Lars Stindl spielt seit Beginn der Saison 2015/16 für Borussia Mönchengladbach. Mit den Fohlen kämpft der 27-Jährige um die Qualifikation für die Champions League. Im Exklusiv-Interview mit Bundesliga.de spricht Stindlüber die schwierigen ersten Wochen in Mönchengladbach, über die Auswärtsprobleme der Borussen und über die Entwicklung in Hannover.

bundesliga.de: Herr Stindl, Sie sind seit etwa einem Dreivierteljahr Borusse; wie fällt Ihr bisheriges persönliches Fazit aus?

Lars Stindl:Nach anfänglichen sportlichen Schwierigkeiten, die sich immer auch auf den Alltag und das „normale“ Leben neben dem Fußball auswirken, haben meine Frau und ich uns gut in Mönchengladbach eingelebt. Man spürt hier an jeder Ecke, dass Borussia allgegenwärtig und bei beinahe jedem im Herzen ist.

bundesliga.de: Sie wohnen aber in Mönchengladbach?

Stindl: Das stimmt. Ich habe diese Entscheidung ganz bewusst getroffen. Mir war es wichtig, dass ich einen Eindruck davon bekomme, wie der Verein in die Stadt hineinwirkt und wie die Menschen Borussia wahrnehmen. Das halte ich gerade zu Beginn für wichtig.

bundesliga.de: Klingt als hätten sich Ihre Erwartungen an den Wechsel in jeder Hinsicht erfüllt...

Stindl: Absolut. Ich konnte bisher das umsetzen, was ich mir vorgestellt habe. Ich habe fantastische Abende in der Champions League erleben dürfen, das Highlight meiner bisherigen Karriere. Aber auch in der Bundesliga haben wir tolle Spiele gezeigt. Aktuell stehen wir auf einem ordentlichen fünften Platz und haben die Chance in den verbleibenden Spielen noch etwas Besonderes zu schaffen.

bundesliga.de: Sie kamen unter der Prämisse zur Borussia, dass Lucien Favre Ihr Trainer sein würde. Hatten Sie Sorge, dass sich Ihre Vorstellungen nicht umsetzen lassen würden, als Favre nach nur fünf Spieltagen zurücktrat?

Stindl: Lassen Sie mich vorweg sagen, dass ich von der gesamten sportlichen Leitung und deren Konzept überzeugt war und bin. Ob mit Max Eberl, Steffen Korell oder Lucien Favre - die Gespräche waren allesamt hervorragend. Natürlich hat Favres Rücktritt für die Mannschaft und den ganzen Verein zunächst zu einer schwierigen Situation geführt. Ich hätte ihn und seine Art Fußball spielen zu lassen gerne auch noch näher kennengelernt. Aber Fußball ist nun einmal ein Tagesgeschäft, und das Leben muss weitergehen. Mit André Schubert ist dann jemand gekommen, der ein bisschen etwas geändert hat, auch was meine Situation und meine Position auf dem Spielfeld betrifft. Und die Mannschaft und ich fühlen uns dabei sehr wohl.

bundesliga.de: Beim Schweizer waren Sie zunächst für das defensive Mittelfeld eingeplant, jetzt aber bilden Sie mit Raffael ein hervorragendes Sturmduo...

Stindl: Bereits Lucien Favre hatte mir zu verstehen gegeben, dass auch eine Option besteht, weiter vorne zu spielen. Das haben wir zum Beispiel in Bremen ausprobiert, wo wir damals leider 1:2 verloren haben. Für mich ist aber gar nicht so wichtig, ob hinten oder vorne. Ich habe vielmehr immer gesagt, dass es mir am liebsten ist, wenn ich im Zentrum spielen kann. Grundsätzlich geht es ohnehin immer darum, die Situation so anzunehmen, wie sie ist, und zu versuchen das Beste daraus zu machen.

bundesliga.de: Raffael scheint in der Form seines Lebens zu sein...

Stindl: Mit Raffael haben wir einen überdurchschnittlichen Spieler in unseren Reihen. Er ist nicht nur eine Bereicherung für unsere Mannschaft, sondern für die ganze Liga. Ich bin sehr froh, dass ich vorne mit ihm spielen darf. In den vergangenen Spielen haben wir zudem auch Thorgan Hazard nach vorne gezogen. Und auch das hat gut funktioniert. Alle unsere Offensivkräfte verfügen über große individuelle Fähigkeiten und Intuition. Trotzdem ist sich keiner zu schade, sich in das große Ganze einzufügen. Ich denke, wir drei haben auch im läuferischen Bereich viel für die Mannschaft getan.

bundesliga.de: Zuhause spielt die Borussia die Gegner regelmäßig an die Wand, und auch auswärts tritt man meist dominant auf. Trotzdem sind Auswärtspunkte Mangelware. Ist das systembedingt?

Stindl: Nein. Das sehe ich nicht so. Wir haben in den vergangenen Wochen unterschiedliche Systeme gespielt, in Mainz etwa ein 4-4-2, ebenso wie in Augsburg. Und in Wolfsburg haben wir das System im laufenden Spiel umgestellt. Jetzt müssen wir scharf analysieren, was wir besser machen können. Fußball ist ein Ergebnissport, das wissen wir alle. Und unter dem Strich haben wir in der Rückrunde bisher nur einen einzigen Auswärtspunkt geholt. Das ist für die Ansprüche, die wir haben, hundertprozentig zu wenig. Dessen sind wir uns bewusst. Umso mehr arbeiten wir daran, uns noch mehr Chancen herauszuarbeiten. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass wir Tore erzielen. Und das wiederum verringert die Wahrscheinlichkeit zu verlieren.

bundesliga.de: Wenn man aber wie auf Schalke merkt, dass der Ball trotz zahlreicher hochkarätiger Chancen einfach nicht ins gegnerische Tor gehen will, müsste man dann mit einem 0:0 nicht wenigstens einen Punkt mitnehmen?

Stindl: Wir haben zuhause oft genug bewiesen, dass wir zu Null spielen können und dass die Defensive nicht unter unserer offensiven Ausrichtung leidet. Das müssen wir in den kommenden Wochen aber jetzt auch auswärts bestätigen.

bundesliga.de: Zunächst aber kommt die Hertha in den Borussia Park (zur Duellvorschau), die man beim bisher letzten Auswärtssieg in Berlin 4:1 besiegen konnte. Wird es erneut so einfach?

Stindl: Nein. Ganz sicher nicht. Natürlich wissen wir um unsere Heimstärke, und es ist unser Anspruch das Spiel zu gewinnen. Aber mit Hertha kommt ein dicker Brocken. Die Berliner haben eine Riesenmöglichkeit Platz drei zu festigen und so schon einmal die Weichen für die Endabrechnung zu stellen. Das wird ganz schwierig für uns. Hertha ist taktisch hervorragend geschult und tritt sehr diszipliniert auf. Auch spielerisch hat sich die Mannschaft entwickelt und spielt unter Pal Dardai einen tollen Fußball. Zudem hat man viele enge Spiele gewonnen. Auch das ist eine große Qualität.

bundesliga.de: Richtet sich Ihr Blick hin und wieder auf Ihren Ex-Club Hannover 96?

Stindl: Ich glaube, dass man als Profi immer einen Bezug zu seinen ehemaligen Vereinen hat. Zumindest, wenn man diese nicht so oft wechselt (lacht). Borussia ist erst mein dritter Verein, und ich werde jetzt bereits 28. Das ist nicht das Normalste im Profi-Fußball. Der Bezug zu Hannover 96 wird also immer da sein. Ich habe noch viele Kontakte in der Mannschaft und beim Staff, und hin und wieder schreiben wir ein paar Nachrichten oder telefonieren mal. Für die Jungs ist das jetzt eine sehr schwierige Situation. Noch bleiben zwar ein paar Spiele. Aber es wird wohl sehr eng. Trotzdem hoffe ich, dass sie es irgendwie noch hinbekommen. So oder so wird sich aber nichts daran ändern, dass sich mein Blick wohl mein Leben lang immer auch ein wenig auf 96 richten wird.

bundesliga.de: Diese Verbundenheit hat Ihnen einen bewegenden Abschied aus Hannover beschert, wie er wechselnden Spielern kaum einmal zuteil wird...

Stindl: Das war wirklich sensationell. Ich hatte meine Entscheidung bereits relativ früh in der Saison gefällt und das dem Verein und den Verantwortlichen umgehend mitgeteilt. Dann habe ich darauf bestanden, dass ich meine Entscheidung über die sozialen Netzwerke den Fans und der Öffentlichkeit selbst mitteilen kann, bevor der Verein eine Pressemitteilung herausgibt. Ich glaube, dass die Leute mich ein Stück weit so wahrgenommen haben, wie ich tatsächlich bin. Meine Art und Weise hat den Fans gefallen, so wie es mir gefallen hat, wie sie mich immer unterstützt haben. Und dass wir im vergangenen Sommer noch den Klassenerhalt geschafft haben, hat uns einander wohl noch näher gebracht.

bundesliga.de: Wie nah sind Sie den Borussen-Fans schon?

Stindl: Die Atmosphäre bei unseren Heimspielen ist sensationell. Das Stadion ist fast immer ausverkauft. Aber auch auswärts werden wir hervorragend unterstützt, in ganz Deutschland, aber auch international. Das ist sehr beeindruckend. Auch für einen Spieler, der schon einiges erlebt hat.

Das Gespräch führte Andreas Kötter