Noch ist Eintracht Frankfurt in der Liga ungeschlagen - und Trainer Michael Skibbe kündigt im Interview mit bundesliga.de an: "Wir wollen diese Euphorie schüren!"

bundesliga.de: Herr Skibbe, die Eintracht ist weiter ungeschlagen. Ist das schon ein Fingerzeig für die Saison?

Michael Skibbe: Das ist einzig und allein eine Momentaufnahme. Wir hatten in allen bisherigen Spielen die Möglichkeiten zu gewinnen - aber wir hätten auch verlieren können. Es waren jeweils enge Ergebnisse. Noch ist unsere Leistung nicht gefestigt.

bundesliga.de: Also ändert sich auch an der Zielsetzung nichts?

Skibbe: Natürlich nicht, weil wir schon ein recht ambitioniertes Saisonziel ausgegeben haben. Wenn man im Vorjahr 33 Punkte geholt hat und nun mit einem kaum umgestellten Kader rund 45 Punkte anpeilt, dann ist das allemal mutig, fast schon am Rande von waghalsig.

bundesliga.de: Trotzdem ist eine offensivere Spielweise unter Ihrer Führung unverkennbar. Wie zufrieden sind Sie zum jetzigen Zeitpunkt?

Skibbe: Mit der Art und Weise unseres Spiels bin ich zufrieden. Die Mannschaft setzt meine Vorstellungen zwar noch nicht über 90 Minuten um. Aber das ist auch ein Prozess, der sich über zwei, drei Jahre hinzieht. Und man darf auch die zumeist hohe Qualität des Gegners nicht außer Acht lassen. Und das gilt in der Bundesliga nicht nur für die Topteams.

bundesliga.de: Sie haben Ihrem Team eine Mittelfeld-Raute verordnet. Passt das am besten zur offensiven Ausrichtung?

Skibbe: Für den Augenblick gilt sicher, dass die Mittelfeldraute am besten zur Mannschaft passt. Wir warten aber noch auf einige länger verletzte Spieler wie Martin Fenin, der der Offensive weitere Impulse geben kann. Ich bin ein Trainer, der sich am Potenzial der Mannschaft orientiert und ein System für die Mannschaft sucht. Wenn wir komplett sind, kann sich das System noch einmal ändern.

bundesliga.de: Was schwebt Ihnen dann konkret vor?

Skibbe: Ich könnte mir auch gut vorstellen, auf ein 4-3-3-System umzustellen. Fenin ist ein hervorragender Flügelstürmer, auch Korkmaz kann diese Rolle ausfüllen. Insgesamt sind wir sicher noch konkurrenzfähiger, wenn die verletzten Spieler hinzukommen.

bundesliga.de: Sie haben von einer Entwicklung bei der Eintracht gesprochen, die sich über zwei, drei Jahre hinzieht. Ist die Geduld in Frankfurt so groß?

Skibbe: Auch bei der Eintracht orientiert man sich wie bei allen anderen Clubs am Erfolg und am Misserfolg. Spielt man erfolgreichen Fußball, ist es einfacher, Dinge umzusetzen und durchzusetzen. Bisher verläuft die fußballerische Entwicklung der Mannschaft auf jeden Fall sehr positiv. Was einem optimalen Verlauf noch am meisten entgegensteht, ist die wirtschaftliche Entwicklung des Clubs, die etwa einen Transfer wie den von Lincoln nicht erlaubt.

bundesliga.de: In der Bundesliga lief es bislang gut - ganz im Gegensatz zu den ersten Vorbereitungsspielen. Hatten Sie damals schon Angst?

Skibbe: Ich denke, allgemein werden in Deutschland Ergebnisse von Vorbereitungsspielen total überschätzt. Darum spielen viele Clubs in den ersten Wochen oft ausnahmslos gegen unterklassige Gegner, um bloß kein Negativerlebnis zu haben. Ich gehe lieber den anderen Weg. Da riskiert man Niederlagen, sieht aber auch Defizite in der Mannschaft. Wichtig ist einzig und allein das erste Pflichtspiel.

bundesliga.de: Generell herrschte nach Ihrer Verpflichtung im Sommer eine hohe Erwartungshaltung auch bei den Fans.

Skibbe: Das liegt sicher auch daran, dass ich vom ersten Tag an mehr eingefordert habe vom ganzen Club - nicht nur von der Mannschaft, sondern auch von den Fans und vom gesamten Verein. Es ist wichtig, sich etwas zu trauen und sich vor allem etwas zuzutrauen. Ich bin dafür, mutig die Dinge zu propagieren, von denen man meint, dass man sie umsetzen kann.

bundesliga.de: Inzwischen herrscht fast schon Euphorie rund um die Eintracht.

Skibbe: Wir wollen diese Euphorie nach der schlechteren letzten Saison auch bewusst schüren. Wir wollen mutig auftreten und zeigen, dass wir in der Bundesliga konkurrenzfähig sind. Das ist im letzten Jahr mit 33 Punkten über weite Strecken nicht so gut gelungen. Die Fans sollen mit einem guten Gefühl ins Stadion kommen und sehen, dass sie von den Spielern auf dem Platz auch etwas zurückbekommen in Sachen Mut und Einstellung. So können sie sich auch mit der Mannschaft identifizieren.

bundesliga.de: Apropos Mut: Sie haben Spycher anstelle von Amanatidis zum Kapitän gemacht. Seither hat der Griche schon drei Tore erzielt. Haben Sie ihn etwa zusätzlich motiviert?

Skibbe: Es war nicht meine Absicht, ihn damit zusätzlich zu motivieren. Ich möchte auch so, dass er zu einem der Toptorjäger der Bundesliga wird. Er hatte aufgrund von Verletzungen ein schlechteres Jahr, aber jetzt ist er gesund und fit. Ihm kommt sicher auch unsere offensivere Spielweise entgegen. So kommt er öfter zum Torabschluss. Aber das hat alles nichts mit dem Kapitänsamt zu tun. Diese Entscheidung habe ich getroffen, weil ich lieber einen defensiveren Spieler als Kapitän haben wollte.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte