Nürnberg - Dieter Hecking geht mit dem ersten 1. FC Nürnberg in seine zweite Saison als Cheftrainer. Nachdem der "Club" in der Relegation gegen Augsburg dem Abstieg von der Schippe gesprungen ist, hofft der Coach in der kommenden Spielzeit auf etwas weniger Nervenkitzel.

Hecking erklärt im Interview mit bundesliga.de, was er von der Relegation mitnimmt, wer der "neue" Tomas Galasek ist und warum der FCN so viele Spieler ausleiht.

Bundesliga.de: Herr Hecking, es ist nun zweieinhalb Monate her, dass Sie mit dem 1. FC Nürnberg die Relegation überstanden und den Klassenerhalt gefeiert haben. Was nimmt man aus derartigen Entscheidungsspielen mit für die neue Saison?

Dieter Hecking: Ich denke, dass es für uns eine wichtige Erfahrung war, diesem Druck, der auf den Spielern unweigerlich lastet, souverän standgehalten haben. Das wird uns in der neuen Saison zugute kommen, denn wir sind ja nicht so vermessen zu sagen, dass wir Neunter oder Zehnter werden.

Bundesliga.de: Es war bereits das zweite Mal in Folge, dass der "Club" in die Relegation ging. Wie wollen Sie verhindern, dass die Fans wieder bis zum letzten Drücker Blut und Wasser schwitzen müssen?

Hecking: Tja…wen Sie mir das heute schon sagen könnten, wären wir natürlich froh. Aber wir müssen realistisch denken, dass es wieder sechs, sieben Mannschaften in der Bundesliga geben wird, die um die letzten drei Plätze ringen werden. Und dazu gehören auch wir.

Bundesliga.de: Haben Sie ein offizielles Saisonziel ausgegeben?

Hecking: Es muss unser Ziel sein, dass wir es dieses Mal ohne Relegation schaffen, die Klasse zu halten.

Bundesliga.de: Sie sind in der vergangenen Winterpause nach Nürnberg gewechselt und kamen quasi als "Feuerwehrmann". Ist es jetzt für Sie persönlich einfacher, vom Saisonbeginn an dabei zu sein?

Hecking: Natürlich hat man jetzt etwas mehr Gestaltungsmöglichkeiten, was den Kader angeht. Aber ich glaube, dass man sich als Trainer immer auf die jeweilige Situation einstellt - ansonsten hätte ich ja auch im Winter absagen können. Ich sehe es also nicht als Riesenvorteil.

Bundesliga.de: Das Anfangsprogramm des FCN hat es mit drei Auswärtsspielen in den ersten vier Begegnungen gleich in sich. Kommt Ihnen der schwere Auftakt ungelegen oder spielt das für Sie keine Rolle?

Hecking: Ich bin kein Trainer, der über die nächsten vier Spieltage nachdenkt. Für uns ist es wichtig, dass wir beim Pokalspiel in Trier erfolgreich in die Saison starten, dann spielen wir in Gladbach. Auf diese zwei Begegnungen richtig wir erst einmal unseren Fokus. Alles andere wird dann von Spieltag zu Spieltag kommen. So ein Saisonauftakt kann immer unterschiedliche Verläufe nehmen - und deshalb warten wir jetzt die ersten beiden Spiele ab und schauen dann weiter.

Bundesliga.de: Beim FCN drückte in der vergangenen Saison im Angriff der Schuh - und auch in der Vorbereitung gab es in den letzten drei Testspielen nur einen Treffer. Sind Sie dennoch zuversichtlich, dass Ihr Team in der anstehenden Saison treffsicherer wird?

Hecking: Man muss immer sehen, zu welchem Zeitpunkt wir diese Spiele bestritten haben. Wenn wir den Test gegen PAOK Saloniki nehmen, die eine Woche vor dem Champions-League-Qualifikationsspiel in Amsterdam standen und am Mittwoch ein 1:1 holten - dann muss ich sagen, dass unser 1:1 nicht so verkehrt war. Auch das 0:1 gegen den PSV Eindhoven, eine Spitzenmannschaft, war eine ausgeglichene Partie. Gegen solche Mannschaften kann man nicht erwarten, dass wir immer drei, vier Tore schießen. Nur beim 0:0 gegen Teplice hätten wir sicherlich das ein oder andere Tor schießen müssen, das ist sicherlich richtig.

Bundesliga.de: Mit Ekici, Hegeler und Schieber geht der "Club" wieder mit drei ausgeliehenen Spielern in die Saison. Ist es eher Fluch oder Segen, wenn man bedenkt dass diese Profis in Nürnberg reifen und dann abgegeben werden müssen?

Hecking: Wir tun das ja nicht gern, sondern weil es der wirtschaftlichen Situation geschuldet ist. Julian Schieber hätten wir beispielsweise gar nicht mit einer Ablösesumme bekommen, weil wir nicht in der Lage gewesen wären, sie zu bezahlen. Die Regularien geben uns die Möglichkeiten eines Ausleihgeschäftes - und die nutzen wir, weil wir damit gut gefahren sind. Es gehört es natürlich dazu, dass wir Julian vielleicht nach einer Saison schon wieder abgeben müssen, aber dann hätten wir unsere Aufgabe erledigt - und der VfB Stuttgart bekommt einen gut ausgebildeten Spieler. Das kann uns auch wiederum helfen in der Zusammenarbeit mit Bayern oder Stuttgart, wenn es künftig ähnliche Spieler gibt.

Bundesliga.de: Einen, den Sie fest verpflichtet haben, ist Timmy Simons. Was versprechen Sie sich von dem Belgier, der in den Medien schon mit dem ehemaligen Nürnberg-Profi Tomas Galasek verglichen wird?

Hecking: Bei der Verpflichtung haben wir die gleichen Gedanken gehabt. Hoffen wir also, dass er so ähnlich gut einschlägt wie damals Galasek. Timmy ist ein sehr erfahrener Spieler, der unserer Mannschaft führen kann und ihr gut tun wird.

Bundesliga.de: Welche Neuverpflichtungen haben außerdem noch das Zeug, es in die Startformation zu schaffen?

Hecking: Da muss man sicherlich Per Nilsson nennen, wobei er gerade dabei ist, die mangelnde Spielpraxis aufzuarbeiten. Ansonsten haben wir viele junge Spieler geholt, die sicherlich etwas Zeit brauchen, sich an das Niveau in der Bundesliga zu gewöhnen. Aber es wird die ein oder andere Überraschung geben.

Bundesliga.de: Alles andere als ein neuer Spieler sit Marek Mintal. Er genießt bei den Club-Fans Legendenstatus - trotz einer recht schwachen Saison. Glauben Sie, dass er sich in der kommenden Spielzeit wieder berappelt?

Hecking: Marek kennt seine Stärken und Schwächen. Er weiß, dass die Leistung im letzten halben Jahr nicht so war, wie wir uns beide das gewünscht haben. Aber ich denke, dass er aufgrund seiner Erfahrung noch wichtig für uns werden kann. In der Vorbereitung geht er vorneweg und zeigt, dass er wieder Ansprüche anmelden will. Einen Marek Mintal sollte man nie abschreiben!

Bundesliga.de: In der Innenverteidigung gibt es einen großen Kampf um die Plätze. Wen sehen Sie zum jetzigen Stand der Vorbereitung in der besseren Ausgangslage?

Hecking: Da würde ich augenblicklich noch keinen Stand vermelden wollen. Wir sind noch drei Wochen vor Saisonstart. Es ist aber richtig, dass wir in der Innenverteidigung mit Wolf, Maroh, Nilsson und dem jungen Wollscheid vier Spieler haben, die Ansprüche anmelden werden. Letztlich bin ich froh, dass die Konkurrenzsituation da ist, auch wenn es dann eine schwere Entscheidung wird.

Bundesliga.de: Was passiert mit Angelos Charisteas?

Hecking: Er ist jetzt im Training integriert, wird aber mit seinem Berater eine gute Lösung anstreben. Es macht keinen Sinn, dass er ein Jahr auf der Tribüne sitzt. Dabei geht es nicht darum, dass er sich menschlich etwas zu Schulden hat kommen lassen, sondern alle Beteiligten sind der Meinung, dass er noch einmal einen Neuanfang machen sollte. Es hat einfach nicht gepasst in Nürnberg, das sieht der Spieler ähnlich. Ich denke, dass sich bis zum Ende der Transferperiode eine gute Lösung für "Harri" finden lässt.



Das Gespräch führte Johannes Fischer