Köln - Zehn Jahre spielte Thomas Kessler für den 1. FC Köln. Dann wechselte er zum FC St. Pauli. Sein Debüt für die "Kiezkicker" gab der Torhüter jetzt ausgerechnet in seiner alten Heimat.

Doch trotz einer ordentlichen Vorstellung der Mannschaft und einer starken persönlichen Leistung des Keepers ging der Aufsteiger mit einer 0:1-Niederlage vom Platz. Danach stellte sich der 24-jährige zum Interview.

Frage: Herr Kessler, wie war das für Sie, erstmals als Mitglied der gegnerischen Mannschaft im RheinEnergieStadion aufzulaufen?

Thomas Kessler: Wenn man nach zehn Jahren den Verein wechselt und dann ausgerechnet sein erstes Spiel gegen seinen Ex-Club macht, ist das hochemotional, hier einzulaufen. Es macht immer wieder Spaß, hier zu spielen. Aber jetzt überwiegt die Enttäuschung über die Niederlage.

Frage: Sie haben lange in Köln um die Nummer eins gekämpft und sich zum Saisonbeginn nach St. Pauli ausleihen lassen. Waren Sie besonders motiviert, es auch den Kölner Vereinsoberen zu zeigen?

Kessler: Darum geht es nicht. Ich habe mich ausleihen lassen, um Spielpraxis zu bekommen. Ich hatte das große Glück, dass der FC St. Pauli auf mich zugekommen ist und mir die Gelegenheit gegeben hat, den Verein zu wechseln. Unglücklicherweise habe ich mich am Anfang der Saison verletzt. Jetzt bin ich wieder fit. Der Trainer hat mir das Vertrauen geschenkt. Das versuche ich zurückzuzahlen. Und es ist nicht anders, als gegen Dortmund, Bayern oder Schalke zu spielen.

Frage: Waren Sie nervös vor dem Spiel?

Kessler: Eine gewisse Anspannung ist bei jedem Spiel da. Für mich war es wie gesagt ein hochemotionales Spiel. Ich bin nach Köln zurückgekehrt, wo ich zehn Jahre gespielt habe. Aber eine besondere Nervosität habe ich nicht verspürt. Ich war motiviert und hätte mich gerne über drei Punkte gefreut.

Frage: Wie war das Gefühl beim Einlaufen?

Kessler: Für mich als gebürtigen Kölner ist das natürlich ein Gänsehautatmosphäre in dem Stadion. Es ist auch für jeden anderen Spieler toll, in Köln zu spielen. Unsere Jungs haben sich auch darauf gefreut, in dieser tollen Arena zu spielen. Aber dafür kann man sich nichts kaufen, wenn man kein Tor macht.

Frage: Kommen wir auf das Spiel zu sprechen. Wie bewerten Sie die 90 Minuten?

Kessler: Ich bin wahnsinnig enttäuscht, dass sich die Mannschaft nicht belohnt hat nach dieser tollen zweiten Halbzeit. Wir hätten mindestens einen Punkt verdient gehabt. Aber im Abschluss hatten wir ein bisschen Pech.

Frage: Wie zufrieden waren Sie mit Ihrer eigenen Leistung und wie haben Sie das Tor gesehen?

Kessler: Ich kann mit meiner persönlichen Leistung zufrieden sein. Das Billardtor war unglücklich. Ich hätte natürlich viel lieber zu Null gespielt und bin schon enttäuscht. Aber ich gehe mit erhobenem Haupt aus dem Stadion. "Poldi" hat eine Riesenqualität, die er wieder unter Beweis gestellt hat. Es ist unglücklich, dass er ausgerechnet gegen mich aus 30 Metern so eine Riesenfackel abbrennt. Das war anscheinend seine persönliche Sympathie für mich.

Frage: Wie erklären Sie sich den Unterschied zwischen der schlechten ersten Halbzeit und der besseren zweiten Hälfte?

Kessler: Wir hatten in der ersten Hälfte eine Phase, in der wir gerade nach dem Gegentor nicht so agil und konzentriert waren. Da haben wir viele kleine Fehler gemacht. Nach der Pause sind wir stark rausgekommen. Ich hatte in der zweiten Halbzeit deutlich weniger zu tun. Da hat man gesehen, welche Qualität diese Mannschaft hat. Es ist schade, dass wir uns nicht belohnt haben.

Frage: Die Mannschaft hat jetzt nach drei Spielen drei Punkte auf dem Konto. Wie muss man das einschätzen?

Kessler: Wir haben Lehrgeld gezahlt. Das hat man schon gegen Hoffenheim gesehen, als wir durch eine blöde Standardsituation ein Tor gekriegt und uns damit um den verdienten Lohn gebracht haben. Gegen Köln war es ähnlich. Es war ein Riesenschuss von "Poldi", der unglücklich abprallt. Vielleicht haben wir demnächst einmal das Glück, dass der Ball woanders hinspringt. Dann geht das Spiel 0:0 aus oder wir gewinnen es sogar 1:0. Aber ich denke, wir haben gezeigt, dass wir im Oberhaus angekommen sind. Wir haben die Qualität, da mitzuhalten. In der Mannschaft steckt richtig Power. Wir werden die Klasse halten.

Frage: Was hat den Unterschied zum 1. FC Köln ausgemacht?

Kessler: Wir haben 25 Minuten schwach gespielt. Das hat uns ein bisschen das Genick gebrochen. Mit ein bisschen Glück machen wir das Tor. Man kann aber nicht davon sprechen, dass wir verdient verloren haben.

Frage: Am kommenden Samstag steht das Derby gegen den HSV an. Ist der Druck da besonders hoch?

Kessler: Ein Stadtderby ist natürlich immer etwas Besonderes. Das ist klar. Wir werden uns akribisch auf dieses Derby vorbereiten. Es wird ein bisschen mehr kribbeln, gerade im Stadion. Das ist ein Spiel für die Fans. Aber Druck haben wir in jedem Spiel. Wir spielen in der Bundesliga und nicht in der Kreisliga. Wir müssen jede Woche unter Beweis stellen, dass wir die Klasse dafür haben. Wenn wir so weitermachen wie in Köln in der zwieten Halbzeit, werden wir auch gegen den HSV bestehen können.

Frage: Glauben Sie, dass Sie auch beim Derby gegen den HSV im Tor stehen werden?

Kessler: Ich bin nach St. Pauli gegangen, um zu spielen. Ich möchte mir das erarbeiten. Ich habe die Zeit nach meiner Verletzung genutzt, um mich in jedem Training reinzuhauen und den Trainer zu überzeugen. Dann habe ich leider von der Verletzung von Matthias Hain profitiert. Aber so ist das im Profifußball. Ich muss Gas geben, um zwischen den Pfosten zu stehen. Das habe ich in den letzten zwei Wochen nach meiner eigenen Verletzung getan. Das werde ich in der kommenden Woche tun. Und dann wird man sehen, wie sich der Trainer entscheidet.

Aufgezeichnet von Tobias Gonscherowski