Seit drei Spieltagen leitet Jupp Heynckes mittlerweile die Geschicke beim FC Bayern, und das mit Erfolg. Den Siegen gegen Gladbach und in Cottbus ließ der Rekordmeister am Dienstagabend ein überzeugendes 3:0 (0:0) gegen den Pokalfinalisten Bayer Leverkusen folgen.

Im Interview spricht Coach Heynckes über die Vorstellung seiner Mannschaft und über seinen Schachzug mit Lucio als rechtem Verteidiger. Außerdem kritisiert er die mangelnde Chancenverwertung und verrät, wie er den Torschützen und zweifachen Vorbereiter Lukas Podolski auf Vordermann gebracht hat.

Frage: Herr Heynckes, wie fällt Ihr Fazit des 3:0 über Leverkusen aus?

Jupp Heynckes: Wir haben zwei sehr unterschiedliche Hälften gesehen. Man muss objektiv zugestehen, dass Leverkusen in der ersten Halbzeit mehr Spielanteile hatte, der Gegner war gedanklich viel schneller als wir. Wir waren viel zu weit von den Gegenspielern entfernt und im Spielaufbau viel zu unpräzise. Nach der Pause haben wir ein richtig gutes Spiel gemacht, die Kontrolle übernommen und sehr flott und kreativ nach vorne gespielt. Wir haben zu Null gespielt, das ist ein großes Plus.

Frage: Haben Sie eine Erklärung für die Nervosität in der ersten Halbzeit?

Heynckes: Zur Entschuldigung der Spieler muss man sagen, dass sich Hamit Altintop in der Aufwärmphase verletzt hat. Der Wechsel von Lucio auf die rechte Abwehrseite und Daniel van Buyten in der Innenverteidigung hat unheimlich viel Hektik und Unruhe hineingebracht.

Frage: War das eine spontane Idee mit Lucio auf rechts und van Buyten in der Mitte?

Heynckes: Ich habe bis kurz vor dem Anpfiff mit meiner Entscheidung gewartet, ob ich statt Altintop Lucio auf die rechte Abwehrseite stellen soll, denn ich wollte erst mit ihm sprechen, ob er das spielen kann. Ich wusste, dass er in der brasilianischen Nationalmannschaft schon richtig gut auf der rechten Verteidigerposition agiert hat, nicht nur in der Defensive, sondern auch offensiv. Für mich war wichtig, dass er das auch wollte. Und Lucio hat sofort gesagt, dass er da spielt. So konnte ich dann mit Daniel van Buyten noch einen zusätzlichen kopfballstarken Spieler bringen, der bei Standardsituationen des Gegners mit seiner Körpergröße ein Gegengewicht zu den vielen großen Leverkusener Spielern darstellt und somit unheimlich wichtig für die Mannschaft ist.

Frage: Was haben Sie der Mannschaft in der Halbzeitpause mit auf den Weg gegeben?

Heynckes: Ich habe kurz die Probleme angesprochen, dass wir nicht gut gestanden haben. Alle Spieler müssen gut mit nach hinten arbeiten, näher an die Leute rangehen und im Mittelfeld schon Bälle erkämpfen, um schneller an den gegnerischen Strafraum zu kommen, dann ist das optimal. Und das haben wir nach der Pause gut gemacht.

Frage: Wie erklären Sie sich die vielen vergebenen Torchancen gegen Ende des Spiels?

Heynckes: Naja, ich denke, dass sich die Spieler in der zweiten Halbzeit so ein bisschen an ihrem eigenen Spiel erfreut haben. Das Publikum war zufrieden, ist mitgegangen. Aber da muss man einfach den Killerinstinkt wecken. Wir müssen kurzfristig lernen, unsere vielen Torchancen besser zu nutzen. Das ist das einzige Manko der zweiten Halbzeit.

Frage: Wie wollen Sie diesen Killerinstinkt wecken?

Heynckes: Indem ich immer wieder darauf aufmerksam mache. Das sind Dinge, die im Training mit der nötigen Konzentration erarbeitet werden können und müssen.

Frage: Was ist das Pfund, mit dem der FC Bayern im Endspurt wuchern kann?

Heynckes: Es klingt wie eine Floskel, aber da steckt natürlich schon Wahrheit drin, wenn man immer sagt, dass der FC Bayern schon viele enge und wichtige Spiele erlebt und auch gewonnen hat. Das hilft, um solch eine Endphase mit Optimismus anzugehen. Aber die anderen Konkurrenten lassen auch nicht locker.

Frage: Wie bewerten Sie die Leistung von Lukas Podolski, der zwei Torvorlagen gegeben und einen Treffer selbst erzielt hat?

Heynckes: Lukas hat mich nicht nur fußballerisch wegen seines Tores und seiner beiden Assists überzeugt. Es ist sehr positiv, dass er mannschaftsdienlich spielt und mit nach hinten arbeitet. Dass er Fußball spielen kann, sehr torgefährlich ist und einen Superschuss hat, ist bekannt. Aber er bewegt sich jetzt auch viel, hat Spielfreude, arbeitet für die Mannschaft, setzt bei Ballverlust nach, lässt sich ins Mittelfeld fallen und schließt die Lücke. Dem Jungen macht es Spaß, er ist ein Straßenfußballer.

Frage: Wie haben Sie ihm diese Spielfreude wieder vermittelt?

Heynckes: Ich habe sehr viele Einzelgespräche mit den Spielern gehabt, auch schon vor dem Gladbach-Spiel, auch mit den vermeintlichen Reservisten. Ich sage vermeintlich, denn ich weiß genau, dass in der Endphase einer Meisterschaft die Bank ganz wichtig ist. Das hat man heute mit van Buyten gesehen. In Ze Roberto habe ich noch einen Joker, in Miro Klose, der jetzt hoffentlich immer besser wieder in Tritt kommt, Andreas Ottl und andere - das kann entscheidend sein. Wichtig ist, dass man mit den Spielern spricht und ihnen das Gefühl gibt, dass sie genauso wichtig sind wie ein Franck Ribery oder wie ein Martin Demichelis oder ein Lucio. Das habe ich bei Lukas auch gemacht. Ich habe ihm gesagt: Du spielst gegen Gladbach, du spielst gegen Cottbus und du spielst auch das nächste Spiel gegen Leverkusen. So bekommt der Spieler wieder Sicherheit und Freude.

Frage: Spielt Podolski also auch am Samstag gegen Hoffenheim?

Heynckes: Das kann ich heute Abend schlecht sagen. Aber wollen Sie ihn nach solch einem Spiel wieder rausnehmen?!

Frage: Also schade, dass er nach der Saison nach Köln zurückwechselt?

Heynckes: Naja, wenn ich etwas länger hier gewesen wäre, dann wäre das sicher anders gelaufen.

Aus der Allianz Arena berichtet Denis Huber