Der sportliche Aufstieg von 1899 Hoffenheim vollzieht sich in atemberaubendem Tempo. Nach dem Durchmarsch aus der Regionalliga hat sich das Team eindrucksvoll in der Bundesliga etabliert.

Mit diesem rasanten Kurs auf dem Feld kann sogar die Entwicklung des Vereins aus dem Kraichgau neben dem Platz nicht ganz Schritt halten.

So traf bundesliga.de den Manager Jan Schindelmeiser auf dem alten Trainingsgelände in Hoffenheim im provisorischen Presse-Container zum Interview.

Schindelmeiser ist seit Sommer 2006 beim Liga-Neuling im Amt. Der 44-Jährige spricht über die Rolle von Dietmar Hopp, den Umgang mit den Spielern und die nächsten Ziele.

bundesliga.de: Herr Schindelmeiser, wenn Ihnen vor der Saison jemand gesagt hätte, dass 1899 Hoffenheim nach dem ersten Drittel auf Platz 2 der Bundesliga steht - nur wegen der etwas schlechteren Tordifferenz - wie hätten Sie reagiert?

Jan Schindelmeiser: Ich hätte es nicht für möglich gehalten, wie keiner hier bei uns. Es war sicher nicht unsere Intention für dieses Jahr, uns im obersten Tabellendrittel zu bewegen. Wir sind mit der Zielsetzung in die Saison gestartet, uns in der Liga zu etablieren. Wir wollten uns fernab der Plätze bewegen, die uns Sorgen bereiten. Ohne permanent der Gefahr ausgesetzt zu sein, mit jeder Niederlage auf einen Abstiegsplatz rutschen zu können. Es ist keine gute Basis für die Weiterentwicklung einer jungen Mannschaft, wenn diese permanent unter Abstiegsdruck steht. Insofern war der gute Saisonstart von großer Bedeutung. Die Spieler entwickeln sich ja deutlich besser in dem Wissen, dass sie auch mal ein Spiel verlieren können.

bundesliga.de: Haben Sie infolgedessen intern die Zielsetzung angepasst, oder geht es immer noch nur gegen den Abstieg?

Schindelmeiser: Ohne überheblich klingen zu wollen: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Klasse halten werden. Wenn die Mannschaft ihr augenblickliches Niveau einigermaßen hält, werden wir in der Liga eine ordentliche Rolle spielen, vielleicht sogar schon einen Mittelfeldplatz belegen können. Dann sind wir immer noch deutlich über unserer eigentlichen Zielsetzung. Die Mannschaft hat unter Beweis gestellt, dass sie sich mit etablierten Teams messen kann. Inwieweit wir diese Leistungen weiter konstant abrufen können und am Ende möglicherweise im obersten Drittel landen, kann ich nicht sagen. Der Anspruch steigt natürlich mit der gezeigten Leistung auf dem Platz. Was uns freut und beeindruckt, waren nicht nur die Ergebnisse, sondern auch die Art und Weise, wie die Mannschaft Fußball spielt. Das hat dazu geführt, dass Hoffenheim in Deutschland und teilweise auch über die Grenzen hinaus Sympathien gewonnen hat. Für eben diese Spielweise mit einer ausgeprägt offensiven Ausrichtung, hohem Tempo, wenig Kontakten unter Beteiligung nahezu sämtlicher Spieler auf dem Feld. Gleichzeitig ist das Auftreten der Mannschaft eher von Bescheidenheit geprägt.

bundesliga.de: Welche Rolle spielt Dietmar Hopp bei 1899 Hoffenheim?

Schindelmeiser: Dietmar Hopp ist Partner, Investor, Mäzen und - das gilt in besonderem Maße auch für mich - Mentor. Es gibt in Deutschland wohl nur sehr wenige Menschen, die sich dem Gemeinwohl in einer ähnlichen Weise verpflichtet fühlen wie er. Natürlich macht er für uns vieles einfacher.

bundesliga.de: Wie stark ist er überhaupt in die tägliche Arbeit eingebunden?

Schindelmeiser: Dietmar Hopp ist in das Tagesgeschäft nicht involviert. Wir halten ihn selbstverständlich in allen relevanten Fragen auf dem Laufenden. Darüber hinaus wissen wir es sehr zu schätzen, dass er immer für uns da ist, wenn wir ihn brauchen.

bundesliga.de: Und wo stünde der Verein ohne ihn?

Schindelmeiser: Ohne seine Unterstützung und finanzielles Investment hätte man dieses Gebilde nicht aufbauen können. Durch ihn schließt sich dann der Kreis, weil alle diese Faktoren unsere Philosophie widerspiegeln. Auch wenn der Begriff mittlerweile ein wenig überstrapaziert ist, mir fällt keine bessere Beschreibung ein: Wir haben klare Vorstellungen davon, wo wir hinwollen, und auch wie die Mannschaft Fußball spielen soll. Großen Wert legen wir dabei auf die Weiterentwicklung junger Spieler. Diese sollten hoch talentiert sein und am liebsten noch aus Hoffenheim kommen. Da wir wissen, dass das 1:1 leider nicht funktionieren kann, müssen wir konzentrische Kreise um Hoffenheim herum ziehen und uns auch über Deutschlands Grenzen hinaus orientieren.

bundesliga.de: Kürzlich hat Sejad Salihovic seinen Vertrag bei Ihnen verlängert, obwohl auch Bayern München angeklopft hatte. Ist es für Sie im jetzigen Erfolgsfall leichter, Spieler an den Verein zu binden oder Neue zu holen?

Schindelmeiser: Sejad ist ein sehr gutes Beispiel für unsere Entwicklung, weil er sich simultan zum gesamten Club entwickelt hat. Wir haben ihn in der Regionalliga von Hertha BSC Berlin geholt, und er hat die Hürden mit uns genommen. Er ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil unserer Mannschaft und sogar der Bundesliga geworden. Von seiner Seite ist es nur konsequent, wenn er sagt: Ich möchte hier bleiben, weil meine Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Wir wollen den Jungs zeigen, dass wir sie weiterbringen können und dass unsere damaligen Zukunftspläne nicht nur Sprechblasen waren. Die Prognosen sind eingetreten, nur wesentlich früher als erhofft. Die Infrastruktur und die handelnden Personen bieten ein verlässliches und stabiles Umfeld. Im Werben um Spieler, bei denen wir mit Traditionsvereinen der Bundesliga im Wettbewerb stehen, ist das kein Nachteil. Durch die Umsetzung unseres vor zwei Jahren skizzierten Weges haben wir bei Spielern und Beratern an Glaubwürdigkeit und Attraktivität gewonnen. Und Vertrauen geschaffen. Die Spieler wissen, dass sie ihre Chance auf dem Platz bekommen und auch Fehler - die im schlechtesten Fall zu Gegentoren und Niederlagen führen - machen dürfen. Der sehr gute Saisonstart hat natürlich die Situation in dieser Beziehung zusätzlich entspannt - wobei wir keine Spiele zu verschenken haben. Jeder Spieler soll bewusst versuchen, sein Potential auszuschöpfen. Das kann er nur, wenn er weiß, dass er auch Fehler machen darf.

bundesliga.de: Marvin Compper und Tobias Weis haben durch ihre Nominierung für die deutsche A-Nationalmannschaft den nächsten Schritt genommen. Macht Sie diese Entwicklung stolz?

Schindelmeiser: Für die Jungs ist es eine große Ehre, und es bestätigt uns auf unserem Weg. Es sind keine Spieler, die bei ihren alten Vereinen schon diesen hohen Status genossen haben. Marvin saß in der 2. Bundesliga bei Gladbach auf der Tribüne, das ist noch nicht einmal ein ganzes Jahr her.

bundesliga.de: Wie erklären Sie sich seine Leistungssteigerung?

Schindelmeiser: Zum einen spielt er bei uns eine andere Position als in Mönchengladbach, zum anderen ist das Vertrauen, das man einem Spieler gibt, von hoher Bedeutung. Das Vertrauen in den Fußballer und Menschen und das beständige Streben nach einer weiteren Verbesserung seines Stärken-Schwächen-Profils haben ihm geholfen. Aufgrund unseres kompakten Kaders können wir das Training sehr genau auf einzelne Spieler ausrichten. Dabei vergessen wir aber nicht, dass Fußball ein Mannschaftssport ist, und die Jungs am Ende nur gemeinsam auf dem Platz erfolgreich sind. Daran ist unsere gesamte Spielsystematik angelehnt, gerade in der Arbeit gegen den Ball. Wir können nur dann Erfolg haben, wenn alle elf Verantwortung für ihre jeweilige Rolle übernehmen. Marvin spielt bisher nicht nur als Innenverteidiger eine sehr gute Hinrunde, sondern ist auch in eine Führungsposition innerhalb der Mannschaft hineingewachsen. Dass er die Qualität und das Potenzial hat, konnte man sehen. Aber er war offenbar in Gladbach an einem Punkt in seiner Karriere, wo er etwas verändern musste.

bundesliga.de: Und wie beurteilen Sie die Situation von Tobias Weis?

Schindelmeiser: Er befand sich beim VfB Stuttgart an der Schnittstelle zwischen Regionalliga- und Bundesligamannschaft. Man hat ihm den Sprung in die Profimannschaft zum damaligen Zeitpunkt noch nicht zugetraut. Der VfB hat ihn allerdings nicht weggeschickt, sondern er wollte weg, weil er bei uns eine größere Perspektive gesehen hat. Wir profitieren hier von der vorzüglichen Jugendarbeit des VfB. Bei uns war es für ihn ein Neubeginn, er konnte über die Zweite Liga in die Bundesliga hineinwachsen.

bundesliga.de: Sie haben zu Beginn Ihrer Tätigkeit 2006 den Zeitraum von fünf Jahren ausgegeben, um in der Bundesliga anzukommen. Das haben Sie jetzt schon geschafft. Wo steht Hoffenheim demnach 2011?

Schindelmeiser: Hoffentlich in der Bundesliga. Dies ist gewiss kein Selbstgänger. Wir wären ganz schlecht beraten, aus den vergangenen Monaten einen Automatismus abzuleiten. Die aktuelle Lage ist höchst erfreulich. Die Mannschaft spielt einen beeindruckenden Fußball, wir sind sehr erfolgreich. Wenn wir es zulassen, dass sich durch den aktuellen Tabellenstand eine Erwartungshaltung aufbaut, die sich von der Wirklichkeit gänzlich entkoppelt, kann es nur zu Enttäuschungen führen. Dies würde der Mannschaft überhaupt nicht gerecht werden. Wir wollen der Mannschaft ihre Unbekümmertheit nicht nehmen. Im Gegenteil. Die Jungs sollen weiter mit Risiko nach vorn spielen. Und dabei auch Fehler machen dürfen.

Das Gespräch führte Tim Tonner

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