Dortmund - Zweieinhalb Stunden nach dem Abpfiff hatte er immer noch nicht genug: "Deutscher Fußballmeister, Deutscher Fußballmeister, Deutscher Fußballmeister...BVB!", dröhnte es Zeile um Zeile durch den Kabinengang. Immer wieder. Kevin Großkreutz drehte nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft richtig auf.

Wahlweise im aktuellen Meistershirt oder auch einfach nur in Unterhose tanzte und sang der echte Dortmunder Junge vor der Kabine, komplett freudetrunken und auch sonst nicht mehr ganz nüchtern. Auf dem Platz gilt er längst als Laufwunder, das den arbeitsintensiven Powerfußball des BVB verkörpert wie kein Zweiter. Jetzt weiß man: Großkreutz ist auch Dortmunds Feierbiest und dabei mindestens genauso ausdauernd.

Ein Märchen wird wahr

Für ihn, der in dieser Stadt geboren wurde, mit vier Jahren zum ersten Mal im Stadion war, jahrelang selbst auf der legendären Südtribüne stand und noch immer eine Dauerkarte hat, wurde an diesem Samstag ein Märchen wahr. Inmitten der feiernden Spielermeute auf dem Rasen, die wild umhertobte und zusammen mit 80.000 Fans das Stadion zum Erbeben brachte, gab der 22-Jährige den Ton an.

Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Großkreutz schnappte sich flugs das Stadionmikrofon und stimmte persönlich die Jubelgesänge an - nicht immer wirklich schön, aber mit echter Hingabe.

"Du hast die Haare schön"

Während die Spieler ihrem Trainer die obligatorische Bierdusche verpassten und Jürgen Klopp triefend nass den größten Fan-Chor der Welt dirigierte, musste Kevin Großkreutz noch ordentlich Haare lassen. Die Kultmatte a la Netzer, seit Oktober munter gewachsen, durfte mit dem Titelgewinn wie versprochen endlich runter. Und das öffentlich. Dumm nur, dass Felipe Santana seinem Kumpel nur eine halbe Glatze verpasste - frei nach dem Motto "hinten kurz, vorne nichts". Aus den Stadionboxen dröhnte es passend "Du hast die Haare schön…!"

Über eine suboptimale Frisur und eine verdiente Meisterschaft, über wahre Träume und geilen Fußball sprach Kevin Großkreutz später - zwischen zwei Gesangseinlagen.

Frage: Kevin Großkreutz, wollen Sie tatsächlich mit dieser Frisur feiern?

Kevin Großkreutz (lacht): Ich hoffe, ich finde zuhause noch eine Maschine, um die Haare komplett zu kürzen. Aber wenn nicht, ist es mir an diesem Wochenende auch so was von egal. Ich habe immer gesagt, die Matte kommt ab, wenn wir die Meisterschaft sicher haben - und jetzt bin ich einfach froh, dass die Haare weg sind.

Frage: Wie groß waren denn der Druck und die Nervosität vor dem Spiel?

Kevin Großkreutz: Druck hatten wir auf keinen Fall! Wir Jungs in der Kabine wussten immer, was los ist. Es wurde uns ja immer wieder mal nachgesagt, dass wir zittern oder nervös werden. Aber das war in der Kabine für uns nie ein Thema. Wir sind charakterlich ein überragendes Team und wir wussten das immer alles sehr gut einzuordnen.

Frage: Wie fühlt es sich jetzt an, die Meisterschaft perfekt gemacht zu haben?

Großkreutz: Dieses Gefühl kann man gar nicht beschreiben. Das ist für mich wie im Traum. Vor zwei Jahren habe ich noch jedes Auswärtsspiel als Fan mitgemacht und war bei jedem Heimspiel mit dabei. Ich selbst habe damals in der Zweiten Liga gespielt. Davor gab es schon eine harte Zeit in Dortmund, in der die Borussia fast kaputt gegangen wäre. Aber immer haben alle die Treue gehalten und alles für den Verein gegeben. Das ist das Wichtigste in Dortmund: Dass die Fans auch in schlechten Zeiten hundertprozentig zu ihrem Verein stehen. Deswegen haben diese Deutsche Meisterschaft alle in dieser Region verdient.

Frage: Und die Mannschaft hat sich die Meisterschaft auch redlich verdient?

Großkreutz: Wir haben diesen Titel wirklich mehr als verdient. Wir haben über die gesamte Saison den geilsten Fußball gezeigt. Vor allem haben wir leidenschaftlichsten Fußball gezeigt - das ist es, was die Menschen hier sehen wollen.

Frage: Freuen Sie sich besonders auch für Dede, der den Verein nach 13 Jahren verlassen wird?

Großkreutz: Wenn ich jetzt viel über Dede spreche, dann kommen mir echt die Tränen. Er ist einfach ein super Mensch. Ich habe mit ihm so viel erlebt und ich werde ihn immer in meinem Herzen behalten. Wenn er den Verein verlässt, werden wir mit Sicherheit in Kontakt bleiben. Aber jetzt haben wir ihm zum Abschied erst einmal die Schale geschenkt - und das ist einfach überragend!

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte