Für Frank Baumann begann im vergangenen Sommer ein neuer Lebensabschnitt. Sein Arbeitsplatz ist nicht mehr der grüne Rasen, sondern ein Schreibtisch in der Geschäftsstelle von Werder Bremen.

260 Mal spielte Baumann zwischen 1999 und 2009 in der Bundesliga für Werder Bremen. Zuvor war er beim 1. FC Nürnberg aktiv. Mit Bremen wurde Baumann 2004 Deutscher Meister. Im selben Jahr und zum Abschluss seiner aktiven Laufbahn 2009 gewann er mit Werder den DFB-Pokal. Dazu kommen zwei Vize-Meisterschaften, ein weiteres Pokalfinale und das Endspiel im UEFA-Cup 2009. Seit dieser Saison arbeitet Baumann als Assistent von Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs.

Im Interview mit bundesliga.de spricht der 34-Jährige über das Topspiel gegen den VfB Stuttgart, was für die Bremer in dieser Saison noch drin ist, und über den Abstiegskampf in der Bundesliga. Dabei schlägt sein Herz immer noch für den 1. FC Nürnberg, mit dem der gebürtige Franke 1999 einen der schwärzesten Momente seiner Karriere erlebte.

bundesliga.de: Herr Baumann, am 25. Spieltag empfängt Bremen den VfB Stuttgart. Ist dies ein wegweisendes Spiel für die Bremer?

Frank Baumann: Wir haben ja nur wegweisende Spiele (lacht). Aber natürlich ist es so, dass der VfB seit Wochen - eigentlich seit Rückrundenbeginn - einen sehr guten Lauf hat und auf dem Weg nach oben ist. Insofern sind die Stuttgarter auch wieder ein Konkurrent um die internationalen Plätze geworden. Von daher würde uns ein Sieg schon sehr helfen.

bundesliga.de: Nach zuvor sieben Spielen in Folge ohne Sieg holte Werder zuletzt zehn Punkte aus vier Partien. Was sind die Gründe für den Aufschwung?

Baumann: Ich glaube, wir haben uns einfach nicht aus der Ruhe bringen lassen. Auch als die Spiele vor und nach der Winterpause nicht so gut liefen, haben wir weiter in Ruhe und hart gearbeitet. Das zahlt sich dann auch irgendwann aus. Jetzt wirkt die Mannschaft wieder gefestigt. Das Selbstvertrauen ist zurück und das hat dann auch wieder für positive Ergebnisse gesorgt.

bundesliga.de: Hätten Sie gedacht, dass Bremen nach dem Tief so schnell und scheinbar mühelos wieder den Anschluss nach oben herstellen kann?

Baumann: Einfach ist es natürlich nicht. Aber wir wussten, wenn wir unsere Leistungen bringen, dann würden wir auch wieder rankommen an die internationalen Plätze. Das hat sich ja nun auch bewahrheitet. Wir sind wieder dran. Aber es ist trotzdem noch ein langer und harter Weg. Wir sind noch nicht da, wo wir hin möchten. Insofern dürfen wir da auch nicht nachlassen.

bundesliga.de: Bremen trifft in dieser Saison ja auch noch auf den BVB, Schalke und Hamburg. Das sind alles Duelle gegen direkte Konkurrenten um einen internationalen Platz. Wo wird Werder am Ende stehen?

Baumann: Natürlich wollen wir unter die ersten Fünf kommen. Aber sicher sein kann man sich da nie. Die Konkurrenz hat schließlich auch ihre Qualitäten. Aber wir schauen hauptsächlich auf uns und wollen die guten Leistungen der vergangenen Wochen bestätigen. Dann sind wir auch optimistisch, dass es klappen wird.

bundesliga.de: Sie sind 1999 mit Nürnberg aufgrund der weniger geschossenen Tore in einem echten Krimi abgestiegen. Dabei stand der "Club" vor dem finalen Spieltag noch auf Platz 12. Hätten Sie je gedacht, dass das noch schiefgehen könnte?

Baumann: Man hat ja gesehen, dass im Fußball alles möglich ist. Die Mannschaft war eigentlich sehr konzentriert. Der Verein hatte zwar auch die eine oder andere Party oder ähnliche Aktion organisiert und ist davon ausgegangen, dass wir auch drinbleiben werden. Es mussten damals sehr, sehr viele Dinge zusammenkommen, damit wir noch absteigen würden - sowohl was unser Spiel betraf als auch was einige andere Spiele betraf. Leider ist alles eingetreten. Und so mussten wir in den bitteren Apfel beißen und mit Nürnberg den Gang in die 2. Bundesliga antreten.

bundesliga.de: Das letzte Saisonspiel gegen Freiburg ging mit 1:2 verloren. Sie selbst hatten nach einem Pfostenknaller von Marek Nikl die Chance, aus sechs Metern kurz vor Schluss den Ausgleich zu erzielen. Es misslang: War das einer Ihrer schwärzesten Momente Ihrer Karriere?

Baumann: Ja, natürlich. Es ist immer eine tragische Situation, wenn man absteigen muss. Und wenn man dann kurz vor Ende des letzten Spiels noch die Möglichkeit hat, den Abstieg zu verhindern und es misslingt, dann ist das für einen persönlich keine einfache Situation. Gerade für mich als junger Spieler war das hart.

bundesliga.de: Nürnberg stieg ab und Sie wechselten zu Werder Bremen. Hat Sie dieses nicht erzielte Tor dennoch ab und an verfolgt?

Baumann: Unterm Strich würde ich sagen, dass mir diese Aktion in meiner weiteren Karriere dennoch geholfen hat. Denn ich musste mit dieser Sache fertig werden. Und wenn man aus Niederlagen die richtigen Schlüsse zieht, dann können sie einem auf lange Sicht gesehen auch helfen. Aber natürlich war es in der ersten Zeit danach keine einfache Situation.

bundesliga.de: In dieser Saison werden wahrscheinlich so wenige Punkte wie nie zuvor zum Klassenerhalt reichen. Es sieht nach einem Vierkampf aus. Was denken Sie, wer hat die besten Karten, zumindest die Relegation oder direkt den Klassenerhalt zu schaffen?

Baumann: Das ist schwer zu sagen. Oftmals ist es im Abstiegskampf so, dass man im letzten Drittel der Saison - und in dem befinden wir uns ja auch schon - doch noch einmal außergewöhnlich viele Punkte sammeln kann, einen Lauf bekommt. Die Mannschaft, die das am ehesten umsetzen kann, hat dann auch gute Chancen, drin zu bleiben. Ich glaube, von den vier Mannschaften ist noch keine abgeschrieben. Auch Hertha BSC hat als Tabellenletzter die Möglichkeit, mit einem guten Lauf noch den drittletzten Platz und damit die Relegation zu schaffen. Die Entscheidung wird auch hier wohl erst an den letzten eins, zwei Spieltagen fallen.

bundesliga.de: Schlägt denn Ihr Herz beim Gedanken an den Abstiegskampf auch noch ein bisschen für den 1. FC Nürnberg?

Baumann: Klar, absolut. Ich hoffe natürlich, dass Nürnberg drin bleibt und nicht so wie in der vergangenen Saison in die Relegation muss, sondern vielleicht schon vorher den Klassenerhalt klar machen kann. Das wäre für mich eine schöne Sache.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz