"Ich ärgere mich, dass jetzt Weihnachten kommt!" Mit dieser Meinung stand Mario Gomez nach dem 5:2 im letzten Hinrundenspiel gegen Hertha BSC in der Mixed-Zone relativ alleine da.

Zu glücklich waren die meisten seiner Kollegen sowie Fans und Offizielle über die neuerliche Offensiv-Gala und die Aussicht auf besinnliche Tage im Kreise ihrer Familien.

Der Stürmer hat natürlich grundsätzlich nichts gegen das Fest an sich, aber eben dagegen, dass er und der FC Bayern nicht so weitermachen dürfen wie sie immer gerne gerne wollen und derzeit eben auch können.

Beeindruckende Siegesserie

Denn seit dem Spiel am 22. November gegen Bayer Leverkusen, das noch unentschieden endete, feierten die Münchener sechs Pflichtspielsiege in Serie. Das Torverhältnis von 20:5 in den vier Ligaspielen und zwei Champions-League-Partien spricht eine deutliche Sprache. Und auch Gomez' persönliche Bilanz ist aller Ehren wert: Fünf Tore erzielte er selbst, vier weitere legte er auf. Der 24-Jährige war also fast an der Hälfte aller FCB-Tor beteiligt.

"Auch Spitzenspieler brauchen Vertrauen. Das bekommst du durch Siege, und die haben wir eben geholt. Damit wächst jeder einzelne Spieler", erklärt Gomez das gewachsene Selbstbewusstsein, gibt aber auch im gleichen Atemzug zu, dass dies eben erst seit ein paar Wochen so ist: "Dass Potenzial und Stärke vorhanden sind im Team, war klar. Es war nur eine Frage der Zeit, wann wir alles abrufen. Zum Glück haben wir das noch rechtzeitig geschafft."

"Wir hatten eine sehr intensive Vorrunde mit Höhen und Tiefen und sind froh, dass wir mit einem Hoch aufgehört haben", so Nerlinger weiter. Mit diesem Gefühl der Erleichterung relativiert auch Gomez dann seine "Abneigung" gegenüber den anstehenden Festtagen: "Es ist schöner, so Weihnachten zu feiern und in den Urlaub zu fahren als vor acht Wochen."

Aufholjagd vom 7. Platz

Vor acht Wochen, also nach dem 1:1 gegen Bayer, stand der FC Bayern nämlich nur auf dem 7. Platz. Fünf Siege, sechs Unentschieden und zwei Niederlagen standen bis dahin für die ambitionierten Münchener zu Buche.

Es gab Diskussionen um Louis van Gaal, den neuen Trainer, und darum, wie stark die Mannschaft überhaupt ohne die oft verletzten Superstars Franck Ribery und Arjen Robben sein kann. "Wir haben damit gerechnet, dass es zu Anfang holprig wird", gibt Sportdirektor Christian Nerlinger zu.

Zwar ist die Mannschaft noch keineswegs am Ziel - schließlich wurde Leverkusen Herbstmeister und die Münchener Dritter noch hinter Schalke 04 - aber "sie hat Charakter bewiesen und ist zusammengewachsen." In der Champions League steht der FCB im Achtel- und im DFB-Pokal im Viertelfinale.

Nerlinger: "Van Gaal ist sich treu geblieben"

Damit sind auch die Kritiker van Gaals zunächst verstummt. "Loius van Gaal ist sich treu geblieben in einer schwierigen Situation, er ist seinen Weg weiter gegangen. Er ist jetzt zum Glück für seine konsequente Arbeit belohnt worden", schreibt Nerlinger dem Niederländer großen Anteil an der Erfolgsserie zu.

Als Wendepunkt wurde zuletzt immer wieder das beeindruckende 4:1 bei Juventus Turin genannt, aber Philipp Lahm setzt schon eine Woche früher an: "Auch der Sieg zuhause gegen Maccabi Haifa war schon wichtig, und dass Bordeaux gegen Turin gewonnen hat. Da haben wir gesehen, dass auf einmal wieder alles möglich war. Das hat der Mannschaft einen Schub gegeben." Seitdem zeige die Mannschaft ihr wahres Gesicht, meint Lahm.

Der Ersatzkapitän ist mit dem Ist-Zustand aber noch nicht zufrieden. "Wer zur Hälfte oben steht, tut dies zu Recht. Aber am liebsten würde ich da oben stehen", verdeutlicht er die Ansprüche an der Säbener Straße: "Wir spielen Fußball, um Titel zu gewinnen. Das ist auch das große Ziel für 2010!"

Gomez: "Sind noch nicht gut genug"

Allen voran Gomez, Robben, Thomas Müller und Ivica Olic brannten gegen die - zugegebenermaßen überforderte - Hertha bei eisigen Temperaturen ein wahres Angriffs-Feuerwerk ab, schon das dritte innerhalb von elf Tagen nach den Schützenfesten in Turin und Bochum (5:1).

Aber: "Noch sind wir nicht auf Platz 1. Und solange wir da nicht sind, sind wir auch nicht gut genug", will Gomez, der gegen Berlin seinen zwölften Pflichtspieltreffer schoss, von verfrühten Lobeshymnen nichts wissen.

"Wir haben eine hervorragende Ausgangsposition in allen drei Wettbewerben", macht sich Nerlinger wieder berechtigte Hoffnungen auf neue Pokale im Trophäenschrank und teilt Gomez' "Ärger" keineswegs: "Natürlich präsentiert sich die Mannschaft in einer sehr guten Verfassung. Aber die werden wir auch in die Rückrunde retten. Wir können die Spieler beruhigt in den Weihnachtsurlaub schicken."

Tim Tonner