Zusammenfassung

  • Gegen Hertha BSC zeigte Bremen seine beste Saisonleistung.

  • Davy Klaassen entwickelt sich immer mehr zum entscheidenden Faktor im Bremer Spiel.

  • Max Kruse spielt in neuer Rolle stark auf.

Köln – "Wir wollen nach Europa. Das ist unser Saisonziel", erklärte Bremens Sportdirektor Frank Baumann vor dem Start in die Saison. Das war eine durchaus bemerkenswerte Äußerung, die vielerorts mit Verwunderung aufgenommen wurde, denn in den letzten Jahren ging es für Werder Bremen zumindest in Teilen der Spielzeiten immer gegen den Abstieg. Nach dem 3:1-Erfolg gegen Hertha BSC und vor allem der Art und Weise, wie die zuvor ungeschlagenen Berliner bezwungen wurden, lassen die ambitionierten Worte aus dem Sommer in einem anderen Licht erscheinen. In der derzeitigen Verfassung scheint die Rückkehr nach Europa keine Träumerei, sondern ein realistisches Ziel zu sein.

Schon vor der Partie gegen Hertha hatte Werder mit acht Punkten aus vier Partien die Bilanz eines Europapokalanwärters, aber alle Punkte waren hart erkämpft und die Partien immer bis zum Schluss auf Messers Schneide. Gegen Berlin spielte die Kohfeldt-Truppe auch erstmals praktisch von der ersten bis zur letzten Minute auch wie ein Team aus dem oberen Tabellendrittel. Immer wieder spielte sich Werder mit schönen Kombinationen nach vorne. Auffällig dabei die Passsicherheit der Grün-Weißen, die vor der Partie mit 85 Prozent angekommen Zuspielen nach den Bayern die beste Quote der Bundesliga. Gegen Berlin lag die Fehlpassquote wieder nur bei 16 Prozent.

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Klaassen wird immer stärker

Dabei entwickelt sich Neuzugang Davy Klaassen immer mehr zum entscheidenden Faktor im Bremer Spiel. Der Niederländer machte gegen die Hertha eine bärenstarke Partie und war der stärkste Akteur auf dem Feld. Besonders beeindruckend war, wie sich der starke Techniker immer wieder auch in die Zweikämpfe warf. Insgesamt 19 direkte Duelle entschied Klaassen für sich – und das bei einer überragenden Quote von 70 Prozent.

Beispielhaft steht eine Szene aus der 87. Minute, als der 25-Jährige eine zu weit geschlagene Flanke von Augustinsson nicht verloren gab und mit einem starken Tackling gegen Dilrosun den Ball eroberte. Für die Aktion gab es im Weserstadion auch stehende Ovation auf offener Szene. Immer wieder feuerte er auch seine Nebenleute an – auch, als das Spiel bereits entschieden schien. Diese Mentalität des 16-fachen Nationalspielers tut der Mannschaft von der Weser extrem gut.

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Video: Florian Kohfeldt hat große Ziele mit Werder

Gemeinsam mit Maximilian Eggestein bildet Klaassen ein enorm lauf- und Spielstarkes Duo vor dem alleinigen Sechser im Bremer System. Gegen Berlin war das erstmals Nuri Sahin, der sich problemlos ins Bremer Spiel einfügte. Zudem zeigte der Ex-Dortmunder seine Qualitäten bei Standards: Ein Freistoß des Linksfußes führte zum 1:0 und den zweiten Treffer bereitete er mit einer Ecke direkt vor. Als Hertha mehr Risiko ging, brachte Kohfeldt den defensivstärkeren Philipp Bargfrede für Sahin ins Spiel.

Rashica zeigt sich als Teamplayer

Allein diese Personalie zeigt schon, wie gut die Bremer mittlerweile aufgestellt sind. Für Milot Rashica, an den ersten beiden Spieltagen umjubelter Top-Joker, und Kevin Möhwald blieb gegen die Hertha kein Platz im 18er Kader. Der Kosovare wurde nach der Partie ausdrücklich vom Trainer gelobt: „Milot war heute in der Kabine, hat unterstützt. Das ist nicht selbstverständlich.“

Sind alle Spieler fit, hat Kohfeldt die Qual der Wahl. Der 35-Jährige beweist dabei bislang zumeist ein glückliches Händchen: Etwas überraschend nominierte er Martin Harnik für die Startelf und ließ den in Augsburg überzeugenden Florian Kainz zunächst draußen. Harnik bedankte sich prompt mit seinem ersten Saisontor.

Video: Bremens Last-Minute-Sieg in Frankfurt

Der Österreicher agierte zumeist im Sturmzentrum und ermöglichte so Max Kruse mehr Freiräume. In Augsburg hatte diese Rolle der ewige Claudio Pizarro übernommen. Kruse tut es offensichtlich gut, wenn er nicht gleichzeitig Ballverteiler und Stoßstürmer in einer Person sein muss. Gegen Berlin machte er seinen zweiten Treffer binnen vier Tagen und bewies dabei einmal mehr Nervenstärke vom Elfmeterpunkt. Der Bremer Kapitän verwandelte in der Bundesliga alle seine zwölf Strafstöße - ein Dutzend Elfmeter ohne Fehlschuss schafften in der Bundesliga bisher ansonsten nur Hans-Joachim Abel (16), Ludwig Nolden (15) und Otto Rehhagel (12).

Kohfeldt stellt einen neuen Clubrekord auf

Kruse hat also mit Rehhagel gleichgezogen. Sein Trainer hat die Bremer Legende sogar hinter sich gelassen: Durch den Sieg gegen die Hertha ist Florian Kohfeldt in 16 Pflichtspiel-Heimspielen im Weserstadion noch ungeschlagen. So gut startete kein anderer Trainer der Bremer Clubgeschichte in seine Amtszeit. Diese Heimstärke gepaart mit dem gut aufgestellten Kader, der starken Mentalität der Mannschaft und einem gewitzten Trainer sind die Bremer Trümpfe im Streben nach Erfolg. Ob am Ende wirklich die Qualifikation für das internationale Geschäft steht, bleibt abzuwarten. Aber niemand wird den Bremern nachsagen können, sie hätten es nicht versucht.

Florian Reinecke