Rudi Völler kann sich ganz entspannt zurücklehnen. Hinter dem Sportchef von Bayer 04 Leverkusen liegt eine beinahe sorgenfreie Hinrunde, in der die Mannschaft nicht nur einen schönen, sondern auch erfolgreichen Fußball spielte. Ungeschlagen überwintert die "Werkself" an der Tabellenspitze.

Im Interview spricht Rudi Völler über die besonderen Qualitäten von Trainer Jupp Heynckes, das spannende Titelrennen und seinen Bayer-Spieler der Vorrunde.

Frage: Bayer 04 Leverkusen ist Herbstmeister, herzlichen Glückwunsch. Was bedeutet sie Ihnen?

Rudi Völler: Die Herbstmeisterschaft ist deshalb schön, weil wir die Belohnung der sehr guten Vorrunde bekommen haben. Allein deshalb ist wichtig. Wenn man eine so gute Vorrunde spielt wie wir und am Ende nicht oben steht, hätte uns das schon ein bisschen geärgert. Nach den fußballerischen Glanztaten der letzten Heimspiele haben wir gegen Mönchengladbach auch einmal ein Spiel über den totalen Kampf herumgebogen. Das war auch eine wichtige Erkenntnis. Wir können die Gegner nicht nur abschießen, sondern auch gegen eine sehr starke Gladbacher Mannschaft ein Spiel drehen. Wenn einem das gelingt, ist man eine Spitzenmannschaft.

Frage: Ist da in den vergangenen Monaten etwas zusammengewachsen?

Völler: Ja, da hat sich etwas entwickelt. Wir werden auch nicht hektisch. Das zeugt davon, dass wir uns in dieser Hinsicht im Vergleich zum letzten Jahr enorm gesteigert haben. Wir können auch Spiele umbiegen und über den Kampf gewinnen.

Frage: Was hat Trainer Jupp Heynckes mit der Mannschaft nach der schlechten Rückrunde der vergangenen Saison angestellt?

Völler: Er hat der Mannschaft Selbstvertrauen eingeimpft, dass sie an sich auch gerade in schwierigen Phasen glaubt. Wenn es gut läuft, dann funktioniert vieles. Das haben wir im vergangenen Jahr in der Vorrunde erlebt. Jetzt gewinnt die Mannschaft aber auch Spiele, wenn sie ein bisschen angeschlagen ist.

Frage: Wird das auch der Schlüssel zum Erfolg für die kommenden 17 Spiele der Rückrunde sein?

Völler: Dafür ist die Tabelle zu eng beieinander. Wir sind ja nicht in Spanien, wo der FC Barcelona oder Real Madrid was weiß ich wie viele Punkte Vorsprung haben. In der Bundesliga liegen die ersten sechs, sieben Mannschaften ganz eng zusammen. Und dann haben wir mit Bayern München noch die Mannschaft dabei, die normalerweise von der Substanz her die beste ist. Wir und alle anderen Vereine tun gut daran, den Ball flach zu halten. Aber wir sind auch optimistisch genug, dass wir uns oben festbeißen wollen. Andere Vereine müssen schon richtig gut spielen, um an uns vorbeizuziehen.

Frage: Hätten Sie Toni Kroos zugetraut, dass er mit seinen 19 Jahren schon so konstant gut spielt?

Völler: Nach so Spielen wie dem gegen Mönchengladbach (in dem Toni Kroos als zweifacher Torschütze glänzte, Anmerk. d. Red.) wird die Überzeugungsarbeit bei Uli Hoeneß natürlich schwierig. Toni weiß, dass er bei uns spielt. Und er ist nur dann richtig gut, wenn er permanent zum Einsatz kommt. Bei den Bayern sitzen noch ganz andere Kaliber auf der Bank, die nicht spielen. Aber das ist eben so, wenn man bei Bayern München einen Vertrag unterschreibt. Ich bin mit Uli Hoeneß so verblieben, dass wir im Frühjahr noch einmal reden. Dann sehen wir weiter. Wenn der Toni auf dem Niveau weiterspielt, wird es natürlich ganz schwierig. Da bin ich Realist genug.

Frage: War Toni Kroos für Sie der Bayer-Spieler der Hinrunde? Oder eher Stefan Kießling?

Völler: Jeder auf seine Weise. Aber bei Stefan Kießling ist klar: Wer mit so großen Vorsprung die Torschützenliste anführt, ist schon absolute Topklasse. Er ist auch wieder in der Nationalmannschaft zurück. Man kann ihn unter vielen richtig guten Spielern bei uns ein bisschen herausstreichen.

Aufgezeichnet von Tobias Gonscherowski