundesliga.de: Sie haben vorhin schon die Nervosität angesprochen. Inwiefern spielt es eine Rolle, dass man ein kleines Stück vom Spektakel Bundesliga mitbekommt?

Wittwer: Die Jungs schauen ja alle Fernsehen und sehen das alles. Deswegen macht es keinen Sinn, dass ich mich vorm Spiel hinstelle und sage, die Schalker können dies und das nicht und da sind sie schwach. Ich appelliere eher an meine Jungs, dass sie eben nicht nervös sind, sondern sich etwas zutrauen, einfach nach vorne spielen. So wie sie es letztes Jahr in Reutlingen gegen Hannover gemacht haben. Sie haben ihre Qualitäten, auch gegen so einen Gegner. Wenn sie sich in den Zweikämpfen etwas cleverer anstellen und nicht so blauäugig sind wie letztes Jahr gegen Hannover, dann ist bestimmt auch gegen Schalke ein gutes Ergebnis drin.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig