Es waren gerade einmal drei Minuten vergangen, als Jürgen Klinsmann das erste Mal gestikulierend in der Coaching Zone auftauchte, die Ärmel seines blauen Hemds hochgekrempelt.

Der neue Bayern-Trainer tauchte am Freitagabend, im Unterschied zu den Vorbereitungsspielen, die er meist recht regungslos zur Kenntnis genommen hatte, oft am Spielfeldrand auf.

Es war ja auch einiges geboten in der Allianz Arena: Eine frühe 2:0-Führung, zwei Hamburger Tore, und dazu klatschte der Ball auch noch zwei Mal ans Gehäuse der Münchner.

"Wir wollen den Strom"

Es war ein durchaus nervenaufreibender Auftakt für den neuen Bayern-Trainer, zumal auch noch längst nicht alles nach Wunsch läuft beim Rekordmeister.

Klinsmann nahm's sportlich. "Wir Trainer wollen ja den Strom", sagte er hinterher, "wir wollen das Adrenalin spüren." Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt.

Zwar hatte es eine frühe Führung durch zwei der Protagonisten der WM 2006 gegeben: Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski. Doch für einen ersten Sieg in der neuen Saison reichte es nicht.

"Da muss man den Hebel ansetzen"

Franz Beckenbauer sprach nach dem 2:2 gegen den HSV, wie so oft recht unverblümt, das Problem der Münchner an: "Es hat sich bestätigt: Die Abwehr ist nicht sattelfest. Da muss man in erster Linie den Hebel ansetzen. Man muss einfach konsequenter in die Zweikämpfe gehen."

Die Fakten untermauern Beckenbauers Aussage: Zwei Gegentore in einem Bundesliga-Heimspiel kassierten die Bayern während der gesamten vergangenen Saison kein einziges Mal.

Und: Der HSV durfte 13 Mal auf das Münchner Tor schießen, das war in der gesamten vergangenen Saison nur zwei Teams in der Allianz Arena gelungen.

Klinsmann bittet um Geduld

Auch Nationalverteidiger Philipp Lahm bemängelte in einigen Situationen das Abwehrverhalten. "Wir müssen kompakter und organisierter stehen. Wir waren auch nicht aggressiv genug, haben zwei Meter vor dem Ball abgestoppt und die Hamburger konnten sich den Ball hin- und herschieben. Wir haben noch viel Arbeit vor uns."

Vorwürfe wollte Klinsmann aber keine machen. "Auf dem Stand, auf dem wir sind, und mit dieser zerfahrenen Vorbereitung muss man damit zufrieden sein."

Er bittet um Geduld. "Wir müssen immer noch improvisieren. Wir brauchen noch einige Zeit, um den gewünschten Spielfluss zu entwickeln", sagte Klinsmann, für den es "ganz normal" ist, "dass vom ersten Tag an nicht alles automatisch funktioniert".

Klinsmann sieht sein Team auf dem richtigen Weg

Er ist überzeugt davon, dass die Rädchen schon bald besser ineinander greifen werden. Man sei auf einem guten Weg. "Die Mannschaft spürt, dass immer mehr Frische und Bewegung reinkommt. Ich habe bei einzelnen Spielern Fortschritte gesehen, auch der Feinabstimmung kommen wir näher", befand Klinsmann.

Positiv kommt für ihn hinzu, dass mit Luca Toni zumindest einer der gegen Hamburg verletzt abwesenden Topstars am nächsten Wochenende gegen Dortmund wieder mit von der Partie sein dürfte.

Keine Aktivitäten auf dem Transfermarkt

Denn, auch das hat der erste Auftritt des Meisters gezeigt: Den Ausfall von Leistungsträgern wie Toni, Franck Ribery oder Martin Demichelis steckt auch der FC Bayern nicht mal eben so weg.

Nachkäufe am Transfermarkt wird es aber laut Manager Uli Hoeneß nicht geben. "Auf Dauer können wir Ribery oder Toni nicht ersetzen", räumte er ein, "aber wir sind doch nicht wahnsinnig und geben wegen zwei, drei Wochen Millionen aus."

Michael Gerhäußer