Dortmund - Stille Wasser sind tief, sagt man. Und was im Volksmund gilt, trifft auch im Profifußball hin und wieder zu. Wie bei Marcel Schmelzer. Der linke Außenverteidiger von Borussia Dortmund ist alles andere als ein Lautsprecher, nicht im Wort- und auch nicht im übertragenen Sinn, als Alleinunterhalter auf dem Rasen.

Dennoch hat Schmelzer etwas zu sagen und weiß das zu artikulieren. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht er über den Aufschwung des BVB, über Thomas Tuchel und Jürgen Klopp, und über seine eigene Perspektive.

bundesliga.de: Herr Schmelzer, nach dem 2. Spieltag und dem zweiten 4:0 in Folge sollen Sie gesagt haben, dass der Saisonstart kaum besser hätte laufen können. Zwei Spiele weiter zeigt sich, dass es beim BVB aktuell immer noch besser geht.

Marcel Schmelzer: Ich kann mich zwar nicht entsinnen, das so gesagt zu haben, aber es ist keine Frage, dass wir sehr gut in die Liga gestartet sind und unsere bisherigen Ziele erreicht haben. Vier Siege in vier Spielen in der Bundesliga sind wohl sogar etwas mehr als man sich anfangs erhofft hätte. Noch dazu haben wir diese Siege nicht glücklich, sondern dank überzeugender Leistungen erzielt, so dass die volle Punktzahl gerechtfertigt ist. Allerdings wissen wir, dass wir für diese ersten Erfolge in den vergangenen Wochen sehr hart arbeiten mussten.

"Tuchel legt Wert auch auf kleinste Details"

© imago

bundesliga.de: Vier Spiele, vier Siege, viermal ein Feuerwerk. Ist die Mannschaft selbst davon überrascht, was sie schon drauf hat?

Schmelzer: Überrascht vielleicht tatsächlich davon wie schnell sehr viel schon sehr gut funktioniert. Dank der Qualifikationsspiele in der Europa League konnten wir im Vorfeld ein wenig Praxis für die Bundesliga sammeln. Diesen kleinen Vorsprung haben wir genutzt. Jetzt gilt es weiter akribisch zu arbeiten, denn die Gegner stellen sich allmählich auf unser Spiel ein. Schon gegen Hertha und auch in Hannover konnte man sehen, dass die Gegner sehr defensiv aufgestellt sind und versuchen, über wenige Konter zum Erfolg zu kommen. Diesbezüglich müssen wir uns verbessern, um demnächst möglichst selbst diese Chancen zu vereiteln.

bundesliga.de: Es verblüfft, dass sich die aktuelle Elf nicht allzu sehr von der aus der Vorsaison unterscheidet. Gerade bei Henrikh Mkhitaryan und Matthias Ginter scheint es beinahe wie biblisches Handauflegen, mit dem Thomas Tuchel sie erreicht zu haben scheint.

Schmelzer: So ist der Fußball wohl. Wenn man eine schlechtere Saison hinter sich gebracht hat, versucht man im Urlaub einfach mal abzuschalten, um sich danach hundertprozentig neu fokussieren zu können. Läuft es dann in den Test- und in den ersten Pflichtspielen schon sehr gut, wie es bei Miki (Henrikh Mkhitaryan; d. Red.) und auch bei Matze (Matthias Ginter; d. Red.) der Fall ist, trägt einen das Selbstvertrauen auch in die weiteren Spiele. Funktioniert aber die komplette Mannschaft nicht richtig, und unterlaufen dem einzelnen mehrere Spiele hintereinander viele Fehlpässe, ist das eine völlig andere Fußball-Welt. Dann geht jedes Selbstvertrauen völlig verloren. Umso schöner ist es, dass es für Miki so gut läuft. Er hat hart dafür gearbeitet und ist immer selbstkritisch geblieben. Und mir persönlich macht es sehr viel Spaß mit ihm zusammen die linke Seite zu bespielen.

bundesliga.de: Die Frage, was Thomas Tuchel anders macht als Jürgen Klopp, können Sie wahrscheinlich nicht mehr hören, oder?

Schmelzer: Stimmt.

bundesliga.de: Deshalb frage ich lieber, ob Thomas Tuchel einen so erfahrenen Profi wie Sie noch überraschen konnte?

Schmelzer: Die Frage zielt aber in dieselbe Richtung (lacht). Fakt ist, dass Thomas Tuchel die Ernährung umgestellt hat und dass er großen Wert auch auf kleinste Details legt. Etwa darauf, dass man dem Mitspieler den Ball auf den richtigen Fuß spielt, weil man so in der Offensive Millisekunden gewinnt, die gerade bei der letzten Station vor dem Torabschluss entscheidend sein können.

"Wir sollten sehr behutsam bleiben"

bundesliga.de: Für viele ist der BVB nun bereits wieder der Bayern-Herausforderer Nummer Eins. Wie sehen Sie das?

Schmelzer: Damit sollte man so früh in der Saison sehr vorsichtig sein. Hätten wir in der vergangenen Spielzeit am 4. Spieltag in Mainz gewonnen, als Ciro Immobile leider einen Elfmeter verschossen hat, wären wir ebenfalls Tabellenführer gewesen, wenn auch nicht mit vier Siegen. Stattdessen ist es für uns damals immer weiter bergab gegangen. Das zeigt, wie schnell sich die Dinge im Fußball drehen können. Deshalb sollten wir sehr behutsam bleiben und zunächst wirklich nur von Spiel zu Spiel denken.

bundesliga.de: Haben Sie damals gespürt, dass etwas zu Ende geht, oder haben Sie die schlechten Ergebnisse lediglich für eine vorübergehende Krise gehalten?

Schmelzer: Für mich war der Rücktritt von Jürgen Klopp ein Riesen-Schock. Ich habe während meiner gesamten bisherigen Profilaufbahn mit Klopp zusammengearbeitet und habe ihm viel zu verdanken. Er hat mir die Möglichkeit gegeben im Profifußball überhaupt erst Fuß zu fassen. Für uns alle war das damals eine "normale" Krise, wie sie einen Fußballverein schon einmal ereilen kann. Allerdings eine, die etwas länger gedauert hat,  da wir in der Hinrunde bis auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht waren. Dennoch hat keiner von uns daran gedacht, dass der Trainer entlassen werden oder zurücktreten könnte. Der Fokus lag immer darauf den Karren, den wir selbst in den Dreck gefahren hatten, in der Rückrunde wieder herauszuziehen.

bundesliga.de: Sie konnten wegen einer Verletzung nur 22 Spiele absolvieren...

Schmelzer: ... davon 16 in der Rückrunde. Ich hatte lange mit einem Handbruch zu kämpfen, so dass ich erst kurz vor der Winterpause wieder ins Team gerutscht bin. Generell war 2014 für mich kein besonders gutes Jahr. Dann aber habe ich eine gute Vorbereitung absolviert und - wie ich finde - eine gute Rückrunde gespielt. Das mag vielleicht nicht so aufgefallen sein, weil wir das Feld von hinten aufrollen mussten. Wenn man dagegen auf Platz eins steht, liegt das Augenmerk möglicherweise eher auf einem.

bundesliga.de: Nach vier Spielen gehören Sie jetzt wieder zu den absoluten Leistungsträgern des BVB.

Schmelzer: Mag sein. Ich glaube aber, dass ich aus der Nummer, dass die Kritiker mich immer eine halbe Note schlechter bewerten als mein Spiel tatsächlich ist, nicht mehr herauskommen werde. Letztlich aber zählt ohnehin nur, dass ich aktuell in einer guten Verfassung bin, deshalb entsprechende Leistungen abliefern kann und dass das im Verein anerkannt wird.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass diese ungerechte Bewertung daran liegt, dass Ihr Spiel nicht so spektakulär ist und dass Sie eher ein introvertierter Typ sind?

Schmelzer: Vermutlich ja. Ich denke, dass diese beiden Punkte eine Rolle spielen. Es wirkt einfach anders, wenn einer in seinem Spiel das eine oder andere Kabinettsstückchen zeigt. So bin ich aber nun einmal nicht. Ich bin als Verteidiger zum BVB gekommen und es ist meine allererste Aufgabe das Tor meiner Mannschaft zu sichern. Alles was darüber hinaus geht ist die Kür. So ist der Fußball heute eben auch...

bundesliga.de: ...große Unterhaltung?

Schmelzer: ...und eine noch größere Show als noch vor einigen Jahren. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber der Fokus liegt so automatisch eher auf den Spielern, die - aus welchen Gründen auch immer - mehr herausstechen und auffallen als die, die "nur" ihre Arbeit machen.

"Wir haben nichts zu verschenken"

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Hofmann

bundesliga.de: Sie analysieren Ihre Situation sehr klar. Bedeutet das auch, dass Sie nicht enttäuscht waren, als Sie Anfang September nicht zum Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft gehörten?

Schmelzer: Nein. Wie ich finde und wie viele Medien bestätigt haben, habe ich zuletzt gute Leistungen abgeliefert. Umso mehr kommt es jetzt darauf an, bis zur nächsten Länderspielpause im Oktober meine bisherigen Leistungen zu bestätigen oder sogar zu verbessern - und zu hoffen, dass es dann klappt mit einer Nominierung.

bundesliga.de: Sie sind zehn Jahre in Dortmund, Ihr Vertrag läuft noch bis 2017, dann wären Sie 29. Denken Sie über diesen Zeitpunkt hinaus?

Schmelzer: Auf keinen Fall. Ich tue mich schon schwer über das Ende der aktuellen Saison hinauszuschauen. Diese Saison wird uns voll und ganz in Anspruch nehmen. So sind wir in der Europa League vertreten, aber unter ganz anderen Bedingungen als 2010/11. Damals hatten wir mit unter anderem Sevilla und Paris eine Gruppe, die beinahe Champions-League-Niveau hatte. Jetzt aber sind wir die gesetzte Mannschaft in unserer Gruppe (Gruppe C: Borussia Dortmund, FK Krasnodar, FK Qäbälä, PAOK Saloniki; d. Red.). Da ist es klar, dass wir die Gruppenphase als Erster abschließen wollen. Ich freue mich jedenfalls sehr auf die Auftritte in Ländern, in denen wir noch nicht so häufig zu Gast waren.

bundesliga.de: Am Sonntag empfängt Dortmund in der Liga Bayer Leverkusen. Da gibt es für den BVB noch etwas gutzumachen.

Schmelzer: Sie spielen darauf an, dass wir in der vergangenen Saison zum Saisonauftakt in Dortmund gegen Bayer verloren haben. Ich glaube aber, dass wir generell und nicht nur in Bezug auf dieses Spiel etwas gutzumachen haben. Es liegt nicht an Leverkusen und der genannten Vorgeschichte, dass wir hoch motiviert in diese Partie gehen werden. Im Moment sind wir auf einem guten Weg. Wir arbeiten konzentriert und engagiert, haben nichts zu verschenken und wollen die drei Punkte unbedingt in Dortmund lassen. Aber wir wissen, dass nach einem guten Start irgendwann auch eine Phase kommen kann, in der man vielleicht etwas nachlässt. Umso mehr wollen wir alles dafür tun, uns ein gutes Polster zu erarbeiten und uns so lange wie möglich auf den Champions League-Plätzen festzusetzen.

 

Das Gespräch führte Andreas Kötter