Leverkusen - Vor den Freistößen von Hakan Calhanoglu ist Borussia Dortmund, der erste Gegner von Bayer 04 Leverkusen in der Rückrunde, gewarnt. Im Februar 2014, damals noch im Trikot des Hamburger SV, traf der türkische Nationalspieler aus 40 Metern gegen Roman Weidenfeller.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Calhanoglu über das bevorstehende Duell mit dem BVB, seine Ziele mit Bayer 04 und seine herausragende Schusstechnik.

bundesliga.de: Hakan Calhanoglu, am Samstag steht für Bayer Leverkusen das erste Pflichtspiel 2015 an. Freuen Sie sich, dass es nach gut einem Monat Winterpause wieder um Punkte geht?

Calhanoglu: Auf jeden Fall! Alle haben den Rückrundenstart herbeigesehnt, wir Spieler bestimmt genauso wie die Stadionbesucher und die Fans, die zuhause vorm Fernseher sitzen werden. In der Mannschaft sind alle richtig heiß auf das Duell mit Dortmund.

"Wir wollen den Rhythmus vorgeben"

bundesliga.de: Ist Borussia Dortmund nach der schlechten Hinrunde ein dankbarer Auftaktgegner?

Calhanoglu: Dortmund ist sehr stark, das haben sie oft genug bewiesen. Auch wenn die Mannschaft jetzt ganz unten steht, ist sie ein Top-Team. Im Fußball kann viel schiefgehen, deswegen steht Dortmund dieses Jahr leider so schlecht da. In Leverkusen wird die Mannschaft aber einiges gutmachen wollen, darauf müssen wir vorbereitet sein.

bundesliga.de: Erwarten Sie, dass Dortmund an seiner offensiven Spielweise festhalten wird?

Calhanoglu: Was der Trainer vorgibt, weiß ich nicht. Ich kann mir schon vorstellen, dass Dortmund ein paar neue Varianten versuchen wird. Wir sollten aber vor allem auf uns selbst schauen und unser Spiel durchziehen.

bundesliga.de: Mit welcher Marschroute gehen Sie in die Partie?

Calhanoglu: Wir wollen angreifen und den Rhythmus vorgeben, das entspricht unserem Anspruch und unserem System. Der Trainer hat uns auf diese Spielweise eingeschworen und wir ziehen sie voll durch. Daran werden wir in der Rückrunde nichts ändern.

"Als Schütze musst du etwas beweisen"

bundesliga.de: Hakan Calhanoglu gegen Borussia Dortmund, das wird viele an Ihren , als Sie noch für den Hamburger SV spielten. Denken Sie häufig zurück an Ihren Wunderschuss?

Calhanoglu: Ja, klar, das war ein unvergesslicher Moment, mein Lieblingstor.

bundesliga.de: Hatten Sie wirklich die Überzeugung, Sie könnten Roman Weidenfeller aus dieser Distanz überwinden?

Calhanoglu: Meine Mitspieler meinten, ich sollte direkt aufs Tor schießen. Das Spiel war in dem Moment ja fast gegessen, wir hatten in der Nachspielzeit 2:0 geführt. Ich war selbstsicher und dachte mir: Hau einfach mal drauf. Ich weiß, dass ich eine gute Schusstechnik habe. Den Ball habe ich sehr gut getroffen, der Ball hat ziemlich geflattert.

bundesliga.de: Lässt sich das am Samstag wiederholen?

Calhanoglu: (lacht) Nein, aus 40 Metern treffe ich sicherlich nicht nochmal gegen Dortmund. Aber um den 16er herum kann ich natürlich immer gefährlich werden.

bundesliga.de: Von Ihnen werden stets Wunderdinge erwartet, wenn Sie zum Freistoß antreten. Sorgt das für einen besonderen Druck?

Calhanoglu: Klar spürt man ein bisschen Druck, als Schütze musst du etwas beweisen. Das Schießen ist meine größte Stärke, das wissen die Leute natürlich. Aber wenn ich am Ball stehe, denke ich nur an meine Mannschaft. Es ist ein super Gefühl, wenn ich den Ball gut treffe und er ins Tor fliegt oder einer meiner Kollegen eine Vorlage verwertet.

bundesliga.de: Wie häufig trainieren Sie Freistöße?

Calhanoglu: Drei Mal pro Woche habe ich Freistoßtraining, ich schieße immer 20 Mal von rechts und 20 Mal von links, wir machen davon Aufnahmen. Die Trainer analysieren die Abläufe und ich gucke auch selber, was ich verbessern kann.

bundesliga.de: Können Sie die Freistöße wirklich noch besser schießen?

Calhanoglu: Ganz sicher. Man kann sich immer weiter verbessern, wenn man hart an sich arbeitet.

bundesliga.de: Haben Sie sich bei anderen Spielern etwas abgeschaut?

Calhanoglu: Klar, ich habe mir vor allem David Beckham und Juninho sehr oft angeguckt. Das hat mir geholfen, meine Schusstechnik zu entwickeln.

bundesliga.de: Gibt es in der Bundesliga Standardspezialisten, die Ihnen gut gefallen?

Calhanoglu: Absolut, da gibt es einige. Zlatko Junuzovic ist ein super Freistoßschütze, Marco Reus genauso. Auch Johannes Geis von Mainz 05 hat einen super Schuss.

"Ich lerne noch ständig dazu"

bundesliga.de: Das Wintercamp haben Sie mit Leverkusen in Florida verbracht. Hat Bayer sich dort gut vorbereiten können?

Calhanoglu: Ja, wir hatten dort eine gute Zeit, die Bedingungen und Plätze waren auch sehr gut. In den Testspielen lief es für uns rund - den Florida-Cup vielleicht ausgenommen, da haben wir ein Spiel verloren. Wir haben hart daran gearbeitet, uns weiter zu verbessern. Wenn wir das Niveau der Hinrunde halten, dazu noch konstanter werden, dann ist für uns eine Menge drin.

bundesliga.de: In der Bundesliga steht Leverkusen auf Platz 3, in der Champions League und im DFB-Pokal ist der Club noch dabei. Mit welchem Ausgang wären Sie am Saisonende zufrieden? 

Calhanoglu: Wir würden uns freuen, in der Champions League weiterzukommen und das Finale im DFB-Pokal zu erreichen, von solchen Erfolgen träumen wir alle. Und in der Liga wollen wir natürlich möglichst erfolgreich sein. Aber was für uns in dieser Saison möglich ist, ist noch schwierig zu sagen.

bundesliga.de: Leverkusen hat ein sehr junges Team, das sicherlich noch Entwicklungspotenzial hat. Können Sie es in den nächsten Jahren mit Bayern München aufnehmen?

Calhanoglu: Man merkt, dass sich die Spieler verbessern und sie an Erfahrung gewinnen. Mir selbst geht es genauso, ich lerne noch ständig dazu. Ob wir irgendwann dauerhaft mit Bayern mithalten können, wird man abwarten müssen. Das können derzeit weltweit ohnehin nur ganz wenige Mannschaften.

bundesliga.de: Möchten Sie längerfristig Teil dieser Mannschaft sein? Vor den letzten zwei Spielzeiten haben Sie jeweils den Verein gewechselt.

Calhanoglu: Ich bin glücklich hier bei Bayer Leverkusen. Es war mein Ziel, mit Bayer 04 in der Bundesliga gut zu stehen, Champions League zu spielen und im DFB-Pokal lange dabei zu sein - alles ist so eingetroffen, das macht mich sehr zufrieden. Über einen Wechsel mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Ich will hier bleiben, auch die nächsten Jahre.

"Die ganze Mannschaft lebt das System"

bundesliga.de: Haben Sie erwartet, dass Sie sich bei Bayer Leverkusen so schnell zurechtfinden würden?

Calhanoglu: Der Trainer hat mir sehr geholfen, sowohl die Mannschaft als auch das System kennenzulernen. Von meinen Mitspielern wurde ich sehr gut aufgenommen. Jeder im Verein hat seinen Teil dazu beigetragen, dass ich mich schnell einleben konnte.

bundesliga.de: Roger Schmidt scheint Ihnen auf dem Platz viele Freiheiten zu lassen.

Calhanoglu: Das stimmt, aber unser System ist sehr komplex. Bei unserem Offensivpressing darf sich niemand ausruhen, man muss sich auf jeden verlassen können, sonst funktioniert unsere Spielanlage nicht. Die ganze Mannschaft lebt das System, die Spielweise passt zu uns, und wir haben Spaß an unseren Offensivaktionen. Alle wollen dieses System spielen, deswegen klappt es. Man sieht, wie frei sich zum Beispiel Karim Bellarabi und Sonni [Heung-Min Son] fühlen, weil wir Offensivspieler die Unterstützung aus den hinteren Reihen bekommen.

bundesliga.de: Verstehen Sie sich mit den beiden am besten?

Calhanoglu: Auf dem Platz verstehe ich mich mit jedem gut, nur so kann man als Mannschaft funktionieren. Das ist auch privat so, aber mit Sonni und Karim habe ich am meisten zu tun.

bundesliga.de: Bellarabi war auch dabei, als Sie in Florida auf ein Krokodil gestoßen sind...

Calhanoglu: Ja, "Hunters"haben wir unsere Truppe genannt, natürlich nur im Spaß. Nach den Trainingseinheiten haben wir uns meistens ein Golfcart genommen und uns ein bisschen umgeguckt, wir haben einiges erlebt. Das eine Mal sind wir einem Alligator ziemlich nah gekommen, aber in Gefahr waren wir dabei nicht.

bundesliga.de: An Silvester hat Mario Götze ein gemeinsames Foto von sich und Ihnen aus Dubai gepostet, das Bild ist bei Instagram satte 181.000 Mal geliked worden. Wie kam es zu dem Schnappschuss?

Calhanoglu: Wir haben uns rein zufällig bei einer Gala getroffen, er war dort mit seiner Familie und seiner Freundin, ich mit meinem besten Freund. Wir haben uns eine Weile unterhalten und sehr gut verstanden.

bundesliga.de: Während Sie am Samstag gegen Borussia Dortmund antreten, treffen Ihre Kollegen Heung-Min Son und Robbie Kruse im Finale des Asien-Cups aufeinander. Wem drücken Sie die Daumen?

Calhanoglu: Am besten wäre es, wenn beide den Pokal gewinnen könnten. (lacht) Ich vertrage mich mit Sonni und Robbie sehr gut und wünsche ihnen viel Glück. Verdient haben den Sieg beide. Sie haben viel dazu beigetragen, dass ihre Teams ins Finale eingezogen sind.

Das Gespräch führte Felix Seaman-Höschele